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Erftstadt

Leben am Krater: «Bei jedem Regentropfen wieder Angst»

Erftstadt (dpa)

In Erftstadt in NRW tat sich Mitte Juli die Erde auf und verschlang mehrere Häuser. Seitdem befindet sich dort ein riesiger Krater. Das Haus von Maria Dunkel steht noch. Aber sie will nicht mehr zurück.

Von dpa

Maria Dunkel, Anwohnerin in Erftstadt-Blessem, blickt aus dem Eingang ihrer Wohnung. In Erftstadt tat sich in der Nacht zum 15. Juli die Erde auf und verschlang mehrere Häuser. Foto: Oliver Berg/dpa

Es sieht aus, als wäre ein Meteorit eingeschlagen. Straßen enden im Nichts, ein Auto hängt mit den Vorderrädern über dem Abgrund. Unter einem dunklen Wolkenband erstreckt sich eine unabsehbare Kraterlandschaft.

Wie andere Orte in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz wurde am 15. Juli auch der Stadtteil Erftstadt-Blessem überflutet. Doch in der darauffolgenden Nacht geschah hier noch etwas anderes: Plötzlich tat sich die Erde auf und verschlang Straßen und Häuser.

Maria Dunkel ist 67 Jahre alt und bewohnt seit 49 Jahren ein Haus in der Radmacherstraße, das jetzt nur wenige Meter von der Abbruchkante entfernt ist. Auf die Wand des Hauses ist ein roter Kreis mit einem X aufgesprüht. «Das ist von der Feuerwehr», erklärt ihr Sohn Thomas Dunkel (47). «Der Kreis bedeutet "Standsicherheit muss geprüft werden", und das X bedeutet "Es sind keine Menschen mehr drin".»

Maria Dunkel hat noch vor Augen, wie die braune Flut am 15. Juli durch die Straße schoss. Die Erft, normalerweise ein beschauliches Flüsschen, war zu einer Art Amazonas geworden. Als ihr Mann Ulrich (73) in der darauffolgenden Nacht bemerkte, dass das Wasser langsam sackte, glaubten sie, das Schlimmste wäre überstanden. Sie gingen ins Bett. Morgens schauten sie aus dem Fenster und sahen - nichts. «Ein leeres Blau, das kann man sich nicht vorstellen», erzählt Maria Dunkel. «Blau vom Wasser und vom Himmel. Aber keine Häuser. Nix.»

Drei Häuser waren über Nacht verschwunden, an ihrer Stelle donnerte nun ein Wasserfall acht Meter in die Tiefe. «Die Häuser sind weg - jetzt schnell raus, sonst sind wir auch weg», habe ihr Mann da gerufen. Über die Terrasse und den Garten erreichte das Ehepaar eine Parallelstraße. Dort machte Maria Dunkel einen Bundeswehrsoldaten darauf aufmerksam, dass noch mehrere Nachbarn in ihren Wohnungen eingeschlossen waren.

Einer von ihnen war der 79 Jahre alte Günter Groten. Er und seine Frau wurden mit einem Hubschrauber gerettet. Sein Haus blieb stehen, verloren hat er seine Brieftaubenzucht: «Die ganzen Taubenschläge sind in das riesige Loch geplumpst. Ich konnte die gar nicht mehr sehen, so tief ging es da runter.»

Insgesamt acht Häuser sind verloren gegangen. Drei wurden von dem Erdrutsch zerstört, ein viertes wurde bereits abgerissen, vier weitere werden noch abgetragen. Dass es keine Toten und Schwerverletzten gegeben hat, ist ein Wunder für jeden, der einmal an der Kraterkante gestanden hat.

Die Dunkels haben also noch Glück gehabt: Sie leben, und sie haben ihr Haus. Dennoch wird auch bei ihnen nichts mehr so sein wie vorher. Zwