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Kammertheater Bühnenboden zeigt „Vattertach“

Zwei Generationen von Papa-Typen

Münster

Zuerst hat man einen Vater. Und dann ist man selber Vater. Konrad Haller, Stefan Nászay, Thorsten Hölters und Ulrich Bärenfänger kennen beide Seiten der Medaille. Im Kleinen Bühnenboden ist unter dem Stichwort „Vattertach“ mit tiefgründigem Witz zu erleben, welche Klippen es für Väter und Söhne im Leben so gibt.

Von Wolfgang A. Müller

Ulrich Bärenfänger, Thorsten Hölters, Konrad Haller und Stefan Nászay (von links) deklinieren Väter-Erfahrungen durch. Foto: Wolfang A. Müller

„Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr,“ dichtete Wilhelm Busch 1877 in seiner Knopp-Trilogie. Ob sich seitdem etwas geändert hat, mag bezweifelt oder auch kategorisch verneint werden. Wie etwa von der nicht mehr ganz jungen Boygroup, die die Worte des Humoristen als Refrain in eine saftige, hübsch choreografierte Tirade über die Herausforderungen und Verantwortungen der eigenen Vaterschaft einbaut. Dazu erklingt der Basslauf eines Soul-Klassikers: „Papa Was a Rolling Stone“ von den Temptations, eine Abrechnung mit dem Erzeuger aus der Sohnemann-Perspektive.

Konrad Haller, Stefan Nászay, Thorsten Hölters und Ulrich Bärenfänger kennen beide Seiten der Medaille. Und natürlich ist ihnen nur zu bewusst, dass auch die (mitunter eigenen, aber nicht eindeutig zuzuordnenden) Papa-Typen, an denen sie sich im Kleinen Bühnenboden zum „Vattertach“ abarbeiten, mal klein als Söhne angefangen haben. Was die Schauspieler eint: Sie gehören der „Babyboomer“-Generation an; ihre Väter erlebten als Kinder den Zweiten Weltkrieg und orientierten sich anschließend mehr oder minder am klassischen Familienbild. Stoff für ein düsteres Stück aus der Psychodrama-Ecke, in der Welten kollidieren, zusammenbrechen und Tränen fließen. Doch Regisseurin Carola von Seckendorff wählt einen anderen Weg, der die auf dem Schlachtfeld Familie erlittenen Verwundungen, die Traumata, die Vorwürfe, Halsstarrigkeiten und selbst Drohungen komödiantisch konterkariert. Tatsächlich entstehen so umso anrührendere Momente, etwa wenn die Sprach- und Hilflosigkeit eines dementen Greises und die eines Babys gleichzeitig dargestellt werden.

Die zahlreichen Anekdoten, aus denen sich das Stück mosaikartig zusammensetzt, bieten dem Publikum reichlich Gelegenheiten zur Identifikation. Floskeln wie „Weil ich es dir sage!“, „Warte nur, bis wir zu Hause sind“ oder „Das nennst du einen Haarschnitt?“ kennzeichnen das Standard-Repertoire einer hoffentlich nur generationsspezifischen väterlichen Pädagogik. Wie auch kurze, zeittypische Alltagsszenen, die das hinreißend spielfreudige Männerquartett in pantomimische Gruppenbilder übersetzt: „Der Vater sitzt vorne im Auto und raucht, und hinten kotzen die Kinder.“ Neben solchen von brüllenden Lachern begleiteten Szenen schwingt immer auch die Trauer um vergebliche Bemühungen körperlicher und emotionaler Nähe mit. Doch wie soll eine Kommunikation darüber gelingen mit einem Mann, der anscheinend einzig für sein spezielles „Verfahren zur „Rostbekämpfung“ brennt, über das er stundenlange Vorträge halten kann? Das Publikum antwortete eindeutig: mit minutenlangem, tosendem Applaus.

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