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Konzertabend mit dem Weltklasse-Pianisten Justus Frantz

Mit einfühlsamer Tiefe

Saerbeck

Zwei Jahre hat es gedauert, bis der Weltklasse-Pianist Justus Frantz wieder nach Saerbeck kam. Am Mittwoch war es so weit: Vor rund 80 Zuhörern gab der Maestro im Bürgerhaus ein Konzert. Obwohl er, wie gewohnt, fesch mit seinem roten Samtjackett und flotten Sneakern daherkam, wirkte er ernster, nachdenklicher als sonst. Die Pandemie hatte auch bei ihm Spuren hinterlassen.

Von Tünde Kalotaszegi-Linnemannund

Begeisterte das Publikum im Saerbecker Bürgerhaus: der Pianist Justus Frantz. Foto: Hans Lüttmann

Da hat er doch wieder einmal Wort gehalten und ist bereits das siebente Mal nach Saerbeck gekommen. So hatte es der Weltklasse-Pianist Justus Frantz bei seinem letzten Besuch 2019 versprochen, nur kam leider Corona dazwischen.

Deshalb hat es zwei Jahre gedauert, bis der Maestro am vergangenen Mittwoch sein Versprechen vor rund 80 Zuhörern im Bürgersaal einlösen konnte.

Obwohl er, wie gewohnt, fesch mit seinem roten Samtjackett und flotten Sneakern daherkam, wirkte er ernster, nachdenklicher als sonst. Schnell wurde klar, dass die Pandemie auch bei ihm Spuren hinterlassen hat. Über 140 Konzerte musste er absagen und wer ihn kennt, weiß, wie er es liebt, das Publikum zu begeistern und es mit seinen charmanten Moderationen durch das Programm zu führen.

Natürlich hat er, wie viele andere Künstler auch, die Zeit sinnvoll genutzt, um neue Literatur zu lernen. Nur zu gern folgten alle Anwesenden der netten Einladung des Bürgermeisters Dr. Tobias Lehberg: „Lassen Sie sich entführen in die Welt, wo es keine Pandemie gibt, in die Welt der Musik.“ Und schon befand sich jeder Einzelne ruckzuck mitten in Mozarts Leben. Die Mutter war in Paris gestorben, der junge Wolfgang Amadeus hatte es nicht gelernt, sich selbst zu vermarkten. In seiner Sonate Nr.11 A-Dur KV 331 aus dem Jahr 1783 sei nicht nur der lächelnde, sondern auch melancholische, traurige Mozart zu erkennen, laut Frantz.

Das Thema des ersten Satzes „Andante grazioso“ soll aus einer Ossiacher Liederhandschrift mit dem Text „Freu dich mein Herz, leb Deinen Schmerz“ stammen. Auch sonst ist hier formal kein üblicher klassischer Sonatenaufbau zu finden. Besonders populär wurde der dritte Satz „Alla turca“, der in jeglichen musikalischen Sparten Eingang fand. Janitscharenmusik war in der Wiener Gesellschaft des 18. Jahrhunderts „en vogue“, nachdem die Türken besiegt waren.

Mit einer behänden Leichtigkeit, zugleich eine einfühlsame Tiefe findend, interpretierte Justus Frantz dieses pianistische Meister-werk.

Szenenwechsel. 1801 vollendete Ludwig van Beethoven seine Klaviersonate Nr.14 op.27 Nr.2 in cis-moll, die sogenannte „Mondscheinsonate“. „Im ersten Satz beschreibt er ein für ihn furchtbares Erlebnis, er war zugegen beim Tode seines Freundes“, erklärte Frantz zur Einführung. Auch zeigte er das Motiv, „das wie ein Signal aus dem Jenseits klingt, das uns alle irgendwann ruft“. Gefühlvoll, mit einer gewissen abgeklärten Reife präsentierte er schaurig-schöne Nuancen, die das Innere der Seele berührten.

Die Zuhörer waren so ergriffen, dass jede fallende Stecknadel zu hören gewesen wäre. Humanitäre Hilfe zu leisten liegt Frantz sehr am Herzen. Und wie nahe ihm das Schicksal der, von der Pandemie gebeutelten Musikerkollegen geht, wo es sich auch um Leben und Tod handeln kann, war kaum zu überhören.

Aus dem Erlös seiner verkauften CDs wolle er diese unterstützen und bot sie, nach ein wenig Chopin, selbst ganz bürgernah in der Pause an.

Für die zweite Konzerthälfte hat sich Frantz einen kolossalen Brocken vorgenommen, die „Variationen und Fuge über ein Thema von Händel“ von Johannes Brahms. Erst war er sich unschlüssig, ob es nicht seine neu gelernten Chopin-Stücke werden sollten, aber er kam schnell zu einer Entscheidung. „Es geht zwar nicht so in die Ohren, aber ich spiele Brahms, ob sie wollen oder nicht“.

Heimlich dedizierte Brahms sein op.24 Clara Schumann. So schrieb er an sie: „Ich habe Dir Variationen zu Deinem Geburtstag gemacht (…)“. Keine leichte Kost mögen manche sagen, doch Frantz‘ Interpretation ließ keine Wünsche offen. Er intonierte die Variationen beseelt-andächtig, in denen er das puristische Thema virtuos, präzise zu romantischem Habitus führte, wobei alles in einer großangelegten Fuge mündete, der er mit allen Facetten seinen Könnens orchestralen Glanz verlieh.

Das Publikum war nicht mehr zu halten und ließ ihren Ovationen freien Lauf.

Zur Belohnung gab es eine traumhafte Chopin-Nocturne.

Im anschließenden Gespräch verriet er, warum er so gerne nach Saerbeck kommt: „Hier ist es so schön, ein wunderbarer Zusammenklang von Architektur und Natur, die Umwelt wird ganz groß geschrieben und nicht zuletzt lebt hier mein guter Freund Wilfried Roos.“

Er würde auch jederzeit mit seiner Philharmonie der Nationen im Bioenergiepark spielen, was Bürgermeister Dr. Tobias Lehberg sehr freue, ihn aber auch vor eine große Aufgabe stelle. Es wäre doch sensationell, wenn dieser Plan realisierbar wäre…

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