1. www.muensterschezeitung.de
  2. >
  3. Lokales
  4. >
  5. Steinfurt
  6. >
  7. „Wir müssen Verkehr neu denken“

  8. >

Interview mit GAL-Fraktionssprecher Christian Franke zum Thema Lastenfahrrad

„Wir müssen Verkehr neu denken“

Steinfurt

Noch bilden sie in der Kreisstadt die Ausnahme im Straßenbild, doch Verkehrsexperten sind davon überzeugt, dass sie als urbanes Transportmittel alsbald auch im ländlichen Raum eine gewichtige Rolle spielen werden: Lastenfahrräder können eine praktikable Alternative zum (Zweit-)Wagen sein. Die Fraktion der Grün-Alternativen Liste hat zum Haushalt 2022 einen Antrag gestellt, der die Förderung solcher Transportmittel zum Ziel hat. Mit Erfolg: 15 000 Euro sind zusätzlich bereitgestellt worden. Redaktionsmitglied Ralph Schippers unterhielt sich mit Fraktionssprecher Christian Franke über den Beitrag, den Lastenräder zur lokalen Verkehrswende leisten können und wie der Weg dahin gelingen kann.

Von und

GAL-Fraktionssprecher Christian Franke nutzt schon seit Jahren ein Lastenrad – gerne auch zum Kinder-Transport. Auf dem Foto sind sein eigener Nachwuchs sowie zwei Nachbarskinder zu sehen. Foto: privat

Noch bilden sie in der Kreisstadt die Ausnahme im Straßenbild, doch Verkehrsexperten sind davon überzeugt, dass sie als urbanes Transportmittel alsbald auch im ländlichen Raum eine gewichtige Rolle spielen werden: Lastenfahrräder können eine praktikable Alternative zum (Zweit-)Wagen sein. Die Fraktion der Grün-Alternativen Liste hat zum Haushalt 2022 einen Antrag gestellt, der die Förderung solcher Transportmittel zum Ziel hat. Mit Erfolg: 15 000 Euro sind zusätzlich bereitgestellt worden. Redaktionsmitglied Ralph Schippers unterhielt sich mit Fraktionssprecher Christian Franke über den Beitrag, den Lastenräder zur lokalen Verkehrswende leisten können und wie der Weg dahin gelingen kann.

In Großstädten gehören Lastenfahrräder bereits zum Straßenbild. Anders (noch) auf dem Land. Warum können diese Transportmittel auch dort einen nennenswerten Beitrag zur Verkehrswende leisten?

Christian Franke: Es ist wie so oft: Großstädte sind bei neuen Entwicklungen Pioniere, mit zeitlichem Verzug halten diese dann Einzug im Mittelstädten wie Steinfurt. Fest steht: Auch bei uns auf dem Land findet das Gros der Mobilität auf Kurz- und Mittelstrecken statt, die aber meist noch mit dem Pkw zurückgelegt werden. Ziele sind oftmals die Kita oder die Schule, um dort die Kinder hinzubringen oder – bei Einkaufsfahrten – die beiden Zentren. Für all diese Zwecke sind Lastenfahrräder eine ökologische und nachhaltige Alternative zum Auto. Lastenräder werden – ich glaube, dass ist unstrittig – ein wichtiger Bestandteil der Mobilität der Zukunft sein. Schauen Sie bloß mal über die Grenze in die Niederlande. Dort fungieren diese Räder schon längst als ein Baustein von vielen, die dazu beitragen, die überwiegende Fokussierung auf das Auto abzulösen.

In Burgsteinfurt gibt es auf Lastenradbasis einen etablierten Lieferdienst für Waren des täglichen Bedarfs, ebenso gibt es einen regional bekannten Händler, der ein breites Angebot aus niederländischer Produktion vorhält – gute Voraussetzungen, dieses Transportmittel in der Kreisstadt nach vorne zu bringen…

Franke: Absolut, insbesondere wenn wir den lokalen Einzelhandel stärken wollen. In Burgsteinfurt klappt das ja schon ganz gut, Borghorst sollte nachziehen. Zudem gibt es ja auch immer wieder das Ärgernis, dass motorisierte Lieferdienste durch eigentlich gesperrte Innenstadtbereiche fahren. Hier können Lastenräder ebenfalls Abhilfe schaffen, wie bereits etablierte Beispiele zeigen. Beeinträchtigungen für die Innenstadtbewohner und -besucher können so minimiert werden.

