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«Ihr ganz lieben Zwei»

Die Ehepaare Lenz und Schmidt in Briefen

Hamburg (dpa)

Ein halbes Jahrhundert schreiben die Ehepaare Lenz und Schmidt einander immer wieder: Briefe, Karten, Telegramme. Es geht dabei nicht nur um Politik, sondern auch um Sahnelöffel und Marmelade.

Von Andreas Heimann, dpa

Das Cover des Buches «Ihr ganz lieben Zwei. Briefwechsel» von Loki und Helmut Schmidt sowie Liselotte und Siegfried Lenz. Foto: Hoffmann und Campe/dpa

Für Loki und Helmut Schmidt waren Lilo und Siegfried Lenz Vertraute und Freunde. Auch wenn sie sich oft monatelang nicht begegnet sind, haben sie über einen Zeitraum von fast 50 Jahren Kontakt gehalten. Mehr als 400 Briefe, Karten und Telegramme haben sie zwischen 1965 und 2014 ausgetauscht.

Dabei stand die Politik nicht im Vordergrund, auch wenn Helmut Schmidt als Hamburger Innensenator, Minister und schließlich Bundeskanzler (1974 bis 1982) oft wenig Zeit für anderes hatte. Der lesenswerte Briefwechsel der beiden Paare erscheint nun als Buch.

Literatur ist für sie ein verbindendes Thema. Beide Schmidts lesen die Werke von Siegfried Lenz. Besonders Loki geht in ihren Briefen oft ausführlich darauf ein. Der berühmteste Lenz-Roman «Deutschstunde» hat aber auch Helmut Schmidt beeindruckt. Auch das Buch von Lilo Lenz «Waldboden» mit Aquarellzeichnungen von ihr lobt Schmidt ausdrücklich als «schön und liebenswert». Loki schreibt darüber eine Rezension.

Siegfried Lenz («Heimatmuseum», «Exerzierplatz») wiederum betont mehrfach, wie sehr er sich auf ein neues Buch von Helmut Schmidt freue. Lenz macht Vorschläge für Buchtitel, liest Manuskripte, schickt Schmidt aber auch Anregungen und «Gedankenskizzen» für politische Reden. Der Austausch über Texte funktioniert auf vielen Ebenen.

Die SPD hat Lenz schon früh unterstützt, bei vielen Wahlkampfauftritten etwa. Anfang 1965 trifft er Helmut Schmidt, weil er ein Porträt über ihn schreiben will. Das Dankesschreiben nach einem weiteren Treffen ist der erste erhaltene Brief zwischen beiden. Politisch fühlen sie sich nah. Nach dem Ende von Schmidts Kanzlerschaft wird der Tonfall in den Briefen noch persönlicher: «Lieber Siggi» schrieb Schmidt nun in der Anrede. Beim Sie sind die beiden allerdings zeitlebens geblieben.

Der Briefwechsel, herausgegeben von der Germanistin und Lenz-Expertin Maren Ermisch, ist nicht nur wegen des langen Zeitraums ungewöhnlich. Besonders ist auch die Vierer-Konstellation: Hier tauscht sich nicht ein Intellektueller mit einem Politiker aus wie im Fall von Günter Grass und Willy Brandt.

Lilo Lenz und Loki Schmidt sind von Anfang an wichtige Korrespondenzpartnerinnen. Sie ergänzen nicht einfach, was ihre deutlich prominenteren Ehemänner mitzuteilen haben, sondern bringen eigene Themen und Perspektiven ein. Oft sind sie es, die die Initiative ergreifen, die dafür sorgen, dass der Kontakt nicht abbricht.

Nicht zuletzt zwischen Siegfried Lenz (1926-2014) und Loki Schmidt (1919-2010) entsteht ein intensiver Dialog über Themen, die beiden wichtig sind: Naturschutz zum Beispiel. Loki Schmidt, ein Leben lang interessiert an Biologie und Botanik, gründet 1976 das Kuratorium zum Schutze gefährdeter Pflanzen, aus dem später die nach ihr benannte Stiftung hervorgeht, die seit Jahrzehnten die «Blume des Jahres» auswählt.

Ihr erstes Buch über Naturschutzgebiete in Deutschland hat Lenz Kapitel für Kapitel gegengelesen und ihr mit Verbesserungsvorschlägen geholfen. Für ein weiteres über Botanische Gärten hat er das Vorwort geschrieben.

Auffallend ist die ausgesuchte Höflichkeit, die alle Korrespondenzpartner auszeichnet. Immer wieder versichern sich die vier gegenseitig ihres Respekts und ihrer Sympathie, manchmal gleich unmittelbar nach einem Treffen.

Zur Tradition werden die gegenseitigen Besuche am Brahmsee südwestlich von Kiel, wo die Schmidts ein Wochenendhaus haben, oder auf der dänischen Insel Alsen im Sommerhaus von Lilo und Siegfried Lenz. Mehrfach brechen alle vier auch zu gemeinsamen Segeltörns auf der Ostsee auf.

Zur Tradition gehören auch gegenseitige Geschenke, oft Kleinigkeiten von fast anrührend erscheinender Bescheidenheit: Kartoffeln oder Marmelade, Buntstifte oder ein Sahnelöffel. Auch in diesem Fall gibt es dann im nächsten Brief wieder ausführliche Dankesworte. Die Korrespondenz endet 2014 endgültig mit dem Tod von Siegfried Lenz. Helmut Schmidt starb im Jahr darauf - als letzter der vier Vertrauten.

Loki und Helmut Schmidt, Liselotte und Siegfried Lenz: Ihr ganz lieben Zwei. Briefwechsel, Erscheinungstermin 2. November, Hoffmann und Campe Hamburg, 464 Seiten, 26 00 Euro, ISBN 978-3-455-01488-4

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