1. www.muensterschezeitung.de
  2. >
  3. Lokales
  4. >
  5. Saerbeck
  6. >
  7. Die Unmoral von der Geschicht‘

  8. >

Rotkäppchen & Co. – Achim Amme liest Märchen

Die Unmoral von der Geschicht‘

Greven

Achim Amme ist Schauspieler und Vorleser. Im Bürgerhaus hatte der Hamburger jetzt eine Märchenstunde. Die Erkenntnis: Auch Märchen können ganz schön unmoralisch sein

Von Axel Engels

Achim Amme begeisterte die Besucher im gut besuchten Saerbecker Bürgerhaus. Foto: Axel Engels

Schon bei seinem letzten Besuch in Saerbeck hat der Hamburger Autor und Schauspieler Achim Amme die Literaturliebhaber mit einer faszinierenden Ringelnatz-Lesung begeistert. Dem „Verein Deutsche Sprache“ mit seinem engagierten Regionalleiter Günter W. Denz ist es in Zusammenarbeit mit der Gemeinde Saerbeck gelungen, diesen vielbeschäftigten Künstler für eine Märchenlesung am Samstag ins Bürgerhaus einzuladen.

Aber eine so große Resonanz war schon beachtlich, da blieb kein Platz im Saal frei. Wer allerdings glaubte, Märchenwelt der Gebrüder Grimm umfassend zu kennen, wurde von dem sympathischen Achim Amme schnell eines besseren belehrt.

Autorenlesung mit Amme im Bürgerhaus Foto: Axel Engels

Denn mit Akribie und Feinsinn hatte Achim Amme sich mit der facettenreichen Sammlung der beiden Volkskundler beschäftigt und so manch unbekannte Köstlichkeit dann zu einem facettenreichen Programm zusammengestellt.

Mit dem auch als Schwank bezeichneten Märchen „Das Bürle“ ging es in ländliche Regionen, wo zwischen den reichen Bauern eben einer eher am Hungertuch nagt. Mit List und Einfallsreichtum schafft er es, alle Reichen ins Verderben zu führen und solch eine „unmoralische“ Geschichte hätte man den Brüdern Grimm wohl nicht zugetraut.

Regionalleiter Günter W. Denz Foto: Axel Engels

Wenn Achim Amme die Stimme erhob, dann war dies mehr als reine Rezitation. Er ist eben auch ein begnadeter Schauspieler und konnte mit leichter Veränderung der stimmlichen Klangfarbe die verschiedensten Persönlichkeiten zum Leben erwecken.

„Der Hase und der Igel“ nahmen in ihrer markanten Erzählweise das begeistert lauschende Publikum mit auf eine Zeitreise zur Veröffentlichung der Märchensammlung, in der diese Parabel ja auch in der plattdeutschen Version stand.

Wenn Märchen erzählt werden, so braucht es einen ganz intensiven Kontakt zum Publikum. Eine Rezitation geht da noch weiter, muss Bilder vor dem inneren Auge entstehen lassen. Diese Kunst beherrscht Achim Amme einfach meisterhaft, da ließ man sich gerne treiben im Strom der feinsinnig zusammengestellten Märchen.

Dunkle Sagen

Aber Achim Amme beließ es nicht bei der reinen Auswahl, er beschäftigte sich auch mit dem gesellschaftlichen Bezug und die in den Märchen vertretenen Moralvorstellungen der damaligen Zeit.

Als abschreckendes Beispiel dafür diente ihm „Das eigensinnige Kind“, eine überaus dunkle Sage als Abbild der damaligen Pädagogik.

Amüsanter waren dann allerdings die Parodien wie „Rotkäppchen auf Amtsdeutsch“, die von den Märchen der Gebrüder Grimm inspiriert waren.

Darin ließ sich ein kleines Mädchen mit roter Kopfbedeckung nicht vom amtlichen Blumenpflückverbot abhalten und die skurrile Geschichte wurde von den Gebrüdern Grimm gleichsam von der angezweifelten Bedürftigkeit der Großmutter bis zum Straftatbestand protokolliert.

Schmunzeln konnte man auch bei dem Kommentar von Achim Amme zu der amerikanischen Version. „Selbst mit Nachthaube sieht der Wolf einer Großmutter nicht ähnlich“, heißt es in einer amerikanischen Fassung des Märchens. Aus diesem Grund nahm Rotkäppchen eine Browning und schoss den Wolf tot.“

Märchen sind eine Bereicherung, laden zu fantastischen Reisen ein. Wenn sie dann noch so wunderbar rezitiert werden wie an diesem Nachmittag, dann vergeht die Zeit wie im Fluge.

Startseite
ANZEIGE