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Steinfurter Landwirte in den Hochwassergebieten

„Auch wir sind nicht alleine“

Borghorst/Altenburg

Eine Gruppe von Landwirten ist in die Hochwassergebiete gefahren, um zu helfen. Ihre Euphorie war schnell verflogen.

Von Axel Roll

Die Bilder, die Markus Wiening in Altenburg gemacht haben, geben die Situation nur unzureichend wieder, sagen alle Beteiligten. Die Realität sei viel, viel schlimmer. Ein Großteil der Häuser in dem kleilnen Örtchen Altenburg muss abgerissen werden. Foto:

Voller Euphorie, endlich helfen zu können, haben sie die sieben Stunden Fahrt in das kleine Örtchen Altenburg abgerissen. Drei Tage später machten sich die fünf Landwirte aus Borghorst und Umgebung zurück auf den Weg in die Heimat. Die Hochstimmung war lange verflogen. Stattdessen gemischte Gefühle. Frust auf der einen Seite. Aber auch die Gewissheit: „Wenn uns mal so etwas passiert, dann sind auch wir nicht alleine.“

Ein Bürgermeister, der im Krisenstab eingestehen muss, dass er komplett den Überblick verloren hat, morgens und abends mit den Fahrzeugen der Offiziellen verstopfte Straßen, fehlende Ansprechpartner – das alles bringt Markus Wiening zu dem Schluss: „Ohne das private Engagement der Menschen in den Hochwassergebieten würde dort gar nichts laufen.“ Die Krönung für den Borghorster Landwirt war das Erlebnis am vergangenen Donnerstag: „Da wurden wir mit der Begründung nach Hause geschickt, die Hilfe der Privaten sei nicht mehr notwendig.“ Einen Tag später dann der Anruf aus Altenburg: „Wo seid Ihr nur? Wir können jeden Schlepper hier gebrauchen!“ Da war es zu spät.

Aber egal, ob der Einsatz der sieben befreundeten Kollegen jetzt effizienter hätte ausfallen können oder nicht: „Uns ist eigentlich nur eines wichtig: Das Leid der Menschen dort unten darf nicht nach ein paar Wochen in Vergessenheit geraten“, bringt André Heinze für sich und seine Mitstreiter ihre Botschaft auf den Punkt. Nur darum sind sie überhaupt bereit, in der Öffentlichkeit über ihre ehrenamtliche Hilfe in der Krisenzone zu berichten.

Der Entschluss, mit Schleppern und Anhängern loszufahren, war am Sonntag spontan gefallen. „Eigentlich bei einer Flasche Bier“, lacht Markus Wiening. Bis sie dann aber einen Ansprechpartner in der Gegend um Ahrweiler hatten, der ihnen auch sagen konnte, wo sie loslegen konnten, war ein weiterer Tag mit Stunden am Telefon verplempert. Dienstagmorgen ging es endlich um drei Uhr morgens los.

Die Bilder, die sich den Landwirten rund um Ahrweiler boten, werden sie nie wieder vergessen. „Das kann selbst das Fernsehen nicht wiedergeben“, sagt Leon Hauser. 70 Prozent der Häuser in Altenburg müssten abgerissen werden. Wenn das nicht schon die Flut erledigt hat.

Die Truppe mit ihren PS-starken Schleppern hat die Tage über Schlamm, Schutt und Müll zu einer notdürftig eingerichteten Deponie gekarrt, die vor dem Hochwasser einmal ein Campingplatz war. „Um unsere Einsatzorte mussten wir uns selber kümmern, da gab es niemanden, der den Hut aufhatte und eine Arbeitseinteilung vorgenommen hat“, erzählt Dirk Veltrup. Sehr gut habe die Zusammenarbeit mit der Bundeswehr, wo die Treckerfahrer den Diesel tanken konnten, und den Hilfsorganisationen wie dem DRK geklappt.

So richtig Gas geben konnten die Landwirte erst am Abend, wenn alles dunkel war. Markus Wiening: „Dann waren die Straßen frei.“ Und Altenburg zum Geisterdorf geworden. Niemand war in der Dunkelheit mehr auf den Straßen. Die Bewohner selbst waren lange evakuiert. Kaum ein Haus sei noch bewohnbar gewesen. Allgegenwärtig: der Schlamm. Entweder als feuchter Matsch oder trocken als Staub. Markus Wiening hat nach der Rückkehr drei Stunden den Dampfstrahler bemüht, um seinen Schlepper wieder sauber zu bekommen.

Bei ihrem Drei-Tage-Einsatz wollen es Markus Wiening, André Heinze, Dirk Veltrup, Leon Hauser, Stefan Drerup, Reiner Elfers, Max Meyerink und Andreas Leveling nicht belassen. Sie   werden  das Geld, das sie für ihre Arbeit überwiesen bekommen, zu 100 Prozent spenden. „Aber auch das werden wir privat organisieren“, betonen sie. Sie wollen, dass jeder Euro tatsächlich dort ankommt, wo er benötigt wird. Sie überlegen, ob es nicht Sinn machen könnte, mit den anderen Helfern aus Steinfurt ein eigenes Netzwerk aufzubauen. Nach dem Motto: Gemeinsam sind wir stark.

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