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Hifi-Fachmann Mikel Fraune und die Währung Gänsehaut

Gewitter auf dem Wilhelmsplatz

Burgsteinfurt

Es ist wie ein großer Spielzeugladen für Musikinteressierte: Wer das Geschäft von Mikel Fraune am Wilhelmsplatz betritt, schreitet zugleich auch in eine andere Welt. Der Burgsteinfurter ist ein Fachmann in der Hifi-Welt und ein Verfechter des analogen Hörgenusses, bietet hochwertigste Technik an. Wir schauten bei ihm vorbei.

Von Martin Weßeling

Wenn Mikel Fraune aufdreht und die in jeder Hinsicht beeindruckenden Tannoy loslegen, dann kann´s auch schon mal richtig laut werden am Wilhelmsplatz. Foto: Martin Weßeling

Gut, ein wenig konstruiert mutet die Frage schon an, eventuell ist der Ansatz sogar etwas skurril. Aber sei‘s drum, schließlich gibt es halt Dinge im Leben, die schwer zu fassen sind, keine Maßeinheit kennen und sich einer objektiven Einschätzung entziehen. Aber die durchaus der Grund dafür sein können, morgens früh aufzustehen, um den späten Abend zu genießen. Sie lauten: Kann man Emotionen käuflich erwerben, sind sie verhandelbar? Für den Burgsteinfurter Mikel Fraune gibt es nur eine Antwort – seine Währung ist die Gänsehaut.

Das wird eigentlich schon klar, wenn man die ersten Schritte in Fraunes Geschäftslokal am Wilhelmsplatz setzt. Wie beim Durchschreiten eines Zeitportals tut sich ein großer Spielzeugladen für Musikinteressierte auf, ein Wegekreuz für Hifi-Nerds, ein audiophiles Labyrinth, dem die entsprechend aufgestellte Klientel nicht wirklich entkommen will. Überall drehen sich Plattenteller, mal glänzend zur Schau gestellt, mal dezent im Hintergrund werkelnd. Dazu Verstärker, mit leuchtenden Röhren bestückt, Schallplatten wirklich in der jeder Ecke, seltene Pressungen, Flohmarktfunde, CD-Silberlinge jeder Stilrichtung. Dann wieder Lautsprecher- oder Netzkabel in Daumendicke, Geräte-Basen, bronzene Absorber und natürlich – jede Menge Lautsprecher. Im Prinzip tut sich in der Burgsteinfurter Altstadt eine Parallelwelt nach dem Vorbild von Peter Pan auf – so eine Art „Insel Nimmerland“ für Menschen mit dem speziellen Interesse für die Wiedergabe von Musik.

Mittendrin Mikel Fraune, der Chef seines kleinen etwas chaotisch wirkenden Reichs, der in seiner eigenen Ordnung dann doch immer findet, was er sucht. Wie gerade die 30 Jahre alte Scheibe eines unbekannten Jazz-Musikers, der am Wilhelms­-platz gerade einen analogen Liveauftritt hat. „Toll, was“, sagt Fraune. „Als wenn sich hier eine Bühne auftun würde mit allen Instrumenten und Sängern. Fabelhaft, die Anlage nimmt man gar nicht mehr wahr. Nur die Musik“, schmunzelt der vital und sportliche wirkende Burgsteinfurter, der lächelnd zugibt: „Na ja, etwas verrückt, etwas neben der Spur muss man schon sein, um das so durchzuziehen.“

Dann erzählt Fraune, seit gut 40 Jahren im Geschäft, von XLR-, Chinch-, Lautsprecher- und Netzkabeln aus eigener Entwicklung. „Sie gehören zu den besten, die es in der gehobenen Klasse gibt, kosten aber nur einen Bruchteil davon.“ Fachmann Fraune fachsimpelt auch von Lautsprecher-Konzepten, die er befürwortet, von jenen, die zwar preisintensiv seien, aber klanglich von minderer Qualität, von Verstärkern aus Fernost und für wenig Geld, die aber ganz vorne mitmischen würden.

Und von großen – man kann sie kaum anders nennen – Boxen-Ungetümen der schottischen Traditionsmarke Tannoy. Das Spitzenmodell trägt die sinnige Bezeichnung „Westminster“. Analog zur Assoziation, die vor dem geistigen Auge erscheint, sind die 45 000 Euro teuren Massivholzschränke mit der Ausstrahlung einer wahrhaftigen Kathedrale nur in einem mittelalterlichen Schloss annähernd wohnraumfreundlich aufzustellen – wenn überhaupt. „Vor allem die Frauen stehen aber neuerdings drauf. Da hat sich in den vergangnen Jahren einiges geändert“, versucht sich Mikel Fraune an einer Erklärung für diese musikalischen Monumente, die eigentlich aus der Zeit gefallen sind. Außerdem: „Die klingen halt wie kaum ein anderer Lautsprecher. Wahnsinn – Gänsehaut pur.“

Die Besucher in Fraunes Zauberwelt müssen diese Wucht manchmal am eigenen Leib erfahren. Einmal sei ein Gast total verängstigt aufgesprungen und habe seinen Cappuccino verschüttet, als die großen Tannoys ein Gewitter livehaftig und ziemlich gewaltig in den Raum spielten. Dann aber wieder würden die allermeisten Gäste einfach die Zeit vergessen, wenn die Musik erst mal spiele. Fraune: „Die meisten müssen dann zwischendurch raus, ihre Parkscheibe umstellen.“ Dann gebe es auch Haushalte, die ihren kompletten Einrichtungsstil umstellen würden, sobald eine Tannoy ins Wohnzimmer einziehe. „Da gibt es schon die dollsten Sachen. Das kann einen echt packen, wenn man die mal erlebt hat.“

Hört sich exklusiv an, doch Mikel Fraune kann auch anders. Wenn sich Keith Jarrett oder eine andere Jazz-Legende auf dem Plattenteller dreht, dann wippt, groovt, dann vibriert der Burgsteinfurter Musik-Fachmann auch im Zusammenspiel mit einer seiner Low-Budget-Anlagen. „Hier, diese 200-Euro-Box. Wahnsinn, was die kann“, wirkt er angesichts eines unscheinbaren Regallautsprechers regelrecht euphorisiert.

Was nicht gehe, oder nach Meinung des Hifi-Spezialisten nur sehr begrenzt, sei Digitaltechnik, vor allem Streaming aus dem Internet. Die sei hierzulande technisch einfach nicht in der Lage, Musik-Signale entsprechend zu verarbeiten, sie weiterzuleiten, umzuwandeln. „Das müsste eigentlich alles von Grund auf neu aufgesetzt werden. Ich bleibe beim Analogen, bei der Schallplatte“, meint Mikel Fraune, legt schon mal die nächste Scheibe auf und lässt es klingen – oder krachen im „Nimmerland“ auf dem Wilhelmsplatz. Gänsehaut halt – eine Währung von unschätzbarem Wert.

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