Katholische Kirche

«Mach weiter»: Papst lässt Kardinal Marx nicht ziehen

München/Rom (dpa)

Kardinal Reinhard Marx bot dem Papst seinen Rücktritt an. Franziskus wollte sich Bedenkzeit nehmen. Am Ende kam alles anders als viele erwartet hatten - sogar Experten waren überrumpelt.

Von Johannes Neudecker und Britta Schultejans, dpa

Ein Halteverbotsschild vor dem Erzbischöflichen Ordinariat der katholischen Kirche in München. Der Papst hat das Rücktrittsgesuch von Kardinal Marx abgelehnt. Foto: Tobias Hase/dpa

Gottes Mühlen mahlen bekanntlich langsam - vor allem im Vatikan. Somit ist das, was da am Donnerstag aus Rom kommt, schon allein aus zeitlichen Gründen eine kleine Sensation. 

Nichtmal eine Woche nach Bekanntwerden des Rücktrittsgesuchs des Erzbischofs von München und Freising, Kardinal Marx, hat Papst Franziskus mit einem klaren Nein geantwortet. Marx wollte in Folge von Missbrauchsfällen in seinem Bistum die Verantwortung mitübernehmen und zurücktreten.

«Das ist meine Antwort, lieber Bruder. Mach weiter, so wie Du es vorschlägst, aber als Erzbischof von München und Freising», schreibt das Oberhaupt der katholischen Kirche in einem Brief an Kardinal Marx, den der Heilige Stuhl am Donnerstag veröffentlicht. «Die gesamte Kirche ist in der Krise wegen des Missbrauchs; ja mehr noch, die Kirche kann jetzt keinen Schritt nach vorn tun, ohne diese Krise anzunehmen. Die Vogel-Strauß-Politik hilft nicht weiter», heißt es in dem sehr persönlichen Brief, den der Argentinier Franziskus auf Spanisch verfasst hat und der dann zunächst nur ins Deutsche, Marx' Muttersprache, übersetzt wurde.

Die schnelle Antwort konnte Marx kaum fassen. «Ich habe nicht damit gerechnet, dass er so schnell reagieren würde und auch seine Entscheidung, dass ich meinen Dienst als Erzbischof von München und Freising weiter fortführen soll, habe ich nicht so erwartet», teilte er in einer schriftlichen Stellungnahme mit. Franziskus habe ihn damit vor eine «große Herausforderung» gestellt. Nach einem Gottesdienst am Abend in München sagte Marx, er müsse das «erstmal verarbeiten».

Einfach zur Tagesordnung übergehen: Das ist für Marx der Stellungnahme zufolge nicht denkbar. Die Entscheidung bedeute für ihn, «zu überlegen, welche neuen Wege wir gehen können – auch angesichts einer Geschichte des vielfältigen Versagens –, um das Evangelium zu verkünden und zu bezeugen», sagte er.

Mit Marx' Rücktrittsgesuch war auch eine klare Botschaft verbunden: «Im Kern geht es für mich darum, Mitverantwortung zu tragen für die Katastrophe des sexuellen Missbrauchs durch Amtsträger der Kirche in den vergangenen Jahrzehnten», hatte Marx dem Papst geschrieben. Die Untersuchungen und Gutachten der zurückliegenden zehn Jahre zeigten für ihn durchgängig, dass es «viel persönliches Versagen und administrative Fehler» gegeben habe, aber «eben auch institutionelles oder systemisches Versagen».

Der Papst antwortete darauf nun: «Sich der Heuchelei in der Art, den Glauben zu leben, bewusst zu werden, ist eine Gnade und ein erster Schritt, den wir gehen müssen. Wir müssen für die Geschichte Verantwortung übernehmen, sowohl als einzelner als auch in Gemeinschaft. Angesichts dieses Verbrechens können wir nicht gleichgültig bleiben. Das anzunehmen bedeutet, sich der Krise auszusetzen.» Als er seine Rücktrittsentscheidung am Freitag vergangener Woche öffentlich machte, gab es noch ein abgestimmtes Verfahren mit dem Vatikan. Völlig anders an diesem Donnerstag. Auch Vatikan-Experten waren überrascht.

