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„Erst der Anfang der Aufarbeitung“

Niederlande-Experte zur Rolle der Sklaverei

Münster

Professor Jacco ­Pekelder, Direktor des Zen­trums für Niederlande-Studien, erklärt, warum er in der Entschuldigung von Mark Rutte nur einen ersten Schritt sieht, um das durch Sklavenhandel ausgelöste Leid anzuerkennen.

Den Haag, Mark Rutte entschuldigt für die Rolle der Niederlande in der Geschichte der Sklaverei. Foto: Imago Foto: IMAGO/Robin van Lonkhuijsen

Professor Jacco ­Pekelder, Direktor des Zen­trums für Niederlande-Studien, sieht in der Entschuldigung von Mark Rutte nur einen ersten Schritt, um das durch Sklavenhandel ausgelöste Leid anzuerkennen.

Worum geht es bei der Entschuldigung genau?

Pekelder: Die Niederlande spielten eine wichtige Rolle beim transatlantischen Sklavenhandel, die aus Sicht der Nachfahren der Betroffenen nie kritisch aufgearbeitet wurde: Unter anderem wurden rund 550 000 Menschen über niederländische Handelsposten in Westafrika gekauft und auf niederländischen Schiffen nach Lateinamerika und in die Karibik gebracht. Dabei spielten die niederländischen Kolonien Surinam und die Antillen eine wichtige Rolle. Als eines der letzten Länder Europas schaffte das niederländische Königreich die Sklaverei am 1. Juli 1863 ab, doch sie wirkte noch zehn Jahre später nach. Im nächsten Jahr jährt sich die Abschaffung des Sklavenhandels zum 150. Mal, und die Nachfahren drängen darauf, die Schandtaten endlich aufzuarbeiten.

Warum erst jetzt?

Pekelder: Eine Antwort: Die Schattenseiten der Kolonialisierung rühren am niederländischen Selbstbild. Wir assoziieren unsere Geschichte mit dem Wunsch nach Freiheit, da fällt es schwer eine Debatte zu beginnen, dass wir selbst auch Menschen unterdrückt haben. Doch es ist auch viel ins Rollen gekommen: Viel angestoßen hat die bis heute kontroverse Debatte um den „Zwarten Piet“, eine Art niederländischer Knecht Ruprecht mit geschwärztem Gesicht.

Wird der Tag eine Wende in der Geschichte bringen?

Pekelder: Es ist ein wichtiger Schritt. Doch Rutte hat im Vorfeld einige Fehler gemacht und betroffene Gruppen nicht eingebunden in sensible Fragen von Ort, Datum und Inhalt. Das erweckt den Eindruck, Rutte gehe es gar nicht darum, mit der Vergangenheit zu brechen und eine neue Kultur der Verständigung zu etablieren. Aus meiner Sicht müsste es endlich eine nachhaltige Gedenkkultur geben. Der niederländische Staat sollte viel großzügiger sein, denn sein Reichtum baute auch auf Sklavenarbeit auf.

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