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Katholische Bistümer

Missbrauch in der Kirche - Kommissionen brauchen viel Zeit

Bonn (dpa)

Vor mehr als einem Jahr hat die katholische Deutsche Bischofskonferenz sich zu einer gemeinsamen Erklärung im Kampf gegen sexuellen Missbrauch durchgerungen. Doch die Umsetzung lässt noch auf sich warten.

Von Britta Schultejans, dpa

Die Kommissionen zur Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch in den katholischen Bistümern kommen nur langsam in Gang. Foto: Nicolas Armer/dpa/Archivbild

Die Kommissionen zur Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch in den katholischen Bistümern in Deutschland kommen nur langsam in Gang.

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, geht laut einer Mitteilung der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) vom Freitag davon aus, dass erst «bis zum Jahresende in allen Diözesen Kommissionen und Strukturen der Betroffenenbeteiligung eingerichtet sein werden». Er sei aber zuversichtlich - «auch wenn es ein langer und nicht immer einfacher Weg war und ist».

Mehr als ein Jahr nach einer entsprechenden Vereinbarung mit dem Missbrauchsbeauftragten gibt es laut DBK inzwischen «in den meisten Diözesen» eine unabhängige Kommission - aber noch nicht in allen. In 13 ist die Einrichtung der Kommissionen demnach «weitestgehend oder gänzlich abgeschlossen».

Für die katholische Reformbewegung «Wir sind Kirche» ist das eine Enttäuschung: «Bei allem Verständnis für die Schwierigkeiten einer Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs gemeinsam mit Betroffenen und auch angesichts der Corona-Situation ist es doch enttäuschend», sagte Sprecher Christian Weisner der Deutschen Presse-Agentur. «Damit wird die Geduld der vielen von sexualisierter Gewalt Betroffenen erneut auf eine harte Probe gestellt.»

Viele Opfer warten schon lange auf Aufarbeitung

Die schon lange verschleppte Aufarbeitung ziehe sich immer weiter in die Länge, kritisierte er. «Auch die Außenwirkung dieses Flickenteppichs kirchlichen Handelns ist fatal.»

Einzelne Bistümer hätten Sonderwege mit Rörig vereinbart, teilte die DBK mit. Bislang sei nur in zehn Diözesen ein Betroffenenbeirat eingerichtet worden oder stehe kurz vor der Einrichtung. Fünf Bistümer wollen auf «alternative Formen der Betroffenenbeteiligung» setzen.

«Diözesane Kommission hat sich konstituiert und Arbeit aufgenommen», heißt es auf einer Liste, die die DBK am Freitag veröffentlichte, bei allen bayerischen Bistümern sowie in Mainz, Speyer und Trier.

Der Trierer Bischof und DBK-Missbrauchsbeauftragte Stephan Ackermann sieht dennoch «große Fortschritte» - vor allem bei pandemiebedingt schwierigen Rahmenbedingungen. «Im Aufbau» lautet der Status in vielen anderen Bistümern - oder «diözesane Kommission weitgehend besetzt».

Zum Bistum Paderborn heißt es: «Statut in Arbeit», «Anfrage zur Benennung von Kommissionsmitgliedern liegt NRW-Landesregierung vor». Zum Bistum Rottenburg-Stuttgart: «Kommission befindet sich im Aufbau. Personen sind noch nicht ernannt, aber fest im Blick.»

Die Bistümer Berlin, Dresden-Meißen und Görlitz wollen eine gemeinsame, überdiözesane Kommission einrichten - ebenso wie Hildesheim, Hamburg und Osnabrück.

Kommissionen sollen nicht nur Fallzahlen erheben

Vor rund einem Jahr hatte der Ständige Rat der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) sich auf eine «Gemeinsame Erklärung über verbindliche Kriterien und Standards für eine unabhängige Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche in Deutschland» geeinigt und beschlossen, unabhängige Aufarbeitungskommissionen in allen 27 Bistümern einzusetzen. Rörig sprach damals von einer «historischen Entscheidung».

Die Kommissionen sollen nicht nur die Fallzahlen von sexuellem Missbrauch erheben, sondern auch untersuchen, wie mit Opfern und Tätern umgegangen wurde. Außerdem sollen sie herausarbeiten, ob Strukturen innerhalb des jeweiligen Bistums «sexuellen Missbrauch ermöglicht oder erleichtert oder dessen Aufdeckung erschwert haben», wie ein Sprecher des Erzbistums München und Freising kürzlich sagte.

«Diese gemeinsame Erklärung ist die entscheidende Grundlage für eine transparente Aufarbeitung und beispielgebend für andere gesellschaftliche Akteure», hatte Rörig nach der Unterzeichnung der Vereinbarung gesagt. Ackermann betonte damals: «Die Aufarbeitungsprozesse, die mit dem heute unterzeichneten Text angestoßen werden, gehören zu der institutionellen Verantwortung, die die Bischöfe und Diözesen für begangenes Unrecht übernehmen.»

Der Jesuitenpater Klaus Mertes nannte diesen Weg damals in einem Beitrag für die «Herder Korrespondenz» falsch und die Verhandlungen zwischen der DBK und Rörig ein «jahrelanges Pingpongspiel».

Aufklärung jahrelang verschleppt?

Im Jahr 2018 hatte die Kirche die sogenannte MHG-Studie und damit schockierende Zahlen zu sexuellem Missbrauch öffentlich gemacht. Die Studie wurde unter anderem kritisiert, weil die Wissenschaftler keinen direkten Zugang zu den Personalakten hatten. Die einzelnen Kommissionen sollen Defizite aus der Studie im Grunde ausbügeln und auch aufdecken, wer aus der Kirchenspitze Täter möglicherweise gedeckt haben könnte.

Aus Sicht von Rosi Mittermeier, Gründungsmitglied der Initiative Sauerteig aus Garching an der Alz in Oberbayern, reichen die Kommissionen auf Bistumsebene ohnehin nicht aus. «Die eigentliche Arbeit muss doch vor Ort passieren - bei den Menschen und ihren Sorgen.»

Der Münchner Kardinal Reinhard Marx wird am Samstag in Garching erwartet. Dort will er mit der Initiative und anderen Gemeindemitgliedern über den 2010 bekannt gewordenen Fall des ehemaligen Gemeindepfarrers sprechen, der rund 20 Jahre lang dort eingesetzt war, obwohl er vorher wegen sexuellen Kindesmissbrauchs in einer anderen Pfarrgemeinde rechtskräftig verurteilt worden war. Nach seiner Versetzung nach Garching soll er dort weitere Kinder missbraucht haben.

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