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ARD-Doku

Der 11. September als deutsches Trauma

Berlin (dpa)

Die Terroranschläge vom 11. September 2001 veränderten die Welt. Die ARD-Doku «Deutschland 9/11» bietet eine neue Perspektive auf die Ereignisse. Sie beleuchtet, wie das Trauma dieses Tages nachwirkt.

Von Sven Gösmann, dpa

Ein Bild, das die Welt nicht vergisst: Rauchschwaden ziehen über die Skyline von New York City, nachdem zwei entführte Flugzeuge in die Zwillingstürme des World Trade Centers geflogen waren. Foto: Patrick Sison/AP/dpa

Vielleicht wiederholt sich Geschichte wirklich nicht. Die furchtbaren Bilder, die Geschichte produziert, wiederholen sich durchaus.

Wieder stürzten Menschen in diesen Tagen aus dem Himmel. In ihrer Verzweiflung hatten sie versucht, sich an die Fahrwerke amerikanischer Militärtransporter zu klammern, die Menschen aus Kabul ausflogen. Vor 20 Jahren klammerten sich Menschen in Panik an die Fenster der Türme des New Yorker World Trade Center. Dann stürzten sie in den Tod. Oder sprangen sie?

Die Bilder sind jedenfalls sofort wieder da. Sie schlummerten immer in unserer Erinnerung. Deshalb muss der ARD-Dokumentarfilm «Deutschland 9/11» sie gar nicht erst zeigen. Wir haben sie ohnehin nie vergessen, höchstens verdrängt. Und wir haben das alles gerade erst wieder sehen müssen: das Leid, die Verzweiflung, den Tod. Wieder haben wir keine einleuchtende Antwort auf die Frage nach dem Warum. Wieder haben Geheimdienste und Regierungen es nicht kommen sehen.

«Deutschland 9/11» ist die zentrale Produktion der ARD zum 20. Jahrestag der von Al-Kaida-Terroristen verübten Anschläge auf die Zwillingstürme des New Yorker Welthandelszentrums und das US-Verteidigungsministerium im Washingtoner Pentagon. Die Dokumentation ist eine gelungene Annäherung an ein Trauma der Menschheit, das in allen Facetten beleuchtet schien. Jeder Beteiligte schien interviewt, die Täter und ihre Ausbildung in Osama bin Ladens Terror-Netzwerk in Afghanistan waren auserzählt. Wir hatten uns sattgesehen an den ewig gleichen Bildern der Passagiermaschinen, die in die beiden Türme rasten.

Deshalb suchten die Dokumentarfilmer Jan Peter und Daniel Remsperger einen neuen Zugang zum 11. September und fanden ihn in Deutschland. Nach monatelangen Vorgesprächen holten sie bisher weniger beachtete Protagonisten der Terroranschläge vor die Kamera.

Den Film tragen deshalb vor allem die Gesprächssequenzen mit Lara Bothe und ihrer Mutter Katja, deren Vater und Mann Klaus Bothe auf Geschäftsreise in einem der Flugzeuge starb. Mutter und Tochter haben gelernt, mit dem Verlust zu leben. Darüber hinwegkommen werden die beiden Frauen aus Schwaben nie: Jedes Jahr rund um ihren Geburtstag am 11. September, 2001 gleichzeitig ihr erster Tag im Kindergarten, wird die heute 23 Jahre alte Lara Bothe krank.

Den Autoren gelang ein Film, der das Trauma des 11. September auch für uns Deutsche beschreibt, ohne die Traumatisierten bloßzustellen: die Hamburger Terrorermittler oder den damaligen Geheimdienstkoordinator im Kanzleramt Ernst Uhrlau (SPD), die die in der Hansestadt lebende Terrorzelle und ihre Vorbereitungen trotz mancher Hinweise nicht entdeckten. «Blame», Schuld im Sinne von Schande, bringt Ernst Uhrlau da vor der Kamera nur noch heraus. Joschka Fischer, Ex-Außenminister, der sich immer noch zu wundern scheint, dass aus den USA nie ein böses Wort zum Versagen der deutschen Sicherheitsbehörden kam. Da ist der Lufthansa-Kapitän, der von einer vergangenen Zeit mit offenen Cockpit-Türen für neugierige Fluggäste erzählt.

Natürlich führt die ARD-Doku über den 11. September 2001 direkt zum 30. August dieses Jahres, als der letzte US-Soldat Afghanistan verließ. Das unrühmliche Ende eines «Rachefeldzugs», wie eine Stimme in der Dokumentation es nennt. Auf jeden Fall der Beginn einer Zeitenwende, wie im Film deutlich wird. Nach dem Ende des Kalten Krieges 1989 gingen alle von einer Periode des Glücks aus, der demokratische Westen fühlte sich als Sieger der Geschichte und wurde an diesem Septembermorgen eines Besseren belehrt. Diese Lektion ist bitter.

Sie erzählt dieser ergreifende Film, den das Erste aus unerfindlichen Gründen am 10. September erst um 22.15 Uhr ausstrahlt. In der Hauptsendezeit läuft stattdessen die «Eifelpraxis».

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