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Ein Stadttor im Keller

Bemerkenswerte Entdeckung beim Umbau der Tabakfabrik Rotmann

Burgsteinfurt

Wer die historischen Stadttore Burgsteinfurts betrachten will, muss sich nicht mehr mit alten Lithografien begnügen. Baumaterialien des abgebrochenen Wassertores liegen in einem Keller.

Auf der Lithografie von Friedrich Esselbrügge von 1830 ist die Passage über die Aa, den Stadtgraben und durch das enge Wassertor abgebildet. Unten links im Bild befindet sich das heute noch erhaltene Bruns’sche Gartentor der damaligen Zichorienfabrik. Foto: Stadtmuseum

Als Günther Hilgemann vor einigen Jahren damit begann, die Geschichte der Tabakfabrik Rotmann aufzuarbeiten, hat er noch nicht geahnt, dass er möglicherweise einer kleinen Sensation auf der Spur war. Aber es bedurfte keiner Doktorarbeit, wie beim Nachweis der Schlacht am Teutoburger Wald. Da ist der Beweis, dass in Burgsteinfurt ein komplettes Stadttor in einem Keller liegt, etwas einfacher ausgefallen. „Freund Zufall hilft immer“, erzählt Hilgemann die Geschichte.

Sie beginnt im Stadtmuseum. Februar 2022: Der Großgruppenraum wird vom Museumsteam umgestaltet. Wände werden versetzt, Bilder abgenommen. In der hintersten Ecke taucht eine unscheinbare, gerahmte Lithografie auf: Die Maße sind winzig. Sie ist nur 15 mal 5 Zentimeter groß. Untertitel: Burgsteinfurt von der Windmühle aus. Die Zuordnung ist eindeutig. Sie stammt aus der Werkstatt von Adolph Esselbrügge.

Landrat wettert gegen enge Stadttore

Hilgemann weiß: „Der Silberschmied ließ nämlich immer einen Hund im Vordergrund seiner Stiche laufen.“ Entstehungsjahr der Lithografie: 1854. Hierzu gibt es einen Beleg, diesmal aus den Monatsberichten von Johann Wilhelm Terberger, der von 1818 bis 1862 Bürgermeister in Burgsteinfurt war. Die vier Stadttore waren dem Landrat ein Dorn im Auge. Für die neu angelegten Landstraßen waren sie Nadelöhre. Zuerst wurde das Kirchtor (1841) abgebrochen, dann folgte das Steintor (1845), das Wassertor (1852) und zuletzt das Rotttor (1855).

Während er Bauphase freigelegt: Die aus Bruchsteinen gemauerten Kellerwände und die mit Ziegelsteinen aus dem Wassertor geformte Gewölbedecke. Foto: Hilgemann

Dass die Burgsteinfurter ihre Stadttore nicht gerne missen wollten, geht aus dem zögerlichen Umsetzen der Landratsforderung hervor. Erst nach langem Hin und Her und Druck vom Landrat mit Androhung von Strafen lässt Terberger das letzte Stadttor, das Rotttor, im Juli 1855 abbrechen. Auf der Lithografie von Esselbrügge steht es aber noch.

Aus sieben Fensterns werden elf

Und nun eine spannende Kleinigkeit, die man fast übersieht. Ganz rechts am Bildrand läuft im Vordergrund ein Spaziergänger auf der damals noch alleeartigen Wettringer Straße. Darüber ein überhaupt nicht zum Häuserbild der Stadt passendes dreistöckiges Gebäude. Hilgemann erkennt: „Es ist die Tabakfabrik Rotmann.“ Sieben Fenster in jeder Reihe. Heute sind beim Haupthaus Rotmann elf Fensteröffnungen nebeneinander. Es wurde also später erweitert. Dazu gibt es sogar eine ablesbare Jahreszahl: Erbaut 1868. So steht es heute über einem Türbogen an der Ochtruper Straße in Sandstein gemeißelt.

Erbaut 1868 steht über einem Torbogen zur Straßenseite hin. Foto: Hilgemann

Zurück zu Terberger und ins Jahr 1852. Jetzt geht es in seinen Berichten um den Abbruch des Wassertores. Gerade ist eine wichtige Verkehrsverbindung, die Straße nach Rheine fertig geworden, die Wettringer Straße. Der Landrat meckert, „dass das Wassertor so eng ist, dass bekanntlich größere Frachtwagen nicht durch dasselbe passieren können.“ Gerade einmal 14 Fuß ist die Passage breit. Das sind knapp vier Meter. Im März 1852 verlangt der Landrat Beschleunigung des Abbruchs: „Binnen 14 Tagen bei Vermeidung einer Ordnungsstrafe von 2 Rt.. Der Verkehr auf der Kreisstraße darf nicht ferner gehemmt werden.“

Baumaterial aus Abbrüchen wiederverwendet

Baumaterialien aus Abbrüchen waren damals schon begehrenswert. Terberger lässt den Verkaufserlös von Zimmermeister Fr. Hersmann schätzen: 1380 Reichstaler könnten dabei herauskommen. Gebote werden am 15. April 1852 abgegeben. Mit 301 Rt. erhält Tabakfabrikant Friedrich Rotmann den Zuschlag, er bot 1 Rt. mehr als Levi Heymann. Schon 14 Tage später erfolgt der Abbruch des zwölf Meter hohen Turmes.

Was will ein Tabakfabrikant, der 1852 seine Produktionsstätten noch an der Kirchstraße hat, mit 3100 Backsteinen, Stadtmauerstücken von 7,2 Meter Länge, 5,4 Meter Höhe und 0,9 Meter Breite sowie Treppenstufen und Gefängnistüren aus Holz mit eisernen Beschlägen? Gewaltige Mengen an Mauerwerk aus Bruchsteinen stehen außerdem zur Abholung bereit, taxiert mit „174 Schachtruthen, davon 1/3 Bauschutt“, das entspricht der gewaltigen Menge von 780 Kubikmetern Mauerwerk und 260 Kubikmetern Bauschutt.

Der aktuelle Baufortschritt auf dem ehemaligen Fabrikgelände. Foto: Drunkenmölle

„Machen wir einen Sprung in die jetzige Umbauphase der Tabakfabrik zu modernen Wohnungen“, sagt Hilgemann, der beim Streifzug durch den Komplex im September 2021 auch Fotos im Kellergeschoss macht. Damals ahnte er noch nichts von der Entdeckung. Jetzt, mit der Lithografie und dem Bericht von Terberger ist ihm klar geworden: „Rotmann hat das Stadttor gekauft, um aus dem ganzen Steinmaterial das Kellergeschoss seines ersten Bauabschnittes bauen zu lassen.“ Und wirklich: Klobige Sandsteinbrocken, wie in der Stadtmauer verwendet, sind zu erkennen, dazu zwei Gewölbedecken aus Backsteinen. Hilgemanns Schlussfolgerung: „Das komplette Wassertor steckt bei Rotmann im Keller.“

In den aktuellen Bauzeichnungen sind die Mauerstärken der Fundamente auffallend. Teilweise bis fast zu einem Meter dick. Hilgemann dazu: „Wer also in Zukunft in Burgsteinfurt ein Stadttor sehen will, muss nicht nur im Stadtmuseum die Bilder des Rotttores und des Steintores betrachten. Im Keller von Rotmann befindet sich ein Original.“

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