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Russische Invasion

Krieg gegen die Ukraine: So ist die Lage

Kiew/Moskau (dpa)

Zuletzt hat die Ukraine russische Truppen zurückdrängen und etliche Gebiete erobern können. Ex-US-General Hodges hält die Befreiung der Krim bis zum Sommer möglich. Russland sieht das anders.

Von dpa

Nach ukrainischen Behördenangaben wurde Saporischschja von russischen Truppen angegriffen. In der frontnahen Großstadt im Süden wurden demnach Teile der Infrastruktur getroffen. Foto: Leo Correa/AP/dpa

Rund acht Monate nach dem Einmarsch in die Ukraine will Russland trotz militärischer Rückschläge seine Kriegsziele unbeirrt weiterverfolgen. Die militärische «Operation» werde zu Ende gebracht, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow am Sonntag im Staatsfernsehen. Das werde zwar erschwert von der Hilfe westlicher Staaten für die Ukraine. Aber Russland habe genug Potenzial zur Fortsetzung des Einsatzes. Er sagte, die Nato sei «de facto» schon in den Konflikt involviert.

Präsident Wladimir Putin hatte die russische Invasion Ende Februar mit einer angeblichen Bedrohung durch das Nachbarland begründet. Als Ziele gab er die «Entmilitarisierung» und «Entnazifizierung» der Ukraine an. Außerdem soll das Land einen neutralen Status behalten und die Gebiete Donezk, Luhansk sowie die seit 2014 besetzte Halbinsel Krim aufgeben.

Deutsche Hilfe bei Luftverteidigung

Die Bundesregierung und andere Nato-Staaten betonen, keine Kriegspartei zu sein. Die Hilfe für die Ukraine gilt als Unterstützung des Selbstverteidigungsrechts des Landes, das in die EU und die Nato strebt.

Deutschland will die Ukraine künftig vor allem beim Ausbau ihrer Luftverteidigung unterstützen. Dies sei aktuell wichtiger als die seit Monaten diskutierte Lieferung von Kampfpanzern, sagte Außenministerin Annalena Baerbock am Wochenende. Hintergrund sind massive Raketenangriffe Russlands auf Kiew und andere ukrainische Großstädte zu Wochenbeginn.

Zu Kriegsbeginn galt der Aggressor Russland als militärisch überlegen. Nach Waffenlieferungen konnte die Ukraine aber russische Truppen zurückdrängen und besetzte Gebiete befreien.

Moskau spricht von «Terroranschlag»

Im Südwesten Russlands wurden auf einem Truppenübungsplatz nahe der ukrainischen Grenze laut Militär bei einem Schusswaffenangriff mindestens elf Menschen getötet. Bei dem Angriff auf dem Gelände bei Belgorod, wo Rekruten für den Krieg vorbereitet wurden, schossen am Samstag nach Darstellung des russischen Verteidigungsministeriums zwei Männer bei einem Schießtraining auf Soldaten. Dabei seien auch die Täter getötet worden. Mindestens 15 Menschen wurden zudem verletzt, wie die Staatsagentur Tass meldete. Moskau sprach von einem Terroranschlag. In anderen russischen Medien war sogar von bis zu 22 Toten die Rede.

Zwei Bürger eines GUS-Staates hätten geschossen, teilte das Ministerium mit, ohne Details zu nennen. Die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) ist ein loser Staatenverbund ehemaliger Sowjetstaaten.

Putin will rund 300.000 Reservisten einziehen lassen, um nach den Niederlagen die in der Ukraine noch besetzten Gebiete zu halten. Nach der vor fast einem Monat verkündeten Teilmobilmachung war es zu Protesten und der Flucht von Hunderttausenden Russen gekommen.

