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«Vogel des Jahres»

Deutschland sucht seinen Lieblingsvogel

Endlich mal eine Wahl ohne lange Reden und dicke Programme. Bei der Wahl zum «Vogel des Jahres» konnte man einfach für den sympathischsten Kandidaten stimmen. Jetzt wird der Sieger verkündet.

dpa

Hübscher Farbkleks: Eine Blaumeise. Foto: Patrick Pleul

Hilpoltstein/Berlin (dpa) - Die Corona-Krise hat auch die Sicht der Menschen auf die Natur verändert. Was vor unserem Haus fliegt, krabbelt und wächst, ist vielen viel mehr ins Bewusstsein gerückt.

Es passiert ja nicht viel, da kann man stundenlang die Vögel vor dem Fenster beobachten und später stolz die Bilder vom neuen Futterhäuschen posten, das dank Webcam besonders nahe Einblicke ermöglicht.

Das täglich mit Walnüssen versorgte Krähenpaar der Gegend, das Eichhörnchen aus dem Hinterhof und andere Tiere aus dem direkten Umfeld sind zum beliebten Small-Talk-Thema geworden. Über den Lieblingsvogel wurde bei der Wahl zum «Vogel des Jahres» in den sozialen Medien oft scherzhaft gestritten. Seit 50 Jahren vergeben der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) und der bayerische Landesbund für Vogelschutz (LBV) den Titel. Im Jubiläumsjahr durfte erstmals die Bevölkerung Deutschlands Super-Vogel küren.

Am Freitagabend wollen Nabu und LBV den Sieger per Live-Stream im Internet bekanntgeben - welcher der zehn Kandidaten es wird, blieb bis zur letzten Minute spannend. Über Wochen lieferten sich das Rotkehlchen und die Rauchschwalbe ein Kopf-an-Kopf-Rennen, gefolgt von Kiebitz, Feldlerche, Stadttaube, Haussperling, Blaumeise, Eisvogel, Goldregenpfeifer und Amsel.

Viele Wahlkampf-Teams gingen bis zum Schluss auf Stimmenfang für ihren Favoriten - und dass diese immer für eine Überraschung gut sind, zeigte sich bereits in der Vorrunde, als die zehn Finalisten unter den 307 in Deutschland verbreiteten Vögel gewählt wurden. Dort landete die Stadttaube - ein eher polarisierender Vogel - zur Verwunderung der Naturschützer auf dem ersten Platz und damit auch im Finale.

Dem vielen Menschen unbekannten, weil seltenen Goldregenpfeifer verhalf wahrscheinlich der Schriftsteller Saša Stanišić in die Endrunde. Mit markigen Sprüchen und niedlichen Fotos rührte dieser in den sozialen Medien kräftig die Werbetrommel. Und nicht nur dort.

Das Prachtkleid seines Lieblingsvogels sei wunderschön anzusehen, schwärmt Stanišić in einem Interview mit dem Deutschlandfunk. «Es ist goldgesprenkelt und schimmert wahnsinnig schön in der Sonne.» Mit seinem Wahlkampf wolle er dem vom Aussterben bedrohten Goldi - wie ihn seine Fans liebevoll nennen - zu mehr Sichtbarkeit verhelfen.

Auch der Kiebitz sei stark gefährdet, hält Sebastian Amler dagegen. «Der Kiebitz ist ein wunderschöner Vogel mit seinem auffälligen Federkamm und seinem schimmernden Gefieder», betont er. Mit dem Wahlkampfspruch «Kleine Felder und auch nass, das macht unsrem Kiebitz Spaß!», konnte sein Team von der LBV-Kreisgruppe in Fürth zahlreiche Stimmen für den Flugakrobaten einsammeln und lag zuletzt in der Rangliste der erfolgreichsten Wahlkämpfer kurz hinter den «Goldregenpfeifer-Ultras» von Saša Stanišić.

Die Gefährdung eines Vogels ist nach Angaben des LBV jedoch nicht ausschlaggebend dafür, dass er «Vogel des Jahres» wird. Normalerweise stehen die «Vögel des Jahres» stellvertretend für ein größeres Naturschutzthema. Doch in diesem Jahr sollten die Menschen einfach ihren Lieblingsvogel wählen, unabhängig davon, ob dessen Lebensraum besonders wertvoll ist oder ob er Vogelkundler begeistert. Bis Donnerstagnachmittag taten dies nach Nabu-Angaben mehr als 312 000 Vogelfans.

«Die Kinos und Theater haben zu. Die Vögel aber sind immer draußen und singen», erklärt sich Stefanie Bernhardt vom LBV in Hilpoltstein die große Beteiligung. Das es mehr Interesse an Vögeln gibt, merkt der LBV seit dem vergangenen Jahr ganz deutlich: Über das Internet und die Hotline meldeten sich spürbar mehr Menschen, die Fragen zur Vogelbestimmung, zur richtigen Futterstelle oder zu selbstgemischtem Futter hätten, sagt Bernhardt.

Dass das Rotkehlchen die Herzen besonders vieler Wählerinnen und Wähler höher schlagen lässt, wundert Silvia Teich vom Nabu deshalb nicht: «Es ist ein totaler Sympathieträger. Es ist niedlich - und jeder hat es schon einmal gesehen.»

Die große Begeisterung für die Wahl hat die Naturschutzverbände auf jeden Fall schon überzeugt - egal wie das Ergebnis ausfällt. «Wir könnten uns vorstellen, dass es das künftig wieder gibt», sagt Teich.

© dpa-infocom, dpa:210319-99-885087/4

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