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Energieberater stellt Gemeinderat Wirtschaftlichkeitsberechnungen für Heizsysteme vor

„Kalte Nahwärme“: Empfehlenswert

Saerbeck

Wie sollen die Häuser in den Neubaugebieten Hanfteichweg und Alter Reiterhof beheizt werden? Die Verwaltung favorisiert ein sogenanntes Kaltes Nahwärmenetz. Für dieses System und für andere präsentierte jetzt ein Energieberater dem Gemeinderat seine Wirtschaftlichkeitsberechnungen.

Von Katja Niemeyer

In den Neubaugebieten Hanfteichweg (Foto oben l.) und Alter Reiterhof entstehen rund 190 Bauplätze. Wie die Häuser mit Wärme versorgt werden könnten, darüber hat jetzt die öffentliche Debatte begonnen. Während der Ratssitzung präsentierte ein Experte seine Wirtschaftlichkeitsberechnungen für unterschiedliche Systeme. Die Nase vorn hat dabei die sogenannte „Kalte Nahwärme“. Die Technik funktioniert mit Sondenfeldern und Wärmepumpen. Foto: Bundesverband Wärmepumpe

Die Empfehlung von Reiner Tippkötter fiel eindeutig aus: Im Vergleich mit anderen Wärmekonzepten hat ein zentrales sogenanntes Kaltes Nahwärmenetz die Nase vorn – und das nicht nur, weil es nahezu CO2-neutral ist. Der Geschäftsführer der Grevener Beratungsfirma „Energielenker“ stellte am Donnerstag in der Ratssitzung die Ergebnisse von Wirtschaftlichkeitsberechnungen für unterschiedliche Systeme vor. Hierzu hatte ihn das Bauamt der Gemeinde eingeladen.

Der Vortrag war mit Spannung erwartet worden. Geht es doch um die Frage, wie die Häuser in den neuen Baugebieten Hanfteichweg und Alter Reiterhof mit Wärme versorgt werden könnten. Hierfür hatte Tippkötter fünf Konzepte – von „Kalter Nahwärme“ bis zur Gasleitung – unter die Lupe genommen und Investitionsvolumen und laufende Kosten miteinander vergleichen.

Bei der „Kalten Nahwärme“ kommt der Energieberater nach einem Zeitraum von 20 Jahren auf Kosten von knapp 54 000 Euro. Rund 1000 Euro mehr würde es kosten, wenn mit einer Luft-Wärme-Pumpe geheizt würde. Eine Sole-Wasser-Erdwärmepumpe würde mit rund knapp 56 000 Euro zu Buche schlagen. Gas- und Pelletheizungen kosten dem Bauherrn oder die Bauherrin nach 20 Jahren jeweils rund 68 000 Euro.

Für die Wirtschaftlichkeitsrechnungen war Tippkötter von einem 150 Quadratmeter großen Einfamilienhaus mit einem KfW-Effizienzhaus-Standard 40 und einem Wärmebedarf von 8000 Kilowattstunden ausgegangen. Mit Ausnahme der Gasheizung war bei jedem der Heizsysteme ein Förderzuschuss in Höhe von 8250 Euro einkalkuliert worden.

Warum die Empfehlung eindeutig für ein „Kaltes Nahwärmenetz“ ausgefallen sei, obwohl der Kostenunterschied zu einer Sole-Wasser-Wärmepumpe (mit Erdsonde) nur sehr gering sei, wollte CDU-Fraktionsvorsitzender Bernd Willebrandt wissen. Bei einem Anschluss an ein Wärmenetz würde sich der Hausbauer „abhängig machen von einem Versorgungsunternehmen“, bemerkte Willebrandt. Dieses, argumentierte Tippkötter, „sorgt aber auch dafür, dass alles läuft“. Wenn es zu keiner zentralen Lösung kommt, werde es in den Baugebieten aller Voraussicht nach einen Mix aus unterschiedlichen Heizsystemen geben. „Wenn jeder Bauherr eine Einzelbohrung machen lässt, dann ist die Effizienz geringer“, sprach sich auch Bürgermeister Dr. Tobias Lehberg gegen individuelle Lösungen aus.

Damit sich ein solches Netz für ein Versorgungsunternehmen rechnet, müssten mindestens 40 bis 50 Häuser angeschlossen werden, antwortete Tippkötter auf eine entsprechende Frage von Matthias Ahmann (CDU). In dem Gebiet Hanfteichweg sind rund 70 Bauplätze geplant, im Alten Reiterhof sind es rund 120. Auf Nachfrage der UWG-Fraktionsvorsitzenden Mechthild Lüggert erklärte Bauamtsleiter Andreas Bennemann, dass sich bei einer Umfrage des Gemeinde unter Bauwilligen eine große Mehrheit grundsätzlich bereit erklärt hätte, sich in die Abhängigkeit eines Netzbetreibers zu begeben. An der Umfrage hatten sich 320 Interessierte beteiligt, 215 signalisierten eine Bereitschaft.

Tippkötter hatte in seinem Vortrag ausgeführt, „dass sich die Handlungsoptionen für die Wärmeversorgung in den vergangenen Jahren verändert haben“. Die Folgen des Klimawandels wie zunehmend heiße Sommer führten dazu, dass sich die Anforderungen an das System verändert hätten. Mit „Kalter Nahwärme“ ließen sich Häuser bis zu einem gewissen Grad auch kühlen, führte der Energieberater einen weiteren Vorteil des Systems an, das seit Kurzem auch in der Region immer öfter angewendet wird. „Kalte Nahwärme“, sagte Tippkötter, verbreite sich „exponentiell“.

Eine Gasheizung bezeichnete er demgegenüber als „Auslaufmodell“. So wurden im ersten Quartal dieses Jahres bundesweit nur noch ein Viertel der Neubauhäuser an ein Gasnetz angeschlossen, zitierte Bennemann eine Statistik der Landesämter. 2020 hatte die Quote noch bei rund 33 Prozent gelegen. Der Bauamtschef geht davon aus, wie er sagte, dass die Gasnetzpreise für Saerbecker Kunden tendenziell steigen würden, wenn sich Häuslebauer in den Neubaugebieten für eine Versorgung mit dem fossilen Brennstoff entscheiden würden und Gelsenwasser als örtlicher Gasverteilnetzbetreiber ein Netz legen müsste.

Ein „Kaltes Nahwärmenetz“, resümierte Tippkötter, sei „konkurrenzfähig“. Durch den Förderzuschuss sei es preislich „auf dem Niveau eines Standardhauses“.

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