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Mit zweierlei Maß gemessen?

Ukrainische Flüchtlinge dürfen studieren - während andere es nicht dürfen

Die Hürden für ukrainische Flüchtlinge, die in Deutschland studieren wollen, sind sehr viel niedriger als zum Beispiel für Syrer. Ist das gerecht? Dazu gibt es unterschiedliche Sichtweisen.

Die Hörsäle könnten bald noch voller werden. Das Privileg für ukrainische Geflüchtete, in Deutschland studieren zu können, rief eine Diskussion um unterschiedliche Werte bei Flüchtlingen auf den Plan. Foto: Pjer Biederstädt

Der Krieg in der Ukraine geht weiter. Seit dem russischen Angriff am 24. Februar 2022 hat sich das Leben der Ukrainer in einen nicht enden wollenden, grausamen Albtraum verwandelt. Horror-Bilder, -Nachrichten beherrschen die Medien. Auch die Zahl der Geflüchteten in den Nachbarländern steigt weiter an. Allein in Deutschland wurden bereits mehr als 600.000 Geflüchtete (Stand 5. Mai) erfasst.

Um den ukrainischen Gästen einen guten Start in einem fremden Land zu ermöglichen, hat die Kultusministerkonferenz beschlossen, dass geflüchtete Schüler auch ohne einen Sekundarschulabschluss ein Studium in Deutschland beginnen können. Hintergrund sei der, dass aufgrund des Krieges keine regulären staatlichen Abschlussprüfungen geschrieben werden konnten. Aber auch für Studierende, die in der Ukraine bereits in ein Studienjahr gestartet sind, es jedoch nicht beenden konnten, gilt das Angebot. Dazu sollen sich die Betroffenen einfach direkt bei der jeweiligen Hochschule bewerben.

Für diejenigen, die in ihrer Heimat bereits ihre Hochschulreife erworben haben, aber aufgrund der Flucht nicht die Möglichkeit hatten, alle notwendigen Unterlagen mitzubringen, durchlaufen das sogenannte „Dreistufige Plausibilisierungsverfahren“, welches im Jahr 2015 für alle Geflüchteten eingeführt wurde. Dieses Verfahren legt unter anderem fest, dass die betroffenen Personen eine Art Prüfung ablegen. Das können beispielsweise künstlerische Prüfungen an Kunsthochschulen, aber auch ein Probestudium in nicht zulassungsbeschränkten Studiengängen sein. Die neuen Maßnahmen über das Studieren in Deutschland für ukrainische Flüchtlinge sorgten allerdings für hitzige Diskussionen.

Grundsätzlich sprechen die Kritiker dieses Verfahrens an, wie unfair es sei, dass zwischen geflüchteten Menschen generell ein Unterschied gemacht werde. Es sei doch egal, ob sie aus der Ukraine oder aus Syrien kommen, wo bereits seit Jahren Krieg herrscht. Auf die Frage in den Kommentaren des Instagram-Posts der Tagesschau, warum unter den Geflüchteten unterschieden werden müsse, wird zum Beispiel zynisch kommentiert: „Weil Ukrainer weiß und christlich sind, in Deutschland sind wir nach wie vor extrem rassistisch.“

Eine weitere Betroffene erzählt von ihren Erfahrungen. Sie sei vor ein paar Jahren nach Deutschland gekommen. Ihre Eltern hatten in der Heimat erfolgreiche Berufe, diese Abschlüsse wurden hier jedoch nicht anerkannt. Sie können nun zwar andere Berufe ausüben, diese seien für ihre Eltern aber keineswegs so erfüllend, heißt es weiter.

Das Plausibilisierungsverfahren steht zwar allen Geflüchteten zu Verfügung, allerdings beinhaltet es eine Prüfung, man kann also nicht ohne Weiteres studieren. Aber auch gegenüber den deutschen Abiturienten, welche natürlich ebenfalls Prüfungen ablegen müssen, um studieren zu können, sei es unfair.

Auch die Jugend aus Steinfurt äußert sich kritisch gegenüber den neuen Regelungen. Ilhan Celik (20) sieht ein, dass Deutschland zwar einen Schritt in die richtige Richtung gemacht hat, dennoch sagt er, man müsse alle geflüchteten Menschen gleich betrachten: „Deutschland hat aus vergangenen Krisen gelernt und versucht den Flüchtlingen aus der Ukraine mit diesem Privileg jetzt entgegen zu kommen. Dennoch finde ich, dass man allen die Chance für einen richtigen Berufseinstieg gewährleisten muss.“

Auch Isabel Reinkemeier (20) schließt sich dem an: „Der Gedanke, den ukrainischen Flüchtlingen den Einstieg in das Leben hier bei uns zu erleichtern, finde ich gut und wichtig. Dabei sollte allerdings darauf geachtet werden, dass alle Berufseinsteiger die gleichen Chancen haben und es einheitliche Regelungen für Flüchtlinge aus allen Ländern gibt. So scheint es unfair gegenüber den Flüchtlingen aus anderen Ländern.“

Statt die Pflicht des Abiturs zu streichen, wünschen sich viele andere Lösungen. Beispielsweise wird vorgeschlagen, gratis Sprachstunden für das Abitur anzubieten, wodurch die jungen Menschen auch das Gefühl haben könnten, etwas geleistet zu haben. Andere erhoffen sich grundsätzliche Gleichberechtigung und natürlich keinen Rassismus.

„Es ist zwar schade, dass den Flüchtlingen, die beispielsweise 2016 mit der Flüchtlingswelle nach Deutschland gekommen sind, diese Chance nicht geboten wurde. Trotzdem müssen wir es jetzt so akzeptieren und es für gut heißen, dass die Ukrainer so nun einen super Start haben. Ich würde mir wünschen, falls es in Zukunft noch einmal zu so einer Situation kommen sollte, dass alle diesen Start in das Berufsleben haben und weiter auf Gleichberechtigung geachtet wird“, äußert sich Ilhan.

Auch, wenn wir es nicht hoffen, dass es ein weiteres Mal zu so einem tragischen Krieg, wie aktuell in der Ukraine, kommt, sollten wir trotz alledem einen größeren Fokus auf Gerechtigkeit und Chancengleichheit setzten. Da sind wir uns bestimmt alle einig.

(von Franziska Böckenhoff und Luca Hannah Roters)

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