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Satirischer Ausblick auf das Jahr 2021

Von Digital-Prinzen und Vernunft-Behütern

Münster

Das 2020 ist wirklich überfällig, es ist dringend Zeit für ein neues besseres Jahr. Für unsere Redakteurin Karin Völker ist Silvester wieder der Anlass, um augenzwinkernd in die Glaskugel zu schauen und eine – wie immer – nicht ernst gemeinte Prognose für 2021 zu wagen. 

Karin Völker

Blick in die Glaskugel Foto: dpa/Daniel Naupold

Januar

Der Bundesparteitag der CDU und die nervenaufreibende Suche der Partei nach einer Führungspersönlichkeit endet am 16. Januar mit einer Sensation: Nicht Armin Laschet, Norbert Röttgen oder Friedrich Merz gewinnen die digitale Abstimmung, sondern die bis dahin völlig unbekannte 99 Jahre alte Malwine Öckensack aus Münster. Das langjährige Mitglied der Seniorenunion Münster, Bewohnerin einer Mecklenbecker Senioreneinrichtung, hatte kurzfristig die Kandidatur verkündet. Der Grund: Nach der Impfung mit dem Wirkstoff gegen das Coronavirus fühlte Öckensack unversehens ihre Kräfte wachsen und sich aufgerufen, die neue Energie in den Dienst der Volkspartei zu stellen. Ihre live gestreamte Bewerbungsrede versetzt die Parteibasis an den digitalen Endgeräten in einen Rausch der Begeisterung.

Februar

Zur Streichung des Karnevals hatten sich die münsterischen Karnevalisten mit Blick auf die Corona-Pandemie schon im Herbst entschlossen, aber jetzt, da im Kalender die theoretisch tollen Tage nahen, kommt doch Wehmut auf. Die mangels Wahl prinzenlose Prinzengarde beauftragt Design-Studierende der FH Münster  kurzerhand mit der Produktion eines virtuellen Narrenoberhauptes.

Die Schöpfung des animierten Prinzen mit seiner nie gekannten, überaus natürlich anmutenden Fröhlichkeit und originellem Witz überzeugt die altgedienten Prinzgardisten derart, dass sie beschließen, auch in Zukunft auf das Digitalprodukt zurückzugreifen. Das erspart die alljährlich schwieriger werdende Suche nach einem geeigneten Regenten und eine Menge Geld. Prinz „Detlev der Digitale“ erobert am Karnevalssonntag sogar das Rathaus – mit Hilfe eines durch Unterstützung eines Start-ups im Digital Hub gehackten Passwortes. Was die Verwaltung nicht in ungeteilte Karnevalsstimmung versetzt.

März

Im anhaltenden Corona-Lockdown schwächelt der heimische Einzelhandel, da erscheint das großzügige Übernahme-Angebot für ein alt eingesessenes Hutgeschäft eines angeblichen Geschäftsmannes aus dem schwäbischen Stuttgart-Hedelfingen zunächst als verlockendes Angebot. Aber es wird ruchbar: Der vermeintliche Investor, übrigens ein Bekannter aus dem Umfeld von Vegan-Kochbuch-Autor Attila Hildmann, will dort ausschließlich Aluhüte verkaufen – und zwar nicht als Verkleidung.

Aluhut tut selten gut. Foto: dpa/Boris Roessler

Die Münsteraner, ohnehin beim Kostümieren eher Maskenfans, bieten per Crowdfunding und Bürgersinn Paroli und retten den Laden. Dessen Verkaufsschlager wird zum Frühjahr das Modell „Münsters Vernunft-Behüter“, entworfen vom münsterischen Star-Modedesigner Guido Maria Kretschmer, gesponnen aus 100 Prozent robustem Realitätssinn und garantiert filzfrei.

April

Während Münster mit seinem neuen Hut-Modeaccessoire weit über die Grenzen hinaus Furore macht, läuft es für Oberbürgermeister Markus Lewe im Rathaus ziemlich holprig. Er hat mittlerweile zum besonderen Verdruss seiner CDU-Ratsfraktion mit oder besser gegen eine Koalition unter Führung des ehemals eigenen  grünen Bündnispartners zu regieren. Das Amt macht dem harmonieliebenden Lewe immer weniger Spaß. Als am 1. des Monats die neue CDU-Bundesvorsitzende Malwine Oeckensack bei ihm anruft, traut er zuerst seinen Ohren nicht. Die erfreuliche Nebenwirkung ihrer Corona-Impfung hält an, die zunehmend tatkräftige Seniorin räumt, mittlerweile im Konrad-Adenauer-Haus in Berlin, gehörig auf. Jetzt ist noch ein Problem zu lösen: „Jungchen“, fragt sie den 57 Jahre alten Lewe, „willst du nicht als Kanzlerkandidat antreten?“ Der andere Markus (Söder) wolle nun doch nicht – und Lewe trage doch auch bisweilen Trachtenjanker in der Öffentlichkeit. Beste Voraussetzung, um auch für Bayern wählbar zu sein.

Mai

Schwere Schlappe beim Fahrradklimatest des ADFC: Das ehemals auf den Titel Fahrradhauptstadt abonnierte Münster stürzt nach 2018 erneut vom Thron, nur viel tiefer. Platz 14, noch hinter Gelsenkirchen und Ludwigshafen.  Den Vorwurf des Stillstands in der Fahrradpolitik kann die grün-geführte Rathauskoalition unmöglich auf sich sitzen lassen.

Nicht nur wie hier am Aasee haben Fahrradfahrer künftig Vorfahrt. Foto: dpa/Rolf Vennenbernd

Neben diversen großen Innenstadtstraßen werden nun auch zwei Fahrspuren der A1 im Stadtgebiet als Fahrradstraße rot eingefärbt und abgetrennt. Autofahrer können hier, besonders an den ohnehin staugefährdeten Feiertagswochenenden, nun ganz unmittelbar die Überlegenheit des Verkehrsmittels Fahrrad erleben.

Juni

Fußball-Europameisterschaft, zweiter Versuch: Die Corona-Infektionszahlen sind stark gesunken – aber an volle Stadien mit singenden und grölenden Fans ist immer noch nicht denken. Und den wenigen, die live dabei sein wollen, soll der Stadionbesuch so unangenehm wie möglich gemacht werden. Der DFB muss nicht lange nachdenken: Welches Stadion würde sich für diesen Zweck besser eignen als die Arena am Berg Fidel? Als hier das deutsche Team am 15. Juni gegen Weltmeister Frankreich antritt, findet selbst Manuel Neuer die Aufenthaltsqualität zwischen den Torpfosten zu unkomfortabel, um hier angemessen seine Rolle ausfüllen zu können. Die Folge: Eine historische 0:8-Niederlage, die Bundestrainer Jogi Löw zwar zum sofortigen Rücktritt veranlasst, aber gleichzeitig anstachelt, sich schier unmöglichen Herausforderungen zu stellen. Löw muss sich nicht lange umschauen – denn die Preußen, die den Klassenerhalt in der vierten Liga so gerade geschafft haben, suchen mal wieder einen neuen Trainer.

Juli

In den USA hat sich die Rechtslage für Ex-Präsident Donald Trump derart zugespitzt, dass er aus den Fängen der heimischen Justiz flieht. Als selbst befreundete Diktatoren in Saudi Arabien, Turkmenistan uns Äquatorialguinea ihn nicht aufnehmen, bittet er in der von ihm verhassten EU, und dort, wegen der vergleichsweise besonders liberalen Asylgesetzgebung, in Deutschland um Aufnahme – wegen politscher Verfolgung.

Wohin mit ihm? Foto: dpa/Patrick Semansky

Doch wohin mit ihm? Noch-Kanzlerin Angela Merkel bittet CDU-Kanzlerkandidat Lewe um Hilfe, bis über Trumps Asylgesuch entschieden ist.  In der Zentralen Unterbringungseineinrichtung für Flüchtlinge ZUE in Gremmendorf  ist noch ein Zimmer frei, das der Asylsuchende, wegen seiner fortgesetzten Wutausbrüche,  ausnahmsweise allein bewohnen darf.

August

Der Termin für das nachgeholte Stadtfest von 2020  ist bestens gewählt. Eine Woche zuvor gibt es – auch dank der Überzeugungsarbeit von Malwine Öckensack – in Impfgegner-Kreisen keinen einzigen Infizierten mehr in der Stadt. Es darf also bei den Open-Air-Konzerten auf dem Domplatz zu Tausenden gesungen und getanzt werden. Mit großer Spannung wird der bis zum Schluss geheimnisumwitterte Top-Act am Samstag erwartet. Während Gerüchte um diverse Schlagerfuzzis kursieren,  deren Namen hier höflich verschwiegen werden, und Fans der Veranstaltung in Corona-Zeiten schon über zeitweisen (Musik-)Geschmacksverlust der Veranstalter witzeln, kommt es ganz anders: Auf die Bühne schwebt Superstar Madonna persönlich. Der Name der Künstlerin lockt sogar Bischof Felix Genn, zuletzt wegen Liebesentzugs vieler münsterischer Schäfchen missgelaunt, aus seinem Bischofspalais. Leider entsprechen aber weder Gesang noch Erscheinungsbild der Sängerin seinen Erwartungen, er macht schaudernd kehrt. Draußen ist Party – endlich!

September

Als am 26. September die Wahllokale für die Bundestagswahl öffnen, liegen hinter CDU-Kanzlerkandidat Markus Lewe anstrengende Monate. Seine Partei hat ihn nicht zuletzt nominiert, weil er gezeigt hat, dass er gegen einen grünen Kandidaten, noch dazu mit dem furchterregenden Namen Todeskino, eine Wahl gewinnen kann.

Kann der Oberbürgermeister auch Kanzler? Foto: Matthias Ahlke

Aber nun geht es mit Annalena Baerbock gegen eine grüne Frau. Hinzu kommt, dass der beim Kampf um den Parteivorsitz unterlegene Friedrich Merz aus dem nahen Sauerland als Untoter über den Prinzipalmarkt spukt und in der eigenen Partei Stimmung gegen den Radfahren und Multikulti liebenden Lewe macht. Am Wahlabend stehen die CDU bei 30, die Grünen bei 25 Prozent, lange  Koalitionsverhandlungen stehen bevor: Malwine Öckensack, mittlerweile 100,  wird einen langen Atem brauchen.

Oktober

Dank forcierter Energie kann die Amelsbürener Batterieforschungsfabrik früher als erwartet öffnen – und die Wissenschaftler warten schon am ersten Tag mit einem Coup auf. Sie präsentieren den Prototyp einer Ultraleichtbatterie für Passagierflugzeuge. Am schwer schwächelnden FMO, dem die münsterische Rathauskoalition  soeben die Unterstützung entzogen hat, wird die Innovation des CO₂-freien Passagierflugverkehrs vor den staunenden Augen der Welt präsentiert. Geladen wurde der Akku, mit dem ein neu konstruierter Airbus 380E zu Herbstferienbeginn in Richtung Mallorca in die Lüfte abhebt, übrigens innerhalb weniger Stunden ganz allein von den unweit des Hansa-Businessparks im Bereich Loevelingloh von Anliegern besonders ungeliebten Windrades aufgeladen. Durch die Arbeit der Batterieforscher hat der FMO das Zeug zum wirklich rundum klimafreundlichen Flughafen, dessen Betrieb nun erprobt werden kann. Das veranlasst auch die grün-geführte Rathauskoalition zur Umkehr. Die Mitglieder werfen alle Flug-Scham über Bord und unternehmen einen buchstäblichen Ausflug an die Costa Brava.

November

In der Pferdegasse geschieht ein vorweihnachtliches Wunder. Nach 13-jähriger Sanierungszeit eröffnet die Universität ihr Geomuseum. Nicht aber das gewaltige Mammut-Skelett erregt das meiste Aufsehen. Top-Act unter den Exponaten ist die kleine Dokumentation einer erst soeben beendeten Epoche.

Geomuseum Münster Foto: Matthias Ahlke

Das Museum zeigt in einer Vitrine exemplarisch mit reichlich zerdepperten Porzellan ein Zeugnis des wütenden Wirkens von Donald Trump in der ZUE. Trump selbst ist nach ablehntem Asylgesuch in die USA abgeschoben worden. Der Populismus gehört damit in die Fossiliensammlung –  meinen führende Paläonto- und Politologen.

Dezember

Es ist wieder Weihnachtsmarkt, die Pandemie ist besiegt – und das nicht nur dank der Impfung. Es ist soeben auch ein am Institut für Virologie der Universität Münster entwickeltes, hochgradig wirksames Medikament gegen Covid zugelassen worden.  Während des dritten Lockdowns im März hatten die Virologen im Labor - frustriert über die anhaltende Pandemie –  begonnen, nach Feierabend mit westfälischem Lagerkorn zu experimentieren. Ein Zufalls-Volltreffer, wie sich herausstellte, als das zwischenzeitlich fast vollzählig infizierte Team im Handumdrehen wieder genesen war. So kann sich Markus Lewe am zweiten Advent auf dem rappelvollen Weihnachtsmarkt am Rathaus bei einem  Glühwein eine Pause von den zermürbenden, andauernden Koalitionsverhandlungen in Berlin gönnen. Die SPD will partout nicht wieder mitmachen. Gegenüber bei Anna Köhne kostet SPD-Umweltministerin Svenja Schulze gerade die neue vegane Bratwurst. Sie lächelt hinüber. Ach, Münster ist so schön, denkt Lewe. Wenn er wirklich Kanzler wird, macht er Münster zum Regierungssitz.

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