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Kampf gegen Kindesmissbrauch

Kinderschutzbund fordert Einschränkung des Datenschutzes

Münster/Berlin

Nach dem Missbrauchskomplex von Wermelskirchen stehen Dutzende Verdächtige aus ganz Deutschland im Fokus der Ermittler. Der Kinderschutzbund forderte am Freitag lautstark eine Debatte über derzeit geltende Datenschutzbestimmungen.

Von Ulrich Schaper

Allein im vorigen Jahr wurden nach EU-Angaben 85 Millionen Fotos und Videos entdeckt, die sexuellen Kindesmissbrauch dokumentieren.

Lügde, Bergisch Gladbach, Münster – alles Orte, die in der jüngsten Vergangenheit mit Fällen von schwerem Kindesmissbrauch in Erscheinung getreten sind. Nun also Wermelskirchen. Die Ermittler sprechen von einer neuen Dimension von Grausamkeit. „Wenn man in ihre Gesichter blickt, sieht man die Erschütterung“, sagt Heinz Hilgers, Präsident des deutschen Kinderschutzbundes.

Kölns Polizeipräsident Falk Schnabel sprach von „menschenverachtender Brutalität“ und „gefühlloser Gleichgültigkeit“ gegenüber den Opfern – allesamt Kinder im Alter zwischen einem Monat und 12 Jahren.

Der aktuelle Missbrauchskomplex hat viele Fragen aufgeworfen und von neuem eine Debatte um das Verhältnis von Daten- und Kinderschutz entfacht.

Längst ist das Internet der wichtigste Platz geworden, an dem sich Täter austauschen, informieren, anstacheln und ihre Taten zeigen; oftmals ist es auch der Ort, an dem sie den Erstkontakt zu Kindern und Jugendlichen suchen – und finden.

„Man kann sexuellen Missbrauch ohne das Internet kaum mehr bekämpfen“, sagt Joachim Türk, Vorstandsmitglied und Digitalexperte des Kinderschutzbundes. „Es braucht eine digitale Komponente.“

Tausende Bilder und Videos von Missbrauch sind online zu finden, im Darknet und offenbar auch auf gängigen Internetplattformen. Im Fall Wermelskirchen beschlagnahmten die Ermittler 3,5 Millionen Bilddateien und 1,5 Millionen Videos – insgesamt 30 Terabyte Daten wurden sichergestellt. Mittlerweile haben die Behörden über 70 Verdächtige im Blick, die mitunter selbst Kinder vergewaltigt haben sollen.

Weil die Täter zumeist darauf setzen, dass die Technologie sie schützt, wollen Behörden und Kinderschützer verstärkt mit Internet- und Techfirmen zusammenarbeiten, um ihnen auf die Schliche zu kommen. Und: Sie fordern von der Politik eine entsprechende Änderung der Datenschutzbestimmungen.

Zuletzt hatte die schwedische EU-Kommissarin Ylva Johansson vorgeschlagen, man solle Internet-Unternehmen verpflichten, private Nachrichten ihrer Nutzer nach illegalen Missbrauchsbildern zu durchleuchten.

„Zum einen haben die Behörden weder die personelle noch die technische Ausstattung, um die Flut an Daten in Augenschein zu nehmen“, sagt Türk. „Zum anderen sorgt die extrem kurze IP-Speicherfrist dafür, dass Ermittler die dahinterliegenden Nutzerinformationen nicht mehr bekommen.“

Weil die Tech-Firmen auf Datenbergen von Missbrauchs-Bildmaterial sitzen, sollen sie künftig also mit ins Boot geholt werden. Gleichwohl ist die anlasslose Speicherung von Daten bislang verboten. Eine mögliche Lösung könnte das sogenannte Quick-Freeze-Verfahren sein, bei dem Daten – konkret: IP-Adresse und Nutzerinformationen – eingefroren werden und später, im Falle eines konkreten Verdachts, aufgetaut und für die Ermittlungen genutzt werden.

„Wir wissen, dass es eine Rechtsgüterabwägung ist. Vertrauliche Kommunikation ist ein Grundrecht und Datenschutz ein hohes Gut“, sagt Türk. Der Kinderschutzbund fordere daher nicht mehr als eine verlängerte Speicherfrist. „Für möglichst kurze Zeit, eine möglichst geringe Datenmenge. Das ist alles, was wir wollen, das ist unser Kompromiss“, sagt der Digitalexperte.

Wesentlich sei mit Blick auf den Schutz der Kinder auch das Thema Prävention. Es gehe auch darum, Erwachsene zu sensibilisieren, sagt Sabine Andresen, Expertin für eben dieses Thema beim Kinderschutzbund. „Eltern müssen sich zwingend mit dem Internet auseinandersetzen, damit sie ihre Kinder schützen können.“ Zudem brauche es Schutzkonzepte für den digitalen Raum. „Das Internet ist überwiegend ein Raum für Erwachsene, daher sollte es verstärkte Mechanismen zur Altersverifikation geben.“ Auf Gaming-Plattformen beispielsweise sei es auch denkbar, die Chats durch Moderatoren zu kontrollieren.

Nun hat der Täter in Wermelskirchen sich als Babysitter ausgegeben und sich auf analogem Weg an die Eltern gewandt. Hilgers rät daher: „Eltern, die ihre Kinder in die Obhut anderer geben, sollten sich ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis zeigen lassen. Ich bin überzeugt, dass schon die Frage danach Täter abschrecken kann. Das zeigt: Die Eltern haben sich mit dem Thema beschäftigt.“

Kommentar: Schutz den Schutzlosen

(Von Ulrich Schaper)

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