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Flutkatastrophe im Ahrtal

Die liebe Not mit der Notbetreuung

Bad Neuenahr-Ahrweiler

Wegen der Flut im Ahrtal mussten Anne Stützel und Sabine Poppelreuter nach den Sommerferien in einer fremden Kita ziemlich von vorne anfangen. Fremdes Gebäude, fremde Kinder – „zuerst dachte ich: och nö!“ erinnert sich Poppelreuter. Aber es ging schnell besser.

Von Gunnar A. Pier

Die Erzieherinnen Sabine Poppelreuter (links) und Anne Stützel aus der St.-Pius-Kita waren für einige Wochen in der Notbetreuung in einer anderen Einrichtung untergebracht. Nicht immer ganz einfach war das, berichten sie. Foto: Gunnar A. Pier

Als die Kindertagesstätten im Ahrtal aus den Sommerferien zurückkamen, war nichts mehr wie zuvor. Viele Gebäude sind seit der Flutkatastrophe am 14. Juli 2021 zerstört – und mit ihnen die vertrauten Welten Hunderter Kinder, die eingespielten Beziehungen, die Teams. Zusammenrücken war angesagt – auch in den Einrichtungen, die nicht direkt betroffen sind. Nicht ganz einfach für alle Beteiligten.

Den 9. August werden die Erzieherinnen Anne Stützel und Sabine Poppelreuter so schnell nicht vergessen. An dem Tag endete der Urlaub, ihre Kita St. Pius in Bad Neuenahr-Ahrweiler aber wurde durch die Flut am 14. Juli 2021 so stark beschädigt, dass sie abgerissen werden muss. Also begannen die beiden zusammen mit weiteren Kolleginnen mit einer Notbetreuung – in einer anderen Kita in Altenahr. Denn die Kita-gGmbH des Bistums stellte die Notbetreuung innerhalb kürzester Zeit einrichtungsübergreifend auf die Beine. Alle Eltern konnten Bedarf anmelden, und die Organisatoren versuchten, den irgendwo in irgendeiner Kita zu decken.

Fremdes Gebäude, fremde Kinder 

„Wir wurden direkt ins kalte Wasser geschmissen“, erinnern sich Anne Stützel und Sabine Poppelreuter. Fremdes Gebäude, fremde Kinder – „zuerst dachte ich: och nö!“ erinnert sich Poppelreuter. Sie habe direkt ihre Kolleginnen und „ihre“ Kinder vermisst. „Aber dann hat sich das schnell eingespielt.“ Auch für die Kinder sei das eine Herausforderung gewesen – „Aber die haben das echt toll gemacht!“ Eine Erfahrung, die in vielen betroffenen Ahrtal-Kitas gemacht wurde: Die Kleinsten haben die Ereignisse deutlich besser weggesteckt, als viele noch vor wenigen Wochen befürchtet hatten.

Drei Wochen lang waren Anne Stützel und Sabine Poppelreuter in Altenahr im Einsatz. Seitdem hat ihre angestammte St.-Pius-Kita eine eigene provisorische Bleibe. Sie zog ins „Haus des Dorfes“ im Ortsteil Leimersdorf der Gemeinde Grafschaft oberhalb von Bad Neuenahr-Ahrweiler. Dort werden täglich rund 50 Kinder vom vertrauten Team betreut.

Auf einer Anhöhe auf der anderen Seite des Ahrtals sitzt im ehemaligen Kloster Calvarienberg Anja Braun und berichtet ganz Ähnliches. In den ersten beiden Wochen nach der Sommerpause ihrer Kita die St.-Laurentius im Ortsteil Ahrweiler stiegen die Erzieherinnen in einem anderen Kindergarten ein. Die dortige Belegschaft war dran mit Urlaub – gleichzeitig wurden dort Kinder aus verschiedenen Einrichtungen im Stadtgebiet im Notbetrieb betreut. „Ein mulmiges Gefühl“, gesteht die kommissarische Leiterin. „Viele Kollegen hatten unheimliche Ängste.“ Denn zu der fremden Umgebung und dem Gefühl kam die Sorge, wie es den Kindern geht. Sind sie traumatisiert von der Katastrophennacht, brauchen sie psychische Betreuung?

Kinder nahmen die neue Kita als Abenteuer an

„Wir haben instinktiv das Richtige gemacht“, ist Anja Braun heute erleichtert. Nähe geben, eine Wohlfühl-Welt zaubern, Normalität vermitteln: Das brauchten die Kinder. Viele haben ihre Heimat, das Haus, ihr Kinderzimmer für immer verloren. In der Kita klappte alles besser, als erwartet. „Wir waren überrascht, wie schnell uns die Kinder angenommen haben.“ Und die neue Kita hätten sie eher als Abenteuer angenommen, als neue aufregende Welt, die es zu erkunden gilt.

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Dennoch legen sie allerorten Wert darauf, wieder Beständigkeit zu vermitteln. Deshalb hoffen alle zerstörten Kitas auf Provisorien, die so lange halten, bis eine endgültige Lösung gefunden ist. Die Kita St. Laurentius hat sie im Kloster Calvarienburg bereits gefunden, die St.-Pius-Kita beispielsweise wird noch einmal umziehen – aus dem „Haus des Dorfes“ in einen Containerbau.

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