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Kellerfund im Haus Epping am Markt: Armbinde weist auf unruhige Zeiten nach dem Ersten Weltkrieg hin

Als die Bürgerwehr gefordert war

Burgsteinfurt

Manche Schätze ruhen viele Jahre im Verborgenen und warten auf ihre Entdeckung: So auch eine aus grobem, hellen Leinen gewebte Armbinde mit dem Aufdruck des historischen Burgsteinfurter Stadtwappens, eingerahmt von Eichenlaub und zwei Schwertern. Sie weist auf die unruhige Zeit nach dem Ende des Ersten Weltkrieges hin. WN-Mitarbeiter Günther Hilgemann hat dazu recherchiert.

Von Günther Hilgemann

Mehr als 100 Jahre alt ist das Fundstück aus dem Haus Epping: Es weist auf die unruhige Zeit zwischen Ende des Ersten Weltkrieges und Bildung einer neuen demokratischen Grundordnung hin. Die kleinen Bilder zeigen ein Muster einer Beitrittserklärung sowie den damaligen Stadtrat von Burgsteinfurt. Foto: Hilgemann

Manche Schätze ruhen viele Jahre im Verborgenen und warten auf ihre Entdeckung. So auch eine aus grobem, hellen Leinen gewebte Armbinde mit dem Aufdruck des historischen Burgsteinfurter Stadtwappens, eingerahmt von Eichenlaub und zwei Schwertern. Dazu in gotischer Schrift der Name Burgsteinfurt und in einem Spruchband der Begriff Einwohnerwehr. Mehr als 100 Jahre hat dieses historische Relikt, sorgfältig aufbewahrt in einer Blechdose, gefüllt mit Fotografien, die Zeiten im Hause Epping am Markt überdauert. Zeitzeugen, die den Zweck dieser Armbinde erläutern könnten, leben nicht mehr. Im Stadtarchiv aber existiert eine Akte, die Auskunft gibt.

November 1918: Kaiser Wilhelm II. ist im Exil in Holland, der Erste Weltkrieg beendet. Das kriegsmüde Deutschland wird von einer Revolution erfasst. Die alte Ordnung wird durch neue Kräfte überrollt. Ein politischer Neuanfang mit unwägbarem Ausgang bestimmt das Geschehen. Linksradikale, Republikverfechter sowie Kaisertreue kämpfen um die Macht. Orientierungslos und auf sich selbst gestellt ziehen Soldaten durch die Lande und verbreiten Angst und Schrecken. Auf Weisung aus Berlin weist Landrat Ernst Plenio am 18. November 1918 die Bürgermeister an, sofort einen Sicherheitsdienst „aus beurlaubten Soldaten, dort, wo der vorhandene militärische Schutz nicht ausreicht“, einzurichten. Bereits eine Woche später soll Vollzug und die Zahl der benötigten Waffen gemeldet werden. Bürgermeister Herberholz lässt sich Zeit und antwortet handschriftlich am 27. November: „…ist z.Zt. hier nicht erforderlich. Ich werde aber die Angelegenheit im Auge behalten und nötigenfalls das Weitere veranlassen. Das hier einzurichtende Provinzialdepot erhält starken militärischen Schutz.“

Direkt nach Weihnachten 1918 erläutert das Generalkommando in einem Erlass das Gesetz zur Bildung einer freiwilligen Volkswehr. Danach sollen die Wehren für den Schutz eines geregelten Wirtschaftslebens sorgen. Im Mai 1919 werden die Appelle dringlicher. Berichte aus dem Ruhrgebiet, wo „aufrührerische Menschenmassen Kaufhäuser, Kleiderhandlungen und Zigarrengeschäfte stürmten und plünderten“, lassen die Alarmglocken bei den Behörden läuten. Schleunigst sind Einwohnerwehren zu bilden.

In Burgsteinfurt schreibt Bürgermeister Herberholz bereits am 1. April an den Landrat: „Für die Stadt Burgsteinfurt ist eine Bürgerwehr gebildet worden“. Herberholz fordert 200 Gewehre „wenn angängig Modell 88“. Bewilligt werden 80.

Alle Beamten und Bediensteten der Stadt wurden dringend aufgefordert, sich für die Bürgerwehr zu melden. Mitte Juni meldet Herberholz dem Landrat, dass „die nach den bestehenden Richtlinien hier eingerichtete Einwohnerwehr eine Stärke von 150 Mann hat. (...) Die Wehr ist mit Militärgewehren ausgerüstet. Die Zahl der Gewehre beträgt 130 Stück.“ Die Armbinden zur Kenntlichmachung der Wehrleute wurden von der Abzeichen- und Ordensfabrik Heinrich Timm in Berlin geliefert. Der Firmenchef selber bedankt sich in einem persönlich gehaltenen Schreiben beim Bürgermeister für den Auftrag.

Über Einsätze der Bürgerwehren steht nichts in den Akten. Ende 1920 wurden die Kommunen aufgefordert, die Waffen- und Munitionsbestände einzuziehen. Die Bürgerwehren wurden wieder aufgelöst.

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