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Doris Watermann geht nach 43 Jahren OT-Heim in den Ruhestand

Träume kennen keine Rente

Borghorst

In nicht einmal zwei Wochen geht eine Ära im OT-Heim St. Nikomedes zu Ende. Doris Watermann hat ihren letzten Arbeitstag. Der Abschied fällt ihr nicht leicht. Aber sie kann dem neuen Lebensabschnitt durchaus gute Seiten abgewinnen.

Von Axel Roll

Doris Watermann kehrt nach 43 Jahren dem OT-Heim den Rücken und geht in den Ruhestand. Der Abschied fällt ihr natürlich nicht leicht. Gleichzeitig freut sie sich auf ganz viel Freizeit. Zusammen mit OT-Heim Leiter Josef Budde hat sie Generationen von Jugendlichen begleitet. Foto: Axel Roll

Kopierer und Computer waren damals Fremdworte. Die Plakate hat Doris Watermann per Hand zusammengeklebt, Rundschreiben auf Matrize mit der mechanischen Schreibmaschine getippt und dann unter stechendem Spiritusgeruch in der Vervielfältigungsmaschine durchgedreht. Und die Jugendlichen? Die waren froh, im OT-Heim St. Nikomedes einen Treffpunkt zu haben, wo sie mal ungestört und weit weg von ihren Eltern mit ihren Freunden quatschen konnten.

Insgesamt, so die Wahrnehmung der 64-Jährigen, war die Jugend in den Anfangsjahren ihres beruflichen Werdegangs aufmüpfiger, fordernder und nicht so angepasst. In 43 Jahren OT-Heim hat sie mehrere Generationen an sich vorbeiziehen lassen. Freitag in einer Woche macht Doris Watermann Schluss. Die Rente wartet.

Der geborenen Borghorsterin, groß geworden in St. Marien, fällt der Abschied nicht leicht. Obwohl sie eine Menge Dinge im Kopf hat, auf die sie sich von ganzem Herzen freut. Urlaub außerhalb der Ferien, mehr Zeit für die besten Freundinnen, das Singen, unter anderem im Chor Cantata, den sie mitbegründet hat. Und weiteres ehrenamtliches Engagement, das will Doris Watermann auch nicht ausschließen.

Das Urgestein der Borghorster Jugendarbeit, über Jahrzehnte mit dem bereits ausgeschiedenen OT-Heim-Leiter Josef Budde ein eingespieltes Team, ist aber auch froh, bald mal Luft holen zu können. „Es ist schon eine Herausforderung, sich immer wieder auf neue Rahmenbedingungen einstellen zu müssen.“ Als Beispiel fällt ihr die ganze Kommunikationstechnik ein, „mit der du immer wieder mitmusst“. Oder die rechtlichen Voraussetzungen, in denen offene Jugendarbeit stattfinden darf. „Das fängt schon damit an, dass du dich intensiv damit beschäftigen musst, welchen Film du jetzt öffentlich zeigen darfst.“

Da ging es die ersten Jahre, nachdem Doris Watermann ihre Ausbildung als Erzieherin absolviert hatte, doch etwas gemächlicher an der Emsdettener Straße zu. Schnell war der jungen Doris damals klar, dass der Kindergarten nicht unbedingt die erste Wahl sein würde. „Mein Anerkennungsjahr habe ich damals in der Klinik in Sendenhorst gemacht, wo ich Jugendliche im Gipsbett betreut habe.“ Das habe ihr gefallen. Und darum bewarb sie sich vor fast 45 Jahren bei der Pfarrgemeinde, als eine dritte Fachstelle im OT-Heim eingerichtet werden sollte.

Die Jung-Erzieherin bekam den Job und sah die offene Jugendarbeit noch in den Kinderschuhen stecken. Im Gegenzug lösten sich die Gruppen von KJG, KSG und wie sie alle hießen, langsam, aber sicher auf. „Früher hatten wir das Jugend-Café. Das reichte in den Zeiten, als viele Jugendliche zu Hause nicht einmal Telefon oder Fernsehen hatten.“

Geschweige denn wie heute Handy oder eigenes Zimmer. „Da war der Drang zum Abgrenzen von den Erwachsenen noch viel größer.“

Erst war es die Kinder-, später die Arbeit mit Mädchen und jungen Frauen, die für Doris Watermann immer wichtiger wurde. Spontan fallen der Rentnerin in Warteposition die Ohrwürmer ein, der Mädchen- und Jungenchor, der alle zwei Jahre mit musicalähnlichen Aufführungen auf der großen Bühne stand. Mit den Mädchen erörterte die gelernte Erzieherin gerne die Frage: Was will ich eigentlich für mich?

Drumherum herrschte über die Jahre für Doris Watermann und ihre Mitstreiter der ganz normale Wahnsinn. „Langweilig war es nie.“ Der Gedanke, mal eine Pause einzulegen, zum Beispiel als die Betreuung ihrer zwei eigenen Kinder organisiert werden musste, kam ihr nie. „Damals war mein Mann schwer krank, da musste ich weiterarbeiten.“

Inzwischen trifft Doris Watermann in der Stadt immer mal wieder alte Schützlinge, deren Enkel mittlerweile im OT-Heim ein- und ausgehen. „Das hätte ich mir früher nie träumen lassen.“ Träume, ein gutes Stichwort. Die spielen am letzten Arbeitstag, dem 15. Juli, nämlich eine große Rolle. Doris Watermann hat den Abschied unter das Martin-Luther-King-Zitat „I have a dream“ gestellt. „Träume gehen nie in Rente. Ich schon.“

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