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TV-Tipp

Alt-Nazis und Agenten: Serie «Bonn» zeigt die junge BRD

Bonn (dpa)

In einer opulenten Serie beleuchtet die ARD die inneren Konflikte der jungen Bundesrepublik in den 50er Jahren - inszeniert als Mischung aus Agententhriller und Familiendrama.

Von Jonas-Erik Schmidt, dpa

Wolfgang Berns (Max Riemelt, l) berichtet Otto John (Sebastian Blomberg, r), was er herausgefunden hat bei seinen Recherchen. Foto: Kai Schulz/Odeon Fiction/ARD/dpa

Der rheinische Karneval kann schnell auch etwas Bedrohliches haben, wenn man unvorbereitet in ihn hineingerät. Passt man nicht auf, hat man schnell einen schunkelnden Arm auf der Schulter und ein Küsschen auf der Wange. Die Bedrohlichkeit, mit der die Serie «Bonn – Alte Freunde, neue Feinde» eine Karnevalssitzung in den 1950ern in Bonn inszeniert, sucht allerdings ihresgleichen. Denn geradezu körperlich spürbar ist, dass hier Männer munter miteinander Polonaise tanzen, unter deren bunten Kappen braune Gedanken wabern. Als sie schließlich die Arme recken, ist das so in Szene gesetzt, dass es einem kalt über den Rücken läuft. Man hört ein «Alaaf!» - aber fühlt sich wie bei einem verspäteten Parteitag der NSDAP.

Die Szene, die schon nach rund 20 Minuten zu sehen ist, beschreibt ganz gut, was die neue ARD-Serie, von der am heutigen 17. Januar die ersten beiden Folgen im TV laufen (in der Mediathek sind sie schon seit 11. Januar verfügbar) sehenswert macht. Sie verdichtet gesellschaftliche Strömungen und innere Konflikte der auf den Trümmern des Zweiten Weltkriegs gegründeten Bundesrepublik mit einem intensiven Stimmungsbouquet an einem einzigen Ort - im beschaulichen Bonn im Rheinland. Damals provisorische Hauptstadt.

Seilschaften der Alt-Nazis

Der Plot: Im Jahr 1954 ist der Krieg zwar beendet, aber immer noch präsent. Nicht nur in den Köpfen, sondern auch in Form von Personen. Nicht wenige Alt-Nazis haben es sich in der neuen Staatsordnung schon ganz kommod eingerichtet, alte Seilschaften funktionieren noch.

In dieser Gemengelage entspinnt sich eine Rivalität zwischen zwei Geheimdiensten. Auf der einen Seite der Verfassungsschutz mit seinem Chef Otto John (Sebastian Blomberg), der untergetauchte Nazi-Verbrecher jagt. Auf der anderen Seite die Organisation Gehlen, Vorläufer des Bundesnachrichtendienstes. Dessen Chef Reinhard Gehlen (Martin Wuttke) war Wehrmachtsgeneral und sieht die Sache mit der NS-Vergangenheit - vorsichtig formuliert - nicht ganz so eng.

Verwoben wird die Auseinandersetzung der beiden markanten Männer mit der Geschichte einer jungen Frau. Toni Schmidt (Mercedes Müller) kommt von einem Auslandsjahr als Au Pair in London zurück in ihre Familie, in der die ganze dunkle Vergangenheit noch sehr lebendig ist, vor allem in Form ihres Vaters Gerd (Juergen Maurer), der gute Kontakte zu Gehlen pflegt. Toni fängt als Fremdsprachensekretärin bei Gehlen an und arbeitet ihrem sinistren Chef bald direkt zu - was sie für den Konkurrenzdienst wiederum interessant macht. Bald nähert sich ihr Verfassungsschutz-Agent Wolfgang Berns (Max Riemelt).

Zwischen Schuld und Aufbruch

«Bonn – Alte Freunde, neue Feinde» kombiniert historische Figuren mit einem Agententhriller, einem Familiendrama und einem modernen Frauencharakter. Die Ästhetik, in der Fragen zwischen Schuld und Aufbruch verhandelt werden, fängt die 1950er wunderbar ein. Der Ton ist dabei manchmal leicht dozierend und die Charaktere sind mitunter überdeutlich konturiert (etwa der bedrohliche Gehlen mit der dicken Sonnenbrille) - was allerdings auch hilfreich sein kann, um die verschiedenen Ebenen der Geschichte zu verknüpfen. Zumal die historische Umgebung nicht jedem präsent sein dürfte.

«Als ich es gelesen habe, dachte ich sofort: Das ist interessant. Weil es Sachen, Fakten und Themen waren, die ich bis dahin noch nicht kannte», sagt der Hauptdarsteller Max Riemelt der Deutschen Presse-Agentur. Er selbst ist Jahrgang 1984. «Die deutsche Geschichte direkt nach Kriegsende 1945 wird meiner Meinung nach noch gar nicht ausreichend behandelt. Weder in Film und Fernsehen noch in der Schule. Das ist ein bisschen wie ein blinder Fleck.»

Riemelt findet auch, dass man klar benennen müsse, dass es damals Leute gab, denen es gelang, von einer Schuld freigesprochen zu werden - und die sich so neu erfanden. Es sage nämlich auch etwas über die Identität der Deutschen aus. «Es gab keine Stunde Null», sagt Riemelt. «Und das Gedankengut ist bis heute ja nicht verschwunden.»

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