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Minchen Klußmann näht für ALS-Stiftung

Alltagsflucht mit Nadel und Faden

Burgsteinfurt

Minchen Klußmann hat das perfekte Hobby für sich entdeckt. Sie näht individuelle Decken und tut damit auch noch Gutes. Und das seit vielen Jahren.

Von Axel Roll

Minchen Klußmann präsentiert eine ihrer selbstgenähten Decken, die sie für den guten Zweck auf Märkten verkauft. Foto: Axel Roll

Der kleine Tisch unter dem Fenster, obendrauf die Nähmaschine – das ist für Minchen Klußmann der Notausgang aus dem Alltag. „Wenn ich dann noch das Radio einschalte, kann ich wirklich abschalten“, erzählt die Burgsteinfurterin. Diese Fluchten haben immer eine produktive Seite: Die 76-Jährige schneidert leidenschaftlich. Seit vielen Jahren für den guten Zweck. Sie hat durch den Verkauf ihrer kleinen, meist aber großen Kunstwerke inzwischen die 15 000 Euro-Schallmauer durchbrochen.

Geld, das sie bis auf den letzten Cent der ALS-Stiftung überweist. ALS, das ist die Abkürzung für Amytrophe Lateralsklerose, gilt als eine der schwersten Krankheiten überhaupt.

Minchen Klußmann, mit ihrem richtigen Vornamen Wilhelmine fremdelt sie auch nach 70 Jahren noch, näht Decken. Streng genommen eine „Heiden-Arbeit“, wie die Anwalts- und Notargehilfin im Ruhestand sagt. Eine Woche sitzt sie in der Regel an so einem Unikat auf 1,40 mal 2 Meter. Bis zu 500 Stoffläppchen muss sie dabei auf den Millimeter genau zusammennähen. Das Ergebnis sind Patchwork-Decken der ganz besonders feinen Art.

Kunstwerke in die ganze Welt verschickt

Die individuell gestalteten und flauschigen Kunstwerke zieren mittlerweile Sofas und Liegen auf der ganzen Welt. Australien, China, Uganda, Südafrika, Lettland, Ungarn – die Klußmannsche Schneiderkunst ist international. Und in hohem Maße nachhaltig, wie die Burgsteinfurterin betont. Die Stoffe für die dekorative Oberseite haben in der Regel alle schon ein Leben hinter sich. So hat sie erst gerade 50 Herren-Oberhemden eines Verstorbenen verarbeitet.

Regelmäßig bekommt sie die alten Musterbücher eines Raumausstatters zur Zweitverwertung. Nur die Kuschel-Rückseite, die kauft Minchen Klußmann immer neu dazu. „Das sind ganz normale Mikrofaserdecken“, erläutert die erfahrene Schneiderin.

Auf den größeren Märkten rund um Steinfurt bringt die Rentnerin ihre Werke unter die Leute. Bei ihr am Stand gibt es aber nicht nur Decken. Selbstgemachte Körnerkissen finden sich dort genauso wie Selbstgestricktes. „Meine Nichte in Köln hilft mir und strickt Socken, Schals und Mützen.“ Wie beschrieben, alles für den guten Zweck.

Mit Nadel und Faden groß geworden

Mit Nadel und Faden ist Minchen Klußmann groß geworden. „Meine Mutter war Schneidermeisterin.“ Und da musste sie oft Handlangerdienste verrichten. Schon als Teenagerin nähte sich die Burgsteinfurterin viele Dinge selbst. „Damit konnte man eine Menge Geld sparen.“ Die Idee mit den Decken, die kam ihr erst sehr viel später, vor etwa 15 Jahren. Ihr Enkel hatte genaue Vorstellungen von einer Krabbeldecke, die die Oma natürlich sofort eins zu eins umsetzte.

Wenig später stand Minchen Klußmann das erste Mal mit ihrem Stand in Wettringen – und konnte sich sofort über ein volles Spenden-Portemonnaie freuen. Neben dem guten Gefühl, etwas Gutes tun zu können, freut sich die Burgsteinfurterin über den Kontakt zu fremden Menschen: „Man ist schnell im Gespräch, das macht einfach Freude.“ Manchmal bekommt die Hobby-Schneiderin sogar Dankespost nach Hause geschickt. Erst vor wenigen Wochen hat sie für einen Musiker der Düsseldorfer Philharmonie eine Decke mit Notenschlüsseln geschneidert. Prompt kam eine Karte, in der sich der Mann für den praktischen Wohnzimmer-Hingucker bedankt. Für Minchen Klußmann ist der Brief ein Beweis von vielen: „Ich habe ein Hobby, das ganz viele positive Facetten hat.“

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