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Phantom der US-Literatur: Thomas Pynchon wird 85

New York (dpa)

Thomas Pynchon wird seit Jahrzehnten für den Nobelpreis gehandelt, aber wo und wer genau er eigentlich ist, wissen nur ganz wenige. Jetzt wird der Schriftsteller 85 - und es wird immer ruhiger um ihn.

Von Christina Horsten, dpa

Nur wenige Schriftsteller leben so zurückgezogen und präsentieren sich so eigen wie Thomas Pynchon.

Interviews gibt der amerikanische Autor so gut wie nie, auf Preis-Galas erscheint er nicht, auch wenn eines seiner Bücher nominiert ist, und fotografieren lässt er sich schon gar nicht. Auf den wenigen jahrzehntealten Fotos sind eine Haartolle und hervorstehende Schneidezähne zu erkennen.

Es heißt, der Schriftsteller, der am Sonntag (8.5.) 85 Jahre alt wird, lebe zurückgezogen mit seiner Ehefrau, einer Literaturagentin, auf New Yorks Upper West Side. Das Paar habe ein gemeinsames Kind. Bestätigt hat Pynchon das alles nie. Seit seinem bislang letzten Roman «Bleeding Edge» (2013) ist es ruhig um den Autor geworden.

«Die Enden der Parabel» als Mammut-Hörspiel

Für deutsche Fans gab es 2020 noch einmal Neues in Form einer fast 15 stündigen Vertonung des Werks «Die Enden der Parabel» in der Übersetzung von Elfriede Jelinek und Thomas Piltz durch den Hörspielregisseur Klaus Buhlert.

Pynchons Zustimmung dafür zu bekommen, sei nicht einfach gewesen, teilte der Südwestrundfunk (SWR) damals mit. «Bislang lehnte der Autor jegliche Angebote ab, sein Hauptwerk, oft auch als die Bibel der literarischen Postmoderne und Popkultur gefeiert, als Hörspiel zu adaptieren. Nach langem Drängen und wohl auch vor dem Hintergrund des 75. Jahrestages des Ende des Zweiten Weltkrieges gelang es SWR-Hörspiel-Chefdramaturg Manfred Hess aber nun doch, dass Pynchon dem Vorhaben zustimmte.»

Der Sender musste Pynchon allerdings Zugeständnisse machen - so durfte es bei bestimmten Textstellen oder Szenen quasi keine Streichungen geben, Liedtexte und Gedichte durften nicht vertont werden.

Beeindruckende Bandbreite von Themen

Geboren wurde der Schriftsteller 1937 in eine neuenglische Puritanerfamilie auf Long Island bei New York. Er studierte Physik und Literatur, diente bei der Marine und schrieb für eine Firmenzeitung. Nach einer Reihe von Kurzgeschichten schaffte er schon mit seinem ersten Roman «V.» (1963) den Durchbruch und wurde rasch als einer der größten Schriftsteller der amerikanischen Gegenwartsliteratur gefeiert - doch ebenso rasch tauchte er ab.

Pynchon hat Anonymität ins Extrem getrieben und trotzdem unzählige Fans weltweit. Seit Jahrzehnten wird er für den Nobelpreis gehandelt. Schon in «V.», der preisgekrönten Geschichte einer geheimnisvollen Frau, die immer in historisch entscheidenden Momenten auftaucht, sind seine Grundthemen zu erkennen: die Angst vor der undurchschaubaren modernen Wirklichkeit und die Suche nach einer möglichen Ordnung für den Einzelnen im Chaos der Geschichte.

Pynchons Bandbreite ist beeindruckend: «Die Versteigerung von No. 49» (1966) wird zum Kultbuch der 68er-Generation. «Die Enden der Parabel» (1973) ist eine Fabel mit unzähligen Handlungssträngen und Hunderten Figuren im Europa des Zweiten Weltkriegs, «Vineland» (1990) ein historischer Ausschnitt aus der Zeit der Wiederwahl von US-Präsident Ronald Reagan. «Mason & Dixon» (1997) wird wegen der psychologischen Tiefe als Pynchons Meisterwerk gefeiert. «Gegen den Tag» (2006) ist in der deutschen Fassung fast 1600 Seiten lang und spannt den Bogen von der Chicagoer Weltausstellung 1893 bis zu der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, «Natürliche Mängel» (2010) ist ein leicht geschriebener Detektivroman, «Bleeding Edge» ein Thriller vor dem Hintergrund der Terroranschläge des 11. September 2001.

Pynchon spielt mit Irrungen, Wendungen und immer neuen Randfiguren und macht es dem Leser nie einfach. «Niemand weiß, was es heißt, Pynchon zu lesen», urteilte der Autor Jonathan Lethem einmal in der «New York Times». «Herauszufinden, was es heißt, Pynchon zu lesen, ist wie Pynchon zu lesen. Man ist damit niemals fertig.»

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