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Konzert mit dem Orchester L’arte del mondo und Sängerin Francesca Lombardi Mazzulli

Eine turbulente Entdeckungsreise

Steinfurt

Sie zeigten ihr ganzes Können: Beim Konzert der Meisterserie A in der Steinfurter Bagno-Konzertgalerie überzeugten das Instrumentalensemble L’arte del mondo und Sängerin Francesca Lombardi Mazzulli das Publikum. Coronabedingt wurde alles gleich zweimal aufgeführt.

Von Martin Fahlbuschund

Das Orchester L’arte del mondo und Sängerin Francesca Lombardi Mazzulli zeigten in der Bagno-Konzertgalerie ihr Können. Foto: Martin Fahlbusch

Welch eine turbulente Entdeckungsreise, welch eine wuchtige musikalische Überraschung am Samstagabend in der Bagno-Konzertgalerie in Sachen eines heißblütigen „römischen“ Georg Friedrich Händel. Bei den beiden geradezu bescheiden als Kantaten titulierten Werken HVW 110 und HWV 99 explodierten geradezu vor den höchst aufmerksamen Ohren der coronakonform besetzten Zuhörerreihen zwei veritable Kleinopern.

Diesen kulturellen Schatz hoben die phänomenale Sopranistin Francesca Lombardi Mazzulli und Massimiliano Toni, der das elektrisierend musizierende Hausensemble L‘ arte del mondo vom Cembalo aus leitete. Das alles wurde coronabedingt gleich zweimal aufgeführt, was die bemerkenswerte Leistung aller Künstler besonderer Erwähnung wert ist.

Der künstlerische Leiter des bewährten Barockorchesters, Werner Erhardt, trat lächelnd in die Ensembledisziplin ein und war dazu noch als Moderator ein hilfreicher Wegweiser durch diese in Noten gesetzten Abgründe menschlichen Lebens.

In der Bagno-Konzertgalerie fand ein Konzert der Meisterserie A mit dem Orchester L’arte del mondo und Sängerin Francesca Lombardi Mazzulli statt. Foto: Martin Fahlbusch

Da treffen wir auf eine aufgewühlte Agrippina, die, nachdem sie ihrem Sohn auf den Herrscherthron gehievt hat, nun verhöhnt, verspottet und ungerächt letztlich durch eben diesen Nero dem Tode geweiht wird und ermordet werden soll. Diese Extreme zwischen Wut, Enttäuschung, Rachegelüsten und Verdammnis-Sehnsucht bringt Händel in sowohl spannungsgeladenen wie von Wehmut getränkten Rezitativen und Arien auf die Bühne. Und wie Francesca Lombardi Mazzulli diese Zerrissenheit und Abgründigkeit mit ihren fantastischen stimmlichen und darstellenden Fähigkeiten musikalisch zelebriert, ist schlicht eine Wucht.

Immer bestens geführt, klanglich vielschattig und getragen wurde sie durch das zehnköpfige Instrumentalensemble L’arte del mondo und nicht zuletzt durch Massimiliano Toni, den es kaum auf dem Schemel vor seinem Cembalo hielt.

Nach so viel Verzweiflung und Rachsucht sorgte das wunderbar kantilenenhaft gespielte Oboenkonzert d-moll von Benedetto Marcello für die überaus notwendige Atempause. Susanne Regel spielte in der Tradition des sie begleitenden Orchesters eine historisch nachempfundene Barockoboe. Der entlockte sie einen unvergleichlich warmen Klang, der zwischen jubilierend und nasal nahezu perfekt changierte.

Eindrücke vom Konzert Foto: Martin Fahlbusch

Zurück zu den Extremen hieß es dann in der Kantate „Da quel giorno fatale“. Hier erlebten die Zuhörer ein erneutes stimmlich-theatralisches sowie ungemein flirrendes Gesangsschauspiel. Die liebende Chloris hat ihren Thyrsis verloren, will verwirrt Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um ihn zurückzugewinnen. Allein er entzieht sich, flieht vor ihr, lässt sie zurück in verachtetem Liebeswahn. In diesem Werk von Händel mag es etwas verbindlicher zugehen, aber Francesca Lombardi Mazzulli schöpft alle Facetten aus. Mal turtelt sie kaum sichtbar hinter ihrem Notenpult, um dann in einem heftigen Ausbruch mit voluminöser, aber immer warmer Stimme große Gesten zu vollführen. Bemerkenswert, dass Violine, Oboe, Blockflöte, Barockgitarre und sogar das sonst im Continuo aufgehende Cello von Händel nachgerade Duett-Passagen mit der Sopranistin spendiert bekommen haben. Alles endet in einer anrührend komponierten und formidable von allen Akteuren gestalteten Schluss-Sequenz.

In der Zugabe von Francesca Lombardi Mazzulli, Händels „Lascia ch’io pianga“, ging es wieder um Tränen, Ketten und Tod, aber in einer versöhnenden Art und Weise.

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