Doch was bedeutet dieser Brief nun? Geht Marx gestärkt aus dieser Sache hervor, weil Franziskus - anders als beim Hamburger Erzbischof Stefan Heße beispielsweise, dem er eine Auszeit bewilligte - nicht auf ihn verzichten will? Oder ist es ein Rüffel für den berühmten Erzbischof und Kardinal und die Aufforderung, nicht den Kopf in den Sand zu stecken? 

Die katholische Reformbewegung «Wir sind Kirche» sieht die schnelle Antwort aus Rom als «brüderliche Rückenstärkung». Der Brief sei auch eine Aufforderung an Marx, «sich hier in seinem Bistum und auf dem Reformkurs der katholischen Kirche in Deutschland auch weiterhin mit seiner Kraft und Kompetenz einzusetzen», sagt «Wir sind Kirche»-Sprecher Christian Weisner.

Auch Kirchenrechtler Thomas Schüller versteht in der Ablehnung des Rücktrittsgesuchs einen Aufruf zu Reformen. «Die Botschaft: Wir können vor der strukturellen Sünde und Schuld des sexuellen Missbrauchs nicht fliehen - sondern müssen ihr gemeinsam ins Auge schauen. Und: wir müssen Reformen anstoßen, das heißt Fleisch auf den Grill legen», sagt der Direktor des Institutes für Kanonisches Recht an der Westfälischen Wilhelms-Universität (WWU) Münster. «"Vorsätze" zur Änderung des Lebens zu machen, ohne "das Fleisch auf den Grill zu legen", führt zu nichts», heißt es im Papst-Brief.

Allerdings wird für dieses Jahr noch ein Gutachten über Fälle von sexuellem Missbrauch im Erzbistum München und Freising erwartet, das vor allem herausarbeiten soll, wie sexueller Missbrauch von Priestern im Bistum möglich wurde und ob hochrangige Geistliche Täter schützten. Marx hat bereits Fehlverhalten im Umgang mit einem Täter in seiner Zeit als Bischof von Trier eingeräumt. Marx, der als Papst-Vertrauter gilt, in wichtigen Räten im Vatikan sitzt und bis vor rund einem Jahr noch Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) war, werde nun im Amt als Sünder mit seinen Fehlern als Bischof von Trier und Erzbischof von München-Freising im Umgang mit Fällen von sexuellem Missbrauch konfrontiert werden, sagt Kirchenrechtler Schüller. «Das mag schmerzlich sein, aber der Papst erspart Marx nicht diesen Gang.»

Schüller hatte vor Bekanntwerden der Papst-Entscheidung zu bedenken gegeben, dass es auch gar nicht so leicht werden würde, Marx im Fall der Fälle zu besetzen: «Da neben München auch Hamburg und Köln möglicherweise zu besetzen sein werden, stellt sich für Rom grundsätzlich die Frage, wo die neuen Erzbischöfe überhaupt herkommen sollen. Denn die katholische Kirche in Deutschland leidet unter einem eklatanten Mangel an Klerikern, die für das Bischofsamt überhaupt in Frage kommen.»

Daniel Bogner, Professor für theologische Ethik an der Universität Freiburg in der Schweiz, sieht in der päpstlichen Entscheidung auch ein Risiko: «Wenn bei der baldigen Veröffentlichung des Münchner Berichts zum sexuellen Missbrauch herauskommt, dass auch Kardinal Marx Mitschuld trifft, wird es schwierig», sagt er. «Ein eventuell dann doch notwendiger Rücktritt würde auch den Papst belasten. Man wird dann fragen: Hat er die Hinweise auf die persönliche Schuld, von denen Marx ja selbst spricht, nicht ernst genug genommen? Dass Franziskus dieses Risiko sehenden Auges eingeht, zeigt, wie ernst es um die Kirche bestellt ist.»

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