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Volkstrauertag

„Ein endloses Gefühl der Angst“

Saerbeck

Die Ukrainerin Lesya Zagorodniuk berichtete angesichts des Volkstrauertages in Saerbeck von ihren schlimmen Erfahrungen im Krieg in ihrer Heimat.

Vertreter von Vereinen und Verbänden und weitere Teilnehmer der Gedenkstunde zu Volkstrauertag hören am Mahnmal am Friedhof der Ukrainerin Lesya Zagorodniuk und Bürgermeister Dr. Tobias Lehberg zu.  Foto: Gemeinde Saerbeck

„Haben sie darüber einmal nachgedacht, was Krieg eigentlich ist?“ Lesya Zagorodniuk stellte diese Frage den rund 100 Teilnehmende der Gedenkveranstaltung am Volkstrauertag in Saerbeck. Die 40-Jährige ist Ukrainerin, vor dem Krieg in ihrem Land geflohen, in Saerbeck aufgenommen worden. Was ist Krieg für sie? „Einfach die Hölle.“

Gedenkveranstaltungen für die Toten könnten über die Jahre zu Traditionen mit verschwommenen Inhalten werden, meinte Lesya Zagorodniuk am Sonntag am Mahnmal vor dem Friedhof. Und buchstabierte dann eindringlich die Hölle aus, die sie und ihre Schwester Oksana seit dem Beginn von Putins Angriffskrieg am 24. Februar erlebten.

Vor „Raketen, Bomben und Terror“ habe sie vor neun Monaten plötzlich fliehen müssen, aus einem ganz normalen, zufriedenen, alltäglichen Leben in Ukraines Hauptstadt Kiew, wie es in Deutschland und Saerbeck nicht anders sei. Noch in den zwei Wochen vor dem Angriff habe man die Situation nicht begreifen, nicht mit einer Invasion rechnen wollen.

Dann, am 24. Februar um 5.30 Uhr ein früher Anruf – zitternde Hände, erste Raketeneinschläge, Stromausfall, Panik. Flucht zur Schwester nach Irpin, nur um dort von russischen Soldaten eingekesselt zu werden. „Die ständigen Bombardierungen und Luftalarm lösten in uns Todesängste aus“, berichtete Lesya Zagorodniuk. Knapp werdende Lebensmittel, zerstörte Infrastruktur, kein Benzin mehr und Flüchtende, „die von russischen Soldaten einfach erschossen wurden“ – „es war ein endloses Gefühl der Angst“.

Lesya Zagoradniuk und ihre Schwester wagten die Flucht, fanden unverhoffte Hilfe, irrten durch die Westukraine und schafften es schließlich über Polen nach Saerbeck. Zur Familie Sahorn, mit der sie ein gemeinsamer Vorfahre verbindet: der im Zweiten Weltkrieg aus der Ukraine als Zwangsarbeiter verschleppte Kindrat Zagorodniuk, der sich später Konrad Sahorn nannte und dessen Kinder vor Jahren auf Spurensuche das Dorf von Lesya Zagorodniuks Großeltern erreichten.

Kindrat/ Konrad – Lesya, Oksana: 80 Jahre später erschüttert „Putins Krieg“ wieder das normale Leben normaler Menschen. Diesen Bogen schlug die Ukrainerin. „Wir leben im 21. Jahrhundert“, sagte sie, „ich habe wie viele andere geglaubt, das uns dieses Schicksal nie ereilen würde, dass Krieg der Vergangenheit angehört“. Nun ist Lesya Zagorodniuk in Sicherheit, viele Verwandte und Freunde seien als Zivilisten oder Soldaten aber weiter ständig in Gefahr.

Die „bitteren Erfahrungen“, die Lesya Zagoradniuk am Sonntag so eindringlich und mutig teilte, ließen ihre Stimme immer wieder stocken. Dennoch nahm sie auch die weltweiten schlimmen Folgen dieses Kriegs, der „uns alle betrifft“, in den Blick. Sie machten Deutschland Mut, dass Inflation und Energiekrise bewältigt werden können – während die Leben vieler tausend Menschen für immer verloren seien. Sie beklagte wiedererstarkte Feindbilder aus alten Konflikten. Und sie forderte ihre Zuhörer auf zu erkennen: „Das Heute ist ein unbezahlbares Geschenk“.

Die scheinbar wiedergewonnene Normalität nach Corona „wurde uns genommen am 24. Februar, als der russische Präsident den Befehl gab zum Angriffskrieg auf die Ukraine“, hatte Bürgermeister Dr. Tobias Lehberg die Gedenkveranstaltung eingeleitet. Aus dem Begriff Krieg in Geschichtsbüchern sei das vorherrschende Thema geworden, das Deutschland und Saerbeck mittelbar betreffe, für Lesya Zagorodniuk und die Ukrainer aber ganz unmittelbar sei. In das Gedenken schloss Lehberg alle Opfer von Krieg, Gewalt und Hass ein. Den Kranz am Mahnmal legten der Bürgermeister, sein Stellvertreter Felix Wannigmann, Stellvertreterin Monika Schmidt und eine Abordnung der Freiwilligen Feuerwehr nieder. An Gottesdienst und Gedenkstunde nahmen Vertreter von Vereine und Verbände in großer Zahl teil. Musikalisch begleitete das Kolping-Blasorchester die Veranstaltung.

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