Mathilde-Anneke-Gesamtschule

Warum der Neubau so große Probleme bereitet

Münster

Auch zu Beginn des Schuljahrs 2022/2023 haben die Schülerinnen und Schüler der Mathilde-Anneke-Gesamtschule keine Chance, ihr neues Schulgebäude zu beziehen. Die Liste der Pannen bei dem sehr anspruchsvollen Holzgebäude wird immer länger. Warum ist das so? 

Von Klaus Baumeister

Auf der Baustelle der Mathilde-Anneke-Gesamtschule geht es nur im Schneckentempo voran. Es zeigt sich immer mehr, dass die Kompetenz vieler Beteiligter hinter den Erwartungen zurückbleibt und sowohl das beauftragte Architekturbüro als auch die Stadt überfordert sind. Foto: Oliver Werner

„Wer das erste Knopfloch verfehlt, kommt mit dem Zuknöpfen nicht zurande.“ Dieses Zitat von Goethe kann man problemlos auf den Neubau der Mathilde-Anne-Gesamtschule übertragen. Die nicht enden wollende Aneinanderreihung von Fehlern nimmt fast tragische Züge an. Hier einige Erklärungsversuche.

1. Eklatante Zeitnot: Die neue Gesamtschule wurde 2016 gegründet, als die alte Oberfinanzdirektion, auf deren Grundstück die Gesamtschule ihre neue Heimat finden soll, noch nicht einmal abgerissen war. Die Schule erhielt gleich zum Start eine provisorische Unterbringung, wobei allen Verantwortlichen klar war, dass mit jedem Schuljahr der Druck auf eine rasche Realisierung des Neubaus steigen würde. Allen am Bauvorhaben beteiligten Firmen war vom ersten Tag an klar, dass die Stadt Münster selbst das kleinste denkbare Problem würde mit Geld regeln müssen, weil für hartes Verhandeln schlicht die Zeit fehlt.

2. Hoher Anspruch: Als ob die Zeitnot allein nicht genug Probleme mit sich bringen würde, versteiften sich Kommunalpolitiker und städtische Spitzenbeamte darauf, ein architektonisch ganz besonderes und bautechnisch hochinnovatives Schulgebäude umsetzen zu wollen. Das Gebäude aus Holz sollte es sein. Mit dieser Grundsatzentscheidung schrumpfte die Zahl der in Frage kommenden Firmen gewaltig. Termintreue und Kostenbewusstsein hatten es fortan noch schwerer.

3. Lange Arbeitsliste: Den Auftrag, eine ganz besondere Schule unter einem ganz besonderen Zeitdruck erstellen zu sollen, übernahm die städtische Bauverwaltung zu einem Zeitpunkt, als die To-do-Liste ohnehin sehr lang war. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Der Rat beschließt neue Kitas und Schulerweiterungen am laufenden Band. Kaum jemand im Amt für Immobilienmanagement kann besondere Kenntnisse im Bau großer Holzgebäude vorweisen, zugleich haben alle genug anderes zu tun, das Schicksal nimmt seinen Lauf.

4. Politischer Druck: Oberbürgermeister Markus Lewe hat die Gesamtschule zur Chefsache erklärt, ist aber nicht vom Fach. Zugleich hat der verantwortliche und ebenfalls nicht aus der Baubranche stammende Immobiliendezernent Matthias Peck ein ausgesprochenes Faible für Holzgebäude, weil sie ökologisch wertvoll sind. Diverse Internetportale loben Münster bereits für die Entscheidung pro Holz. Doch der Wunsch nach einem öffentlich vorzeigbaren Erfolg kann die fehlende Expertise nicht ersetzen. Die Mitarbeiter der Stadtverwaltung verspüren einerseits den besonderen Druck von oben, etwas Besonderes liefern zu müssen, es mangelt ihnen aber an Mitteln, dies umzusetzen. Also verlässt man sich auf externe Fachleute, ohne wiederum deren Expertise einschätzen zu können.

6. Keine Erfahrung: Die Komplexität und der besondere bautechnische Anspruch des Gebäudes machen es bei der Ausschreibung nahezu unmöglich, allgemeine Erfahrungswerte als Bewertungsmaßstab heranzuziehen. Nebenvergaben werden zum Standard, sie erweisen sich als Zeitfresser und Kostentreiber.

7. Kein Überblick: Eine funktionierende Baustelle ist wie eine gut geölte Maschine. Die einzelnen Gewerke gehen nahtlos ineinander über. Auf der Baustelle der Mathilde-Anneke-Gesamtschule wird dieser Zustand nicht erreicht, weil ein überforderter Bauherr auf eine überforderte Bauleitung trifft und und die beteiligten Handwerker in vielen Fällen allein deshalb nichts machen, weil sie noch gar nichts machen können. Der Verzicht darauf, nach den ansonsten im Schulbau üblichen Verfahren und Standards zu arbeiten, macht es überdies nahezu unmöglich, einen unzuverlässigen Anbieter durch einen anderen zu ersetzen.

8. Falsche Singularität: Nimmt man all diese Punkte zusammen, ist der Neubau der Mathilde-Anneke-Gesamtschule ein einzigartiges Bauwerk – auch im Hinblick auf die Entstehung seiner Probleme.

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