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Marion Lohoff-Börger sprach über eine spannende Sprache, die 1945 fast ausgestorben wäre

Ist das nicht jovel?

Steinfurt

„Masematte“ – ein geheimnisvoller Begriff geistert durch das Münsterland. Was hat es mit dieser alten Geheimsprache auf sich? Am Freitag berichtete die in Münster lebende Autorin Marion Lohoff-Börger in der Stadtbücherei von ihren Forschungsergebnissen, die sie auch in dem Buch „Mehr Massel als Brassel“ niederlegte. Ein Vortrag mit vielen, teils überraschenden Erkenntnissen.

Von Rainer Nixund

Marion Lohoff-Börger erläuterte detailliert die Geschichte einer ganz besonderen Sprache. Foto: nix

„Masematte“ – ein geheimnisvoller Begriff geistert durch das Münsterland. Was hat es mit dieser alten Geheimsprache auf sich? Am Freitag berichtete die in Münster lebende Autorin Marion Lohoff-Börger in der Stadtbücherei von ihren Forschungsergebnissen, die sie auch in dem Buch „Mehr Massel als Brassel“ niederlegte.

„Wer Masematte heute noch kennt, verfügt in der Regel über einen Wortschatz von vier bis 200 Wörtern“, erläuterte die Autorin. Es handelt sich um eine mündlich überlieferte Sprache, für die es weder Grammatik noch Rechtschreibung gab. Insgesamt umfasst der Sprachschatz nur 600 Wörter.

„Die Sprache entstand um 1850 im Zuge der Industrialisierung in Münster“, erfuhr das staunende Publikum und war in Rotlichtvierteln, im Handel, beim Fußball oder in der Kneipe anzutreffen. Ein Dialekt ist sie nicht, denn Masematte besteht aus komplett fremden Wörtern. Quellensprachen sind zu 50 Prozent das Jiddische, zu 20 Prozent das Rotwelsche, zu weiteren 20 Prozent die Sprache der Roma und zu zehn Prozent das Plattdeutsche. Der Begriff selbst stammt aus dem Hebräischen und kann mit „die, die Handel treiben“ übersetzt werden. „Es ist eine relativ ungenaue Sprache mit vielen Nuancen in den Bedeutungen“, sagt die Autorin. Allein für „Polizei“ und „Geld“ gebe es je zehn verschiedene Ausdrücke.

Eingeladen hatte die Stadt Steinfurt vor dem Hintergrund des Projektes „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“. Eine Arbeitsgruppe aus allen politischen Fraktionen im Rat, den „Stolpersteinen“ beider Stadtteile, den Kirchen sowie weiteren Akteuren arbeitete dazu ein Programm aus, zu dem auch der Lohoff-Börger-Vortrag gehörte.

Der hohe Anteil des Jiddischen an Masematte macht die Verbindung zum Thema deutlich. Die Autorin erzählte auch die Biografie einer jüdischen Familie aus Münster, deren Mitglieder Opfer der Deportation in Hitlerdeutschland wurden. Die ursprüngliche „Spezialsprache“ starb mit dem Holocaust dann 1945 aus.

So mancher aus dem Publikum erinnerte sich noch daran, wie das, was von Masematte in die Neuzeit gerettet werden konnte, Ende der 1960er Jahre zum Verständigungsmittel von Schülern und Studenten der Region wurde. Es war nicht zuletzt ein Auflehnen gegen alte, verkrustete Strukturen.

Begriffe wie „shovel“, schlecht, und „jovel“, toll, wurden wie selbstverständlich gebraucht. „Die „Koten“, Kinder, kannte jeder, ebenso wie das „Frengeln“, Essen und das Meimeln, regnen. Lohoff-Börger engagiert sich dafür, dass Masematte zum immateriellen Kulturgut erklärt wird, denn „es ist eine spannende Sprache.“ Allerdings müsse sie dazu als Kulturform gelten, denn Sprachen werden nicht anerkannt. Das Bestreben sei bereits auf gutem Weg.

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