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Totenlicht erinnert an Lohnsklaven

„Integration ist eine Aufgabe“

Lengerich

Nachdem im September, von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, in Hohne ein 52-jähriger Pole beim Einkaufen zusammengebrochen und verstorben ist, haben Pfarrer Peter Kossen und Irina Kortenjan vom Verein „Aktion Würde und Gerechtigkeit“ mit einem Totenlicht an den „Lohnsklaven“ erinnert. Der Verstorbene war in der Fleischindustrie beschäftigt gewesen. Das Schicksal des Mannes beschäftigt Kossen und Kortenjan nach wie vor.

Von Joke Brockerund

Pfarrer Peter Kossen und Irina Kortenjan vom Verein Foto: Joke Brocker (1), Verein „Aktion Würde und Gerechtigkeit“ (1)

Sie leben und arbeiten unter prekären Verhältnissen in einer Art Parallelwelt, werden von den Nachbarn gemieden und argwöhnisch beobachtet. Es scheint, dass selbst ihr Tod die Menschen in ihrer Umgebung nicht berührt. Als Irina Kortenjan im September den Menschen in ihrem Viertel in Hohne berichtete, dass ein 52 Jahre alter Mann beim Einkaufen zusammengebrochen und gestorben sei, hörte sie keine Worte des Bedauerns, sondern lediglich abfällige Bemerkungen wie „War doch ein Rumäne.“ Kortenjan, Mitglied im Verein „Aktion Würde und Gerechtigkeit“, war entsetzt ob der fehlenden Empathie, der Ignoranz und dieses unverblümten Rassismus‘. Ihr und dem Begründer des Vereins, Pfarrer Peter Kossen, ließ das traurige Schicksal des Mannes keine Ruhe.

Die Frage, ob er in seiner Heimat eine Familie hatte, die auf ihn wartete und der möglicherweise geholfen werde müsse, trieb die beiden ebenso um, wie Überlegungen, wer für die Überführung des Verstorbenen in die osteuropäische Heimat gesorgt haben könnte.

Beim Ordnungsamt der Stadt Lengerich erfuhr Irina Kortenjan lediglich, dass der Verstorbene 52 Jahre alt war, in der Fleischindustrie gearbeitet hatte und an Entkräftung gestorben sei. Martin Pogrifke, Leiter des Amtes für Sicherheit und Ordnung in der Stadtverwaltung, berichtet auf Nachfrage dieser Zeitung darüber hinaus, dass der Mann die polnische Staatsangehörigkeit hatte. Das Ordnungsamt habe Kontakt zu der in Polen lebenden Ehefrau aufgenommen, die dann die Überführung des Verstorbenen in die Heimat organisiert habe, für die ein sogenannter „Leichenpass“ erforderlich gewesen sei.

Weil der 52-Jährige im öffentlichen Raum zusammengebrochen und verstorben war, ermittelte die Polizei, die, auch nach Befragungen von Mitbewohnern des Mannes, ein Fremdverschulden ausschließen konnte. Die Mitbewohner hatten laut Pogrifke von schweren Vorerkrankungen des entkräfteten Mannes berichtet, der wohl auch in ärztlicher Behandlung gewesen sei.

Irina Kortenjan und Pfarrer Kossen haben Anfang November unweit des Sterbeortes in der Straße An der Breede ein Grablicht für den „unbekannten Lohnsklaven“ aufgestellt, um ein Zeichen zu setzen: „Jeder ist jemand! Auch noch im Tod.“

Die Gesellschaft, der er ein fehlendes Unrechtsbewusstsein attestiert, lasse die billigen Arbeitskräfte aus (Süd-)Osteuropa (laut Pogrifke handelt es sich um Arbeiter aus Polen, Rumänien, Bulgarien oder auch Mazedonien) nicht am gesellschaftlichen Leben teilhaben, kritisiert Kossen. Sie nehme auch keinen Anteil an den menschenverachtenden und ausbeuterischen Bedingungen, unter denen diese Menschen hier leben und – bis zur totalen Erschöpfung – arbeiten müssten.

Es klingt nach moderner Sklaverei, wenn Irina Kortenjan von unseriösen Subunternehmern berichtet, die den Arbeitern die Personalausweise abnehmen. Vor einiger Zeit hatte Kortenjan in Hohne die Werbetrommel für eine Corona-Impfaktion gerührt und mit einer Flugblattaktion auch die osteuropäischen Arbeiter darauf aufmerksam gemacht. Einige Rumänen, die sich gerne hätten impfen lassen, hätten die erforderlichen Personalausweise allerdings nicht vorlegen können, weil diese offenbar von ihren Chefs einkassiert worden waren.

„Wir haben nicht nur Arbeiter gerufen, wir rufen auch Menschen“, appelliert der Geistliche an die Gesellschaft – nicht nur in Lengerich – sich um die Integration von Arbeitskräften zu kümmern, ganz egal ob es sich dabei um Rumänen handelt, die in der Fleischindustrie arbeiten, oder um Polinnen, die deutsche Senioren pflegen. „Integration ist eine Aufgabe“, findet Kossen. „Wenn sie klappt, geschieht das zum beiderseitigen Nutzen.“

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