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Kindesmissbrauch

Missbrauch hat NRW-Städtenamen: Was ist der Grund für die Häufung?

NRW

Lügde, Münster, Wermelskirchen: Komplexe sexuellen Kindesmissbrauchs tragen oft die Namen nordrhein-westfälischer Städte. Warum steht ausgerechnet NRW so oft im Zentrum solcher Ermittlungen? Experten vermuten einen bestimmten Grund.

Von Frank Christiansen, dpa

Eine Ermittlerin sitzt im Landeskriminalamt am Hinweistelefon vor Monitoren mit unkenntlich gemachten Fotografien, die teilweise sexuellen Missbrauch zeigen. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

Das Grauen hat Namen: Lügde, Bergisch Gladbach, Münster und nun Wermelskirchen. Es sind zuletzt oft Städte in Nordrhein-Westfalen gewesen, die mit fürchterlichen Fällen von Kindesmissbrauch in Verbindung standen und Ausgangspunkt aufwendiger Ermittlungen gegen pädokriminelle Netzwerke waren. Warum?

Einwohnerstark

BKA-Chef Holger Münch merkt an, das Nordrhein-Westfalen das einwohnerstärkste Bundesland ist. Mithin sei es nicht verwunderlich, wenn dort auch die meisten Straftaten in diesem Bereich registriert würden, sagte er vor wenigen Tagen bei der Vorstellung des entsprechenden Lagebilds. Er schränkte aber sogleich ein: Auch wenn man die Einwohnerzahl berücksichtigt und stattdessen die Kennzahlen pro 100.000 Einwohner nimmt, ist Nordrhein-Westfalen weit oben auf der Liste.

Verdächtige gibt es bundesweit

Der erste Eindruck relativiert sich beim genaueren Blick: Im Komplex Wermelskirchen kommen zum Beispiel nur 26 der 73 Verdächtigen aus NRW, der Rest aus 13 weiteren Bundesländern und einer aus Österreich. Allerdings ist NRW mit einem Drittel der Verdächtigen immer noch überproportional vertreten.

Schwerpunkt der Kriminalpolitik

Das Aufdecken der Reihe großer Komplexe könnte damit zusammenhängen, dass die Landesregierung nach Lügde den Kampf gegen den Kindesmissbrauch zum Schwerpunkt ihrer Innenpolitik gemacht hat. „Menschen, die Babys und Kinder vergewaltigen, quälen und leiden lassen, leben überall. Die Polizei in Nordrhein-Westfalen packt dieses Problem schon seit einiger Zeit an und hat erheblich in Personal und Technik investiert“, sagt NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU). „Diese Kraftanstrengungen zahlen sich aus.“ Heute sei die NRW-Polizei kompetenter und besser ausgestattet in diesem Bereich unterwegs – „und das führt uns immer wieder zum Erfolg“.

Mehr Personal

Laut NRW-Innenministerium ist das Polizeipersonal zur Bekämpfung von Kindesmissbrauch und Kinderpornografie in Nordrhein-Westfalen seit 2017 von 100 auf 500 Mitarbeiter fast verfünffacht worden. Der Kölner Rechtsanwalt Christian Lange, der den Hauptverdächtigen im Komplex Wermelskirchen vertritt, findet deutliche Worte: „Wenn man in dem großen Haufen Mist anfängt zu rühren, fängt er auch an zu stinken.“

Bessere Technik

Bis 2021 sind laut Landesregierung 32,5 Millionen Euro in IT-Technik in diesem Bereich geflossen, etwa für bessere Sicherung, Aufbereitung und Auswertung der großen Datenmengen. So wurden Hochleistungsrechner angeschafft und ein „Forensic Desktop“ geschaffen, der Polizisten aus verschiedenen Behörden ermöglicht, am gleichen Fall zu arbeiten und sich zu virtuellen Teams zu vernetzen.

Umbau der Strukturen

Statt kleiner Einheiten in allen 47 Kreispolizeibehörden und Polizeipräsidien des Bundeslandes wurden die Missbrauchsermittlungen konzentriert - wie bei Mord und Totschlag in 16 Behörden mit entsprechend größeren Teams.

Reaktionen

Der Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes, Heinz Hilgers, sieht NRW inzwischen als Vorbild in diesem Bereich: „Ich würde mir wünschen, dass alle Bundesländer diesen Weg gehen und die Polizei personell und technisch aufrüsten.“ Auch BKA-Chef Holger Münch sieht einen Zusammenhang zu den Investitionen in Personal und Technik: „Wir sind jetzt gerade dabei, solche Instrumente bundesweit aufzubauen, sie auch zu vernetzen, so dass wir überall auf ein gleiches Niveau kommen.“

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