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TV-Tipp

Ungewöhnliches Format am Samstagabend im Ersten

Berlin (dpa)

Ein Personenschützer muss ein Trauma verarbeiten, während er gleichzeitig mit einerbelastung aus der Vergangenheit konfrontiert wird. Doch die ARD weicht am Samstagabend von klassischen Krimiformaten ab.

Von Marco Krefting, dpa

Ben (Kostja Ullmann) in «Die Heimsuchung». Foto: Gordon Mühle/ARD Degeto/dpa/dpa

Das erste Ferkel nannten sie Berti - nach Berti Vogts. Es folgten Andy, Icke, Jürgen und ein ganzer Schwung aus dem Kader der Fußball-Nationalmannschaft von 1998.

«Die glorreichen Zwölf» nannten Ben und Timmi den Wurf. Jetzt - Jahre später - versucht Ben mit diesen Erinnerungen seinen Freund aus dem Wachkoma zu holen.

Eigentlich war der Personenschützer an die Ostsee gekommen, um das Trauma eines schiefgegangenen Einsatzes zu verarbeiten: Statt ein entführtes Mädchen zu retten, brachte er es bis vor die Pistolenläufe der Verbrecher. Das Kind stirbt, er überlebt dank einer Schutzweste.

Doch beim ersten Besuch bei seinen Eltern nach Jahren wird Ben von der Vergangenheit eingeholt: Dem Jungen hatten sie erzählt, Timmi sei bei einem Unfall gestorben. Allein schon deshalb hatte Ben den Kontakt mit der Heimat gemieden. Doch nun erfährt er von Timmis Schicksal, der seit Kindertagen im Krankenhaus liegt. An Schläuchen und Maschinen, die Augen verdreht. Wie es der Zufall will, ist Bens Frau Marion eine auf dieses Krankheitsbild spezialisierte Ärztin. Mit moderner Technik wollen sie versuchen, mit Timmi zu kommunizieren.

Das Erste zeigt «Die Heimsuchung» am Samstagabend zur besten Sendezeit um 20.15 Uhr. Was die ARD als Thriller ankündigt, ist allerdings weit mehr als das. Zwar inszeniert Regisseur Stephan Rick die Geschichte über weite Strecken im Dunkeln: in der Nacht, im Keller, im Krankenhausflur, wo der Reihe nach die Lichter ausgehen. Zum Finale donnert und blitzt ein Gewitter über den Protagonisten.

Doch hat der Film zum Ende hin ein, zwei sehr überraschende Wendungen und auch mysteriöse Elemente, wie es für einen Samstagabendfilm im Ersten eher ungewöhnlich ist. Manche der Zuschauer und Zuschauerinnen dürften ratlos zurückbleiben, andere die Experimentierfreude feiern.

Drehbuchautor Thorsten Wettcke wollte die «Schraube des im deutschen Fernsehen Erzählbaren (...) deutlich weiter drehen», wie er laut Presseheft sagt. Er hat die Geschichte dicht geschrieben. Teils birgt das aber Widersprüche: So wirft Marion Ben in einem Streit vor, sie weitgehend aus seinem Leben zu halten. «Du musst erst fast erschossen werden, damit ich deine Eltern kennenlerne.» Erahnt man hier noch einen Beziehungskonflikt, sind die beiden aber die meiste Zeit über ein schwer verliebtes Paar samt spontanem Heiratsantrag.

Kostja Ullmann und Kristin Suckow in den Hauptrollen spielen stark. Und auch andere Darsteller wie Martin Feifel und Deborah Kaufmann als Bens Eltern kommen in der Kürze der Auftritte markant zur Geltung.

Rick hat im Cinemascope-Breitbild-Format drehen lassen und dann links und rechts das Bild abgeschnitten. «Der Effekt, der entsteht, ist, dass alles in der Mitte des Bildes scharf ist, zu den Rändern hin immer weicher und unschärfer wird», erläutert der Regisseur. «Dadurch wird der Blick des Zuschauers noch stärker fokussiert, gleichzeitig bekommen die Bilder etwas Zeitloses in ihrer Ästhetik.»

Zudem springt der Film zwischen Hier und Jetzt sowie Rückblenden aus Bens Kindheit. Lange Zeit kann man sich auch fragen, was das Ganze mit einem Thriller zu tun hat, wenn Marion ausführlich über Wachkoma referiert und ein Hirn im Sand am Ostseeufer nachzeichnet. Ab und an taucht das tote Mädchen zwar mal vermeintlich aus. Aber erst zum Ende hin, wird es dann rasant komplexer. Die Auflösung sollte man nicht verpassen. Vielleicht denken manche noch länger darüber nach.

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