Verwaltungsgebäude von Donezk stark beschädigt

Die kremltreuen Separatisten in der Ostukraine meldeten, beim Beschuss der Industriestadt Donezk durch die ukrainische Armee sei ein Verwaltungsgebäude stark beschädigt worden. Bürgermeister Alexej Kulemsin sagte laut der staatlichen Nachrichtenagentur Tass, mindestens zwei Menschen seien verletzt worden. Insgesamt habe es 40 Angriffe auf Ziele in der von Russland anerkannten «Volksrepublik Donezk» binnen 24 Stunden gegeben. Unabhängig bestätigen ließen sich die Angaben nicht. Donezk steht seit 2014 unter Kontrolle der Separatisten.

Baerbock: Panzerfrage drängt nicht so

Baerbock sagte dem Sender Phoenix, Anfang der Woche hätten zum Glück die Hälfte der russischen Raketenangriffe auf Kiew abgefangen werden können - «auch dank unserer Waffenlieferungen vor Ort». Daher werde es «gerade im Luftverteidigungsbereich weitere Unterstützung geben».

Am Boden habe die Ukraine mit den zuletzt erfolgten Ringtauschen dagegen gerade die Panzer, die sie brauche. Zusätzlich seien viele russische Panzer erbeutet worden, die jetzt genutzt werden. «Deswegen drängt die Panzerfrage derzeit nicht so, sondern vor allen Dingen die Luftverteidigungsfrage.» Kurz nach den neuen Raketenangriffen hatte Deutschland Mitte der Woche ein erstes Flugabwehrsystem Iris-T SLM an Kiew übergeben.

Lage in Saporischschja weiter schlecht

In dem von russischen Truppen besetzten Kernkraftwerk Saporischschja verschlechtert sich die Situation nach Worten des ukrainischen Atombehörden-Chefs mit jeder Woche. Die Besatzer hätten unter anderem das Verwaltungsgebäude, ein Schulungszentrum und einen Block des AKW beschädigt, sagte Petro Kotin dem ZDF. Sie lagerten Ausrüstung und Lastwagen, was große Brandgefahr schaffe. «Niemand weiß, was sich in diesen Lastwagen befindet.»

Etwa 100 Menschen seien gefangen genommen worden, von anderen wisse man nicht, was mit ihnen passiert sei. Den Menschen sei es verboten, das Gebiet zu verlassen. Auf dem Gelände in und um das Kraftwerk sind immer wieder Artilleriegeschosse eingeschlagen, wobei beide Seiten sich gegenseitig für den Beschuss verantwortlich machen.

Russland schickt Truppen nach Belarus

Die angekündigte Aufstellung einer gemeinsamen regionalen Truppe von Russland und Belarus kommt voran. Moskau hat inzwischen erste Soldaten in das Nachbarland geschickt. Die russische Agentur Tass zitierte einen Sprecher des Minsker Verteidigungsministeriums, wonach die Gesamtzahl knapp als 9000 Soldaten betragen werde.

Angriffe gegen Militärziele und Energieversorgung

Russland wehrte nach eigenen Angaben den Vorstoß ukrainischer Truppen in einigen Regionen ab und zerstörte seinerseits mehrere Munitionslager der ukrainischen Armee. Unter anderem seien im Raum Charkiw drei US-Haubitzen vom Typ M777 getroffen worden, teilte das Verteidigungsministerium in Moskau russischen Agenturen zufolge mit.

Russland habe seine Angriffe gegen militärische Ziele und die Energieversorgung mit «Präzisionswaffen» fortgesetzt. Ein Sprecher sprach von deutlichen Verlusten für die Ukraine. Berichte aus den Kampfgebieten können nicht unabhängig geprüft werden.

Befreiung der Krim bis Sommer möglich

Der ehemalige US-General Ben Hodges hält eine Befreiung der von Russland besetzten Krim schon bis zum Sommer für möglich. Die Lage der Russen werde mit jeder Woche schlechter. «Man sagt, Krieg sei ein Test des Willens und der Logistik - und in beiden Punkten ist die Ukraine weit überlegen», sagte der ehemalige Oberbefehlshaber der US-Army in Europa der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» (Sonntag). Auf die Frage: «Wie kann dieser Krieg enden?» antwortete der frühere Drei-Sterne-General: «Die Russen müssen verlieren - sonst versuchen sie es in zwei oder drei Jahren wieder.»

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