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Afrika

Baerbock in Nigeria: Terror, Hoffnung und Interessenpolitik

Abuja/Maiduguri(dpa)

Außenministerin Baerbock ist in Afrikas größter Demokratie unterwegs. Ihr Besuch in Nigeria ist ein Zeichen der Unterstützung beim Kampf des Landes gegen den Terror. Aber er soll auch deutschen Interessen dienen.

Von Jörg Blank und Lucia Weiß, dpa

Bundesaußenministerin Annalena Baerbock spricht in Ngarannam, das 2015 von Boko Haram fast ganz zerstört und wieder aufgebaut wurde, mit Bewohnerinnen und Bewohnern. Foto: Annette Riedl/dpa

Als Annalena Baerbock fünf Tage vor Weihnachten bei Temperaturen um 30 Grad durch Bulumkutu und Ngarannam läuft, ist der Terror der islamistischen Miliz Boko Haram ständiger Begleiter. «Wir sehen hier, wie fragil diese Stabilität ist, aber aktive Außenpolitik bedeutet aktive Friedenspolitik», sagt die Grünen-Politikerin bei einem Besuch in der nordöstlichen Krisenregion Nigerias.

Aktive Friedenspolitik bedeute, Sicherheit, Entwicklung im Bereich Bildung, Gesundheitsversorgung und wirtschaftliche Entwicklung zusammenzudenken, so Baerbock weiter. Deutschland unterstütze Länder, die sich auf den Weg machten, ihren Menschen Sicherheit wieder zurückzugeben.

Baerbocks gut sechsstündiger Besuch in der als Terrorhochburg geltenden Region soll auch ein Zeichen sein: Deutschland steht an der Seite der mit rund 220 Millionen Einwohnern bevölkerungsreichsten Demokratie Afrikas.

Deutsche Wirtschaftsinteressen spielen auch eine Rolle

Doch es geht bei der Reise der Ministerin auch um knallharte deutsche Interessen. China ist seit langem wichtiger Wirtschaftspartner Nigerias. Baerbock hofft darauf, dass sich das westafrikanische Land mit der rasant wachsenden Bevölkerung noch stärker für deutsches Engagement öffnet. Dabei sind die Probleme mit Korruption in Nigeria groß.

Bei einem ihrer zentralen Herzensthemen des ersten Amtsjahrs, der Verurteilung des russischen Krieges gegen die Ukraine, weiß Baerbock die Regierung in Abuja auf ihrer Seite. In den UN-Abstimmungen hat Nigeria die Seite des Westens unterstützt.

Auch beim Kampf gegen den Klimawandel will Baerbock mit Nigeria noch enger als bisher zusammenarbeiten. Das wirtschaftsstärkste Land Afrikas ist zwar größter Ölproduzent des Kontinents, will aber seinen Energiebereich umstellen. Bei der Wasserstoffstrategie der Bundesregierung spielt Nigeria ebenfalls eine Rolle, allerdings sind schnelle Ergebnisse nicht zu erwarten. Und wenn die Terrormilizen weiterhin Schrecken verbreiten, könnte es auch größere Flüchtlingswanderungen Richtung Europa geben.

Nigerias Nordosten: Vom Brotkorb des Landes zur Terrorhochburg

Im Nordosten des Landes bei Maiduguri, der Hauptstadt des Bundesstaates Borno, besucht Baerbock eine Region, die als Hochburg von Boko Haram gilt. Einst war die Region so etwas wie der Brotkorb Nigerias. Doch inzwischen soll die Terrorgruppe für den Tod von 35.000 Menschen verantwortlich sein. Allein in Borno gelten 1,6 Millionen Menschen als binnenvertrieben.

Dass sich seit dem Tod des Anführers Abubakar Shekau Mitte 2021 etwa 100.000 Boko Haram-Kämpfer und Unterstützer ergeben haben, gibt nach Einschätzung von Baerbock Hoffnung. Deswegen besucht sie im Dorf Bulumkutu ein Wiedereingliederungscamp für Frauen und Mädchen. Lange spricht sie dort mit einem Mädchen, das selbst von der Terrorgruppe entführt worden war. Und auch mit einem Ex-Kämpfer der Miliz unterhält sie sich.

Ngarannam: Wiederaufbauprojekt als Zeichen gegen Boko Haram

Danach fahren die Ministerin und ihre Delegation in geschützten Fahrzeugen nach Ngarannam. Das Dorf wurde 2015 von Boko Haram fast ganz zerstört. Mit Unterstützung der Vereinten Nationen und Deutschlands sind bislang 360 Wohnungen wieder aufgebaut worden, 200 weitere sind geplant. Die Ministerin besichtigt die mit Solarstrom betriebene Polizeistation und spricht mit einer Schulklasse. Rund 3000 Kinder, Frauen und Männer wurden vor sieben Jahren von hier vertrieben - inzwischen leben wieder fast genauso viele Menschen in dem Dorf. Wachtürme und ein Schutzwall sollen die Terroristen in Zukunft abhalten.

Die Projekte im Nordosten Nigerias sind auch eine Art Realitätscheck für das neue Konzept des Auswärtigen Amts für integriertes Friedensengagement. Es soll sich einfügen in die Nationale Sicherheitsstrategie, die federführend von Baerbock geschrieben wird und im Frühjahr vorgestellt werden soll. Scheitern die Projekte in Nigeria, dürfte das auch für das neue Konzept Fragen aufwerfen.

Baerbock bei einem Projekt gegen Jugendarbeitslosigkeit

Zum Start ihres zweitägigen Besuchs in Westafrika hatte sich Baerbock am Vormittag in der Hauptstadt Abuja über ein mit deutscher Unterstützung arbeitendes Berufsbildungsprojekt informiert. In der «Skills Academy» (Akademie der Fähigkeiten) nigerianischer Bauunternehmen bekommen Schreiner, Maurer und Klempner eine duale Berufsausbildung nach deutschem Vorbild. Die Arbeitslosenquote in Nigeria liegt bei 33 Prozent, bei jungen Menschen vermutlich weit darüber.

Zeichen der Aufarbeitung kolonialer Vergangenheit

Am Dienstag will Baerbock gemeinsam mit Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) mit der Rückgabe der ersten 20 Benin-Bronzen an Nigeria ein Zeichen der Aufarbeitung kolonialer Vergangenheit setzen. Die Tafeln und Skulpturen stammen größtenteils aus britischen Plünderungen im Jahr 1897.

«Es ist ein historischer Tag, an dem wir zurückbringen, was uns nie gehört hat», sagte Grünen-Politikerin Roth nach einem Besuch in Benin-City der Deutschen Presse-Agentur.

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