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TV-Tipp

Arte-Doku blickt auf die Suche nach dem Glück

Berlin (dpa)

Die Suche nach dem persönlichen Glück gehört dank zahlreicher Motivationstrainer und Influencer zum Dauerprogramm in den sozialen Medien.

Von Fabian Nitschmann, dpa

Glücklichsein um jeden Preis? Foto: Soeren Stache/dpa-Zentralbild/dpa

Die Zahl der Sinnsprüche zum Glück ist unendlich und ermüdend zugleich. Sehr viele von ihnen setzen auf die Idee, dass jeder für sein eigenes Glück verantwortlich ist, sein Glücklichsein beeinflussen kann, wenn er sich nur genug anstrengt - jeder ist eben seines Glückes Schmied.

Dahinter steht die Idee der Positiven Psychologie, wie die Arte-Doku «Glücklichsein um jeden Preis» (30.8, 20.15 Uhr) erklärt. Der sehenswerte Film macht über gut 90 Minuten aber deutlich, dass dieses Konzept in Verbindung mit dem gelebten Kapitalismus große Gefahren in sich birgt, wenn etwa schwierige Arbeitsbedingungen zu «Möglichkeiten der Weiterentwicklung» werden.

Gib Dein Bestes, dann wirst Du glücklich

«Menschen können lernen, eine Situation zu meistern», lautet einer der Grundsätze des Psychologen Martin Seligman, dem wohl wichtigsten wissenschaftlichen Vertreter der Positiven Psychologie. Der Ansatz wurde, so zeigt es die Doku, vor allem von großen Unternehmen unterstützt und gefördert - denn dort ist das Interesse an Willenskraft und Führungsstärke besonders groß. Gib Dein Bestes, dann wirst Du glücklich - ein Motto, das sich auch in zig Werbeslogans findet (zum Beispiel «Just Do It» von Nike).

Nun stellt sich die Frage: Ist das derzeit praktizierte Glücklichsein um jeden Preis also eigentlich nur ein Treiber zu noch mehr Perfektion, zur maximalen Anpassung an das auf Leistung setzende kapitalistische System? «Es ist paradox: Man hat sich noch nie so um das Wohlergehen der Angestellten bemüht und gleichzeitig haben wir einen Krankenstand wie nie zuvor mit lang anhaltenden Ausfällen», gibt an dieser Stelle die Philosophin Julia de Funès im Film zu Bedenken.

Regisseur Jean-Christophe Ribot stellt in dem eineinhalbstündigen Werk diese Aspekte immer wieder gekonnt gegeneinander: Die Suche eines jeden nach seinem Glück, das aktuelle Verständnis von Glück und die Folgen für die Gesellschaft, vor allem für die Arbeitswelt.

American Dream

Dabei zeichnet er eindrücklich die Wurzeln der Idee der Positiven Psychologie nach, die auffällig gut zum American Dream, dem Weg vom Tellerwäscher zum Millionär mit eigener Hände Arbeit passt. Das Gesprochene wird dabei immer wieder mit alten Filmszenen untermalt, die beispielhaft zeigen, wie die philosophischen Konzepte ihren Weg in die Kultur- und Medienwirklichkeit gefunden haben - oft ein guter Gradmesser für die gesellschaftliche Realität.

Insgesamt ist die intellektuelle Doku eine spannende wie nachdenkliche Reise durch die Geschichte der Psychologie und der Philosophie des Glücks. Die scharfe Kritik an der riesigen Welt der Sinnsprüche, Motivationscoachings und Führungskräfte-Seminare mit den immer wieder gleichen Parolen (kurz: Steh auf, wenn Du am Boden bist, und nimm Dein Glück selbst in die Hand) ist dabei nie zu überhören.

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