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Im Riesending: Fernsehfilm zwischen Doku und Fiktion

München/Berchtesgaden (dpa)

In Deutschlands tiefster Höhle trifft im Sommer 2014 ein Steinschlag einen Forscher. Tief unter der Erde beginnt ein Kampf um sein Leben - lebensgefährlich auch für die Retter. Jetzt in der ARD-Mediathek.

Von Sabine Dobel, dpa

Bernd Hellersdorf (Christoph Bach) verabschiedet sich von dem verletzten Josef Häberle (Roland Silbernagl). Foto: Nikola Predovic/Senator Film Produktion/BR/ARD/Degeto/dpa

Es ist dunkel, es ist kalt, es gibt keinen Handyempfang. Weit weg von der Zivilisation in 1000 Metern Tiefe passiert am Pfingstsonntag 2014 in der Riesending-Höhle bei Berchtesgaden das, was dort eben nicht passieren darf: ein Unfall. Der Höhlenforscher Johann Westhauser wird von einem Lehmbrocken am Kopf getroffen. Ein Schwerverletzter in Deutschlands tiefster Höhe - das bringt auch erfahrene Helfern an Grenzen. Gut 700 Höhlenkletterer aus halb Europa reisen an. Die Chancen scheinen gering - doch nach elf Tagen ist Westhauser gerettet.

Diese Geschichte haben Filmemacher nun aufgegriffen: Der Fernseh-Zweiteiler «Riesending - jede Stunde zählt» steht ab sofort in der ARD-Mediathek. Die Frage, um die der Regisseur Jochen Alexander Freydank («Spielzeugland») den Film angelegt hat, lautet: Wann gibt man einen Verunglückten auf? Dabei bleibt er teils hautnah an dem damaligen Geschehen, um dann auch deutlich davon abzuweichen.

Ein Fall für die Intensivstation

Der Höhlenforscher - im Film: Josef Häberle (Roland Silbernagl) - ist mit seinen Kameraden mehrere Tagesetappen vom Höhleneingang entfernt, als ihn der Klumpen trifft. Die Freunde leisten erste Hilfe. Doch sein Zustand ist schlecht. Schweres Schädel-Hirn-Trauma - ein Fall für die Intensivstation. Mehrfach muss er wiederbelebt werden.

Bertram Erhard, der Einsatzleiter der Bergwacht, gespielt von Maximilian Brückner («Tatort») kommt immer mehr unter Druck. Darf er das Leben von Helfern riskieren? Kann der Verletzte in dem Zustand über Steilwände und Abgründe, Wasserfälle und Engstellen aus der Tiefe des Unterbergs geholt werden? Kann er den Transport überleben?

Es sind eindrückliche Bilder aus der Dunkelheit, die den extremen und gefährlichen Einsatz nachzeichnen. Mit spektakulären Aufnahmen vermittelt Freydank eine Ahnung von der Unterwelt. Das Licht der Stirnlampen wirft wilde Schatten an die Felswände. Schemenhaft sind riesige Schächte erkennbar, Schritte hallen, Wasser tropft. Dann wieder geht es durch enge Stellen - Platzangst.

Nur sehr wenige kennen sich aus in der Riesending-Höhle und haben genug Können, in die Tiefe zu steigen. Birgit Eberharter (Verena Altenberger) gehört dazu, eine Höhlenforscherin aus dem engen Kreis der Freunde um den Verunglückten. Sie will einen Arzt zu dem Verletzten führen - doch der Arzt schafft es nicht, muss aufgeben.

Einsatzleiter Bertram Erhard ist ratlos. Kann er die in großer Zahl angereisten Höhlenforscher aus einem halben Dutzend Ländern in die Höhle lassen? Er kennt sie nicht, die Verantwortung liegt bei ihm.

Es geht um menschliche Angst

Nach außen gibt er sich stark: «Wir sind die Bergwacht. Wir haben das alles unter Kontrolle.» Doch er zaudert. Schon einmal starben bei einem von ihm geleiteten Einsatz zwei Kameraden. Wertvolle Zeit vergeht. Die Höhlenforscher reagieren wütend, wollen abreisen. Die Bergwacht macht in der Person Bertram Erhard eine schlechte Figur. Gelegentlich scheint ihn das Image der Bergwacht wichtiger als die Sache. Auch der Vertreter des Innenministeriums (Marcus Mittermeier) kommt nicht gut weg.

«Film ist Fiktion. In diesem Film geht es ja nicht nur um den Vorgang der Rettung dort unten. Es ist auch ein Film über menschliche Ängste, Bürokratie und darüber, dass wir in Europa mehr erreichen können, wenn wir uns auf Gemeinsamkeiten besinnen», erklärt Regisseur Freydank dazu. «Der Konflikt: "Will man andere Menschenleben gefährden, um einen Menschen zu retten" ist eben ein sehr komplexer Konflikt. Da gibt es keine einfachen Antworten.» Und wie immer bei einem künstlerischen Werk, gehe es auch um Überhöhung.

Freydank, der nach einer Geschichte von Johannes Betz auch das Drehbuch schrieb, folgt im Wesentlichen fast hautnah dem damaligen Geschehen - gerade das macht Abweichungen schwierig. Fiktion und Realität verwischen.

Spannung und Emotionen

Der im Film dargestellte Konflikt zwischen Bergwacht und Höhlenrettern habe so nie bestanden, sagt der Sprecher der Bergwacht Bayern, Roland Ampenberger. An vielen entscheidenden Stellen sei vom realen Geschehen umfangreich zu Gunsten der Dramaturgie abgewichen worden. «Fernsehspielfilme haben bekanntermaßen nicht das Ziel die Realität abzubilden, sondern Spannung und Emotionen zu erzeugen um Unterhaltung für den Zuschauer zu bieten», sagt Ampenberger. Ob dies hier gelungen sei, müssten die Fernsehzuschauer entscheiden.

Freydank gibt der Geschichte - hier wieder Fiktion - eine neue Wendung: Überfordert gibt Bertram Erhard die Einsatzleitung an seine Kollegin Helene Rechlin (Anna Brüggemann) ab. Nun geht es vorwärts. Sie, die Höhlenforscherin Birgit Eberharter und eine italienische Ärztin (Sabine Timoteo) bringen die Rettung mutig voran. Real war die Forscherin Birgit, die im echten Leben anders hieß. Die über lange Strecken nah bei Westhauser blieb, ihm Mut zusprach - und ein Jahr später in einer Höhle durch Steinschlag starb. Aber weder die Einsatzleiterin noch die Ärztin gab es in der Realität.

Von der Realität inspiriert

Frauenpower zeigen? Das sei dramaturgisch so gewollt, sagt Freydank. So seien zum Beispiel einige Charaktere geschaffen worden, die von mehreren Charakteren in der Realität inspiriert worden seien.

Im Abspann sind fiktive Nachnamen der teils fiktiven Charaktere abgekürzt, als müssten Identitäten geschützt werden. Eine Mini-Biografie erzählt, wie es mit ihnen weiterging. Auch hier gehen Fiktion und Realität durcheinander. Wer die Geschichte von damals nicht kennt, dem wird es schwerfallen, beides zu trennen.

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