Der Rat hat für das kommende Haushaltsjahr nach entsprechender Antragstellung durch die Fraktion der GAL einen Betrag in Höhe von 15 000 Euro zur Verbesserung der Infrastruktur zur Verfügung gestellt. Welche Maßnahmen stellen Sie sich vor?

Franke: Zunächst: Die 15 000 Euro sind eine Anteilsfinanzierung. Es stehen bis zu 80 Prozent Co-Finanzierung für derlei Infrastrukturmaßnahmen in Aussicht. Und dann haben wir ja auch noch Mittel im Haushalt stehen, die allgemeine Maßnahmen zur Radwegeverbesserung beinhalten – das sind 100 000 Euro. Man kann daraus auch deshalb einen hohen Effekt generieren, weil die Nutzer von Lastenrädern erfahrungsgemäß keine allzu hohen Ansprüche haben. Wichtig sind gute und sichere Abstellmöglichkeiten in Innenstadtnähe. Neben ausreichend Platz wären Überdachungen und eine Möglichkeit zum Abschließen an einen festen Gegenstand angebracht. All diese Maßnahmen sollten nach Möglichkeit in Kombination für E-Bikes erfolgen, muss doch die Infrastruktur auch in diesem Bereich dem zuletzt deutlichen Zuwachs Rechnung tragen. Das haben wir in unserem Antrag auch deutlich gefordert.

Bezieht sich der Antrag darüber hinaus explizit auch auf eine Verbesserung der Radwegeinfrastruktur?

Franke: In der Tat, denn wir müssen Verkehrswege neu denken. Deshalb freut es uns sehr, dass der Rat unseren Vorstoß einstimmig unterstützt hat. Wir müssen dafür nicht alle Radwege umbauen. Nutzer von Lastenrädern haben eine hohe Bereitschaft, Umwege zu fahren, wenn sie dafür Hindernisfreiheit haben. Perspektivisch müssen auch mehr Fahrradstraßen ausgewiesen werden. Dies gibt insbesondere Lastenradnutzern ein verbessertes Sicherheitsgefühl, zumal wenn diese Kinder transportieren.

Die Fraktion der Bündnisgrünen hatte zum Haushalt 2022 ebenfalls einen Antrag zum Thema Lastenräder gestellt, der sich auf die finanzielle Förderung einer Anschaffung derselben durch die Kommune bezog. Er wurde jedoch mehrheitlich abgelehnt. Aus Ihrer Sicht ein Fehler oder angesichts des nach wie vor gegebenen Sparzwanges eine nachvollziehbare Entscheidung?

Franke: Die Entscheidung der politischen Mehrheit, die übrigens sehr knapp war, war für mich überhaupt nicht nachvollziehbar. Sie war tatsächlich ein Fehler, denn beide Anträge hätten sich hervorragend in dem Sinne ergänzt, dass es ein echter Mehrwert entstanden wäre. Um es deutlich herauszustellen: Wir hatten unseren Antrag im Nachgang zu dem der Bündnisgrünen gestellt – eben genau mit dem Hintergrund, wenn schon eine Bezuschussung der Anschaffung kommt, dann macht es doch auch Sinn, die Infrastruktur entsprechend zu verbessern.

Der Topf zur Verbesserung der Radinfrastruktur ist gut gefüllt. Erwarten Sie nun kurzfristig Maßnahmenvorschläge von Seiten der Verwaltung?

Franke: Es gibt die Zusage von der Verwaltung, dass das Mobilitätskonzept im Laufe des kommenden Jahres fertiggestellt sein wird. Wir gehen davon aus, dass sich daraus unmittelbar erste Maßnahmen entwickeln lassen. Ich glaube, die Verwaltung hat verstanden, dass Handlungsbedarf besteht. Ich hatte in meiner Stellungnahme zum Haushalt deutlich gemacht, dass wir es nicht noch einmal durchgehen lassen werden, dass zweckgebundene Mittel wie im jetzt zu Ende gehenden Jahr einfach ungenutzt liegen bleiben.

Für wen sind Lastenräder als Transportmittel geeignet? Gibt es Beispiele im persönlichen Umfeld?

Franke: Ich selbst fahre seit jetzt fünf Jahren ein Lastenfahrrad, aber auch in meinem Bekanntenkreis gibt es nicht wenige, die dieses nutzen. Zielgruppe sind insbesondere junge Familien mit Kindern. Der klassische Lastenradnutzer, das zeigen Studien, ist übrigens männlich und zwischen 25 und 44 Jahre alt.

Startseite
ANZEIGE