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Das Deutschlandspiel im „Früh bis spät“

Die fassungslose Fußball-Bastion

Münster

Überdimensional großes Public-Viewing gibt es in diesem Jahr in Münster bei der Fußball-WM nicht. Doch im „Früh bis spät“ kam am Mittwoch sehr wohl Fußballstimmung auf – bis irgendwann alles merkwürdig anders kam...

Lange Zeit herrschte während des Spiels der DFB-Elf gegen Japan bei der Fußball-WM in Katar ausgelassene Stimmung im „Früh bis spät“. Schlussendlich regierten jedoch eher entsetzte und vergrabene Gesichter die Szenerie. Foto: Oliver Werner

Als alles vorbei ist, bleibt der Deutschen Nationalmannschaft nur die Hoffnung auf den Spruch, den Thekenkraft Pia im „Früh bis spät“ am Alten Steinweg schon in den letzten Spielminuten beherzigt: Abgerechnet wird zum Schluss.

Gut zwei Stunden zuvor ist die Kölsch-Kneipe an diesem späten Mittwochmittag so etwas wie die letzte große Bastian des Fußballs in Münster. Auf dem Weg aus dem Südosten hin zur Altstadt erinnert derweil nichts an die Fußball-WM. Keine Fahnen in den Fenstern, keine Trikots, nicht mal beflaggte Außenspiegel sieht man im Straßenverkehr. Erst beim Eintreten ins „Früh bis spät“ kommt Fußballstimmung auf. „Wir sind ausgebucht“, hat Betreiber Axel Bröker schon eine Weile vor dem Spiel angekündigt. Und tatsächlich ist Punkt 14 Uhr nahezu kein Stuhl mehr frei in seinem Laden. Trikots sieht man einige im „Früh bis spät“, geschminkt oder in eine Fahne gewickelt ist niemand. Die überwiegende Mehrheit der Fans ist in zivil erschienen.

Alle tippen auf einen deutschen Sieg

Vor der Leinwand im hinteren Teil des Lokals haben es sich Johannes Hauser (20), Lars Wesselink (25) und Jonathan Schmidt (20) mit ein paar weiteren Freunden gemütlich gemacht. Die drei BWL-Studenten, allesamt im Trikot der DFB-Elf erschienen, sind guter Dinge. 2:1, 3:1 und 4:0 lauten ihre Tipps. Das Spiel wollen sie genießen, die Diskussionen im Vorfeld sind ihnen derweil nicht entgangen. „Ich kann jeden verstehen, der das boykottiert“, sagt Jonathan Schmidt. Lars Wesselink nickt und fügt an, dass ihm das Turnier im Sommer lieber gewesen wäre. Dann zählt nur noch Fußball.

Am Nachbartisch sitzen sieben junge Frauen, erst mit dem Anpfiff stößt mit Malte Bellenhaus aus Soest der einzige Mann zur Runde. Er habe sich extra Urlaub genommen, um mit seiner Freundin das Spiel zu schauen, erzählt er. „Hat er wirklich“, sagt eine der Frauen neben ihm und lacht.

Ein erstes Aufatmen geht in Minute acht durch das „Früh bis spät“. Das Tor der Japaner wird wegen Abseits aberkannt. Dann „Ooohs“ und „Aaahs“, bis in Minute 33 Ilkay Gündogan per Elfmeter trifft. In Anlehnung an Otto Rehagels kontrollierte Offensive herrscht nun gesetzte Jubelstimmung.

Wird schon werden? Denkste!

„Die Leute sind gut drauf“, sagt Betriebsleiter Tobi Traebert in der Halbzeit. Fast vor jedem Platz steht ein großes Kölsch. Bier ist eben auch tagsüber das Lieblingsgetränk der Fußball-Fans.

In Halbzeit zwei wirkt die Stimmung zunächst gelöst – niemand glaubt ernsthaft an eine Pleite. Nach einer Großchance der Japaner in der 72. Minute ist auch Johannes Hauser noch zuversichtlich: „Wird schon gutgehen“, sagt er. Wenige Augenblicke später ist das Makulatur. Das 1:1 bedeutet betretene Gesichter, nur zwei Frauen, die an einem langen Tisch an der Kopfseite des Raumes Platz genommen haben, scheint der Spielstand egal. Sie lachen und schauen auf ihre Handys. Was soll‘s, es kommt eh noch schlimmer. Beim 1:2 herrscht Totenstille, eine der beiden Frauen ist noch mit ihrem Handy beschäftigt.

Auf den Weihnachtsmarkt und dann vor die Bücher

Aus, Aus, das Spiel ist aus – „sehr enttäuschend“, sagt Jonathan Schmidt, während Lars Wesselink mit der unnötig-höhnischen Laufeinlage von Antonio Rüdiger aus der 64. Minute hadert. Wo es für die Freunde jetzt hingeht? „Auf den Weihnachtsmarkt und danach noch lernen“, hat Johannes Hauser eine überraschende Kombination in petto. Abgerechnet wird eben zum Schluss.

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