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Literatur

Vom Trend des schreibenden Schauspielers

Berlin (dpa) –

Edgar Selge, Andrea Sawatzki, jetzt Matthias Matschke und Michael Brandner: Immer mehr Schauspieler bringen Romane mit autobiografischen Elementen heraus.

Von Sibylle Peine, dpa

Der Schauspieler Matthias Matschke ist unter die Autoren gegangen. Foto: Henning Kaiser/dpa

Autofiktionale Romane liegen im Trend. Bücher also, die Erfindungen und autobiografische Elemente vermischen. Besonders Schauspieler und Schauspielerinnen scheinen aktuell ein ausgesprochenes Faible für diese literarische Gattung entwickelt zu haben, bietet die fiktionale Form im Vergleich zur Autobiografie doch den Vorteil einer wesentlich freieren Gestaltungsmöglichkeit.

Nach den viel beachteten Kindheitsromanen von Edgar Selge («Hast du uns endlich gefunden») und Andrea Sawatzki («Brunnenstraße») blicken nun auch die Schauspieler Matthias Matschke und Michael Brandner auf ihr Leben zurück. Was macht diese Texte aus? Eine Annäherung anhand der beiden aktuellen Veröffentlichungen.

«Falschgeld» (Matschke) und «Kerl aus Koks» (Brandner) sind mehr als nostalgische Lebenserinnerungen, sie bieten auch ein Porträt längst verflossener Dekaden der Bundesrepublik. Das macht, wie etwa schon bei Selge, ihren Reiz aus.

Eine dahinplätschernde Kindheit

Brandner, Jahrgang 1951 und damit 17 Jahre älter als sein Kollege, beginnt seine Erzählung Mitte der 50er Jahre und endet in der Gegenwart, Matschke konzentriert sich im Wesentlichen auf die 80er Jahre. Er wächst in einem geordneten Pfarrershaushalt in der südhessischen Provinz auf, und die größte Katastrophe seiner relativ ereignislos dahinplätschernden Kindheit ist ein schmerzhafter Sturz von einem Apfelbaum. Der Protagonist seiner Erzählung heißt tatsächlich Matthias Matschke und dieser Name wird wie eine Beschwörung auch häufig wiederholt.

Michael Brandners Protagonist dagegen heißt Paul, wächst als uneheliches Kind bei Tante und Onkel in Bayern auf und wird dann von seiner Mutter, die inzwischen geheiratet hat, ins Ruhrgebiet verpflanzt: «Paul hatte in Lederhose und Janker gesteckt und ausgesehen wie ein Fisch, den ein Angler aufs Trockene geworfen hatte. Ein Bayer im Ruhrpott.»

Er lebt sich aber erstaunlich schnell ein in dieser herzhaft-derben Proletarierwelt aus Trümmerspielplätzen, Glotzeschauen bei Giovanni und Schlagermusik von Caterina Valente. Wäre da bloß nicht seine Mutter, eine richtige Zimtzicke, die die Heirat mit einem Bergmann offenbar als unter ihrer Würde empfindet und ihre dauernde Unzufriedenheit an ihrem herzensguten Mann und ihrem Kind auslässt. Stiefvater und Sohn verschwören sich dagegen zu einer behaglichen «Papa-und-Paul-Welt auf dem Küchensofa».

Ausflüge zum Flughafen

In der Welt der Matschkes geht es weitaus moderner und gutbürgerlicher zu. Matthias wächst zwischen Commodore 64, Bonanzarad und gelegentlichen Ausflügen zum Frankfurter Flughafen auf, wo man den startenden und landenden Flugzeugen hinter einer dicken Scheibe sehnsuchtsvoll hinterherschaut. Die Mutter hat Flugangst, also bleibt es bei dieser eher abstrakten Annäherung an die große Welt. Aber es geht bei Matschke auch um ganz fundamentale Fragen, um Gott, den Tod und die erste große Liebe.

All diese Themen werden in behutsamen, eindrücklichen Szenen aneinandergereiht, sodass sich in der Gesamtheit fast ein klassischer Coming-of-Age-Roman ergibt. Dieser verdichtet sich in der sich langsam verändernden Beziehung von Sohn und Vater, der früh invalide wird und stirbt.

Nicht nur wegen dieses vorzeitigen Abschieds ist Matschkes «Falschgeld» ein Roman mit melancholischem Sound, auch wenn es am Ende mit Blick auf die Zukunft heißt: «Morgen fahre ich nach Berlin, das ist dahinten irgendwo. Und dann mal schauen.»

Das Leben Punkt für Punkt abgearbeitet

Während Matschkes Roman aus einem Guss erscheint, hat Brandner das Problem, dass er sich ganz augenscheinlich allzu sehr ans Autobiografische hält. Das funktioniert bei der Kindheit in der Schilderung eines bestimmten Milieus und den Dauerkonflikten des ungleichen Elternpaares ganz prima, haut aber später nicht mehr so gut hin.

Der Roman zerfleddert zusehends zu einer ermüdenden, reportagehaften Aneinanderreihung von beruflichen Stationen und Liebschaften, so als müsste das Leben Punkt für Punkt sorgfältig abgearbeitet werden. Erst am Ende, viel zu spät, schließt sich die Klammer, als die Frage nach der Herkunft und dem unbekannten biologischen Vater mit einer überraschenden Wendung wiederaufgenommen wird.

Auch die Autofiktion erfordert aber eine literarische Form. Denn die Selbsterzählung ist - das zeigen diese Bücher - am Ende genauso anspruchsvoll wie jede andere Fiktion auch.

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