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„Twiolins“ Marie-Luise und Christoph Dingler begeistern in der Konzertgalerie

Brücke von Vivaldi nach Piazolla

Burgsteinfurt

Dass die „Twiolins“ kein großes Orchester im Hintergrund benötigen, um Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ begeisternd auf die Bühne zu bringen, bewiesen Marie-Luise Dingler und ihr Bruder Christoph bei ihrem Konzert im Bagno.

Marie-Luise und Christoph Dingler Foto: Hans Lüttmann

Ja, wenn der gute Antonio Vivaldi gewusst hätte, dass er für seinen Ewigkeits-Hit gar kein großes Orchester braucht, dann hätte er Tausende Noten wohl gar nicht geschrieben. Und wer heute noch meint, die „Vier Jahreszeiten“ gingen nur mit großer Besetzung, der hat die „Twiolins“ noch nicht gehört. Marie-Luise Dingler und ihr Bruder Christoph haben die Zuhörer der Sonntags-Matinee wortwörtlich von den Stühlen gerissen – diesen herzlichen, lauten, langen, jubelnden Applaus haben sich die beiden mit einer hinreißenden Interpretation und einem mutigen Mix verdient: Es liegt ja nicht gerade auf der Hand, Vivaldis Meisterwerk mit Tangos des Argentiniers Astor Piazzolla zu verquicken.

Aber wie Christoph Dingler die „Jahreszeiten“ auf zwei Violinstimmen reduziert und die „Twiolins“ im Bagno Satz für Satz Piazzollas melancholisch-sehnsüchtiger und leidenschaftlich-hitziger Musik gegenüberstellen, verleiht der 300 Jahre alten Barock-Komposition neuen Schwung und hebt den Meister des Tango Nuevo auf ein Podest, das er sich auf Augenhöhe mit Antonio Vivaldi teilt. Im deskriptiven Jahreszyklus des Venezianers hört man Bächlein murmeln, Blitz und Donner, säuselnden Wind, fliehendes Wild, brechendes Eis und die Stille des ländlichen Winters – Bilder vom Jahreslauf auf dem Land.

Der Argentinier hingegen versinnbildlicht den Puls der Großstadt und haucht der Seele von Buenos Aires jenen erotischen Zauber ein, der Mystik und Sünde, Verführung und Zurückweisung, Anziehung und Verletzung, Sehnsucht und Versenkung miteinander vermengt. Besonders eindringlich gelingt Piazzolla das mit „Oblivion“, einem seiner berühmtesten Tangos, der mit beinahe sakraler Ernsthaftigkeit und selbstvergessener Melancholie betört; so meisterhaft und innig von den „Twiolins“ vorgetragen, dass man sich der Gänsehaut nicht erwehren konnte.

Marie-Luise und Christoph Dingler haben sich durch jahrelanges gemeinsames Musizieren eine solch unerhörte Professionalität, äußerst sensibles Zusammenspiel und dynamische Klanglichkeit erarbeitet, dass es wie selbstverständlich erscheint, dass ihre Vivaldi-Piazzolla-CD für den renommierten Echo-Preis vorgeschlagen worden ist; dürften die Zuhörer im Bagno entscheiden, hätten sie ihn schon. Sie haben ein hoch emotionales Konzert erlebt, in dem zwei Violinen kunstvolle Brücken zwischen zwei unterschiedliche Stilen bauen und so gezeigt, wie wundersam Vivaldi mit Piazzolla harmoniert.

Als Zugabe schenkten die Geschwister den Konzertbesuchern ein humoriges Arrangement von Beethovens „Elise“, in dem auch das mimische Talent der beiden hervorblitzte.

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