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Vortragsreihe "DomGedanken 2022"

Nato-Expertin warnt vor schwindender Solidarität mit der Ukraine: „Der Krieg ist noch da!“

Münster

Sommer, Sonne, Hitze – dazu Sorgen um höhere Gaspreise. In Deutschland verdrängen andere Schlagzeilen den Krieg in der Ukraine. Die Solidarität bröckelt. Die Nato-Expertin Stefanie Babst erklärt, warum das Wladimir Putin in die Hände spielt.

Ukrainische Zivilisten, die während der russischen Besatzung getötet wurden, werden in Butscha beigesetzt. Foto: imago

„Wladimir Putin setzt gezielt darauf, dass unsere Entschlossenheit und Solidarität mit der Ukraine abnimmt.“ Alarmierende, düstere Worte, die die frühere Nato-Chefstrategin Stefanie Babst in die laue Sommerabendstimmung in den münsterischen Dom schickt. „Wir bleiben direkt bedroht. Wir sind Teil des Krieges, keine Beobachter!“

Konkret befürchtet sie, dass nach einer Phase des Engagements das Kriegs­thema zu einem „Hintergrundgeräusch“ verkomme, die Diskussion darüber in Deutschland zunehmend polarisierter, empathieloser werde. „Man hat sich daran gewöhnt. Es geht immer mehr um die Frage, wer zu welchem Preis im Herbst in einer warmen Wohnung ­sitzen kann. Das überlagert, worum es im Kern geht: um einen Krieg im Herzen Europas!“ Er bleibe für die Menschen vor Ort ein Albtraum, pure Verzweiflung. Die Nato und eine stabile Wirtschaft verhinderten hierzulande ein größeres Drama: „Ein Privileg.“

Doch Wegschauen und Vergessen haben einen hohen Preis. Denn Putin gehe es um mehr. Mit der Klarheit einer Expertin, die Jahrzehnte die Nato mitgestaltet hat, zeichnete sie ein be­drückendes Bild. Sie appellierte, sich auf eine jahre­lange Phase der Konfrontation zwischen dem aggressiven Putin-Regime und der liberal-demokratischen Ordnung einzustellen.

Die Nato-Expertin Stefanie Babst warnt vor einem jahrelangen grausamen Krieg. Foto: Matthias Ahlke

Putins Agieren in der ­Ukraine sei schließlich von langer Hand vorbereitet worden: „Russland bricht nahezu alle Regeln, die unser ­Zusammenleben nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 und dem Ende des Eisernen Vorhangs mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1989/1990 geprägt haben.“ Eine „mafiaähnliche kleptokratische Clique ehemaliger Geheimdienstler“ hielten brutale Gewalt und den Regelbruch für probate Mittel, die eigenen Interessen durchzusetzen. Putin wolle die Vernichtung der Ukraine, in offiziellen Papieren Moskaus werde zur ­ „Denazifizierung“ des Landes in drastischen Worten auf­gerufen – ganz am Ende ­stehe die Destabilisierung und Spaltung des demokratischen Westens, um die Expansion Russlands voranzutreiben. „Putin hält uns für dekadente Gesellschaften ohne moralischen Kompass und für Vasallen der USA.“

Forderung nach Eindämmungsstrategie

Deutschland am Rande des Geschehens? Von wegen. Es sei „primäres Ziel“ der „expansionistischen Macht­gelüste“ Putins. „Er setzt darauf, dass wir einen Konflikt mit Russland wirtschaftlich und politisch nicht durchhalten.“ Dass Berlin ein­knicke. Und andere Staaten folgen. Ganz zu schweigen von der „hybriden Kriegsführung“ auch hierzulande: den vielen „Bots“ und „Trollen“ im Netz, gezielten Desinformationskampagnen, gegen die zu wenig getan werde.

Sie fordert eine umfassende Eindämmungsstrategie gegen die „russische Feuerwalze“: „Wir dürfen uns um keinen Preis erpressbar ­machen“, dazu gehöre auch, sich von der russischen Gasturbine zu verabschieden. Die konkrete Militärhilfe für die Ukraine, der Beistand für vulnerable Nachbarländer wie Moldawien und Georgien, die jederzeit mit einem Einmarsch russischer Truppen rechnen müssten, die Steigerung der eigenen Wehrhaftigkeit seien dringend geboten. Man müsse gar die Beziehungen zu Ländern überdenken, die Freundschaften zu Russland nicht brechen wollen. Im Blick auf Ungarn und die Türkei und deren unakzeptables Verhalten stelle sich die Frage, ob eine Mitgliedschaft in EU oder Nato für ewig gelten müsse.

Die zentrale Frage der ­Veranstaltungsreihe Dom­gespräche „Wem gehört die Welt?“ beantwortete sie am Ende klar: „Die Welt sollte denen gehören, die mutig für demokratische Regeln einstehen und sie mutig verteidigen.“ Angst zu haben, helfe nicht. Die Durchhaltefähigkeit müsse mobilisiert werden. Denn: „Wenn wir den Putinismus nicht brechen, bricht er uns.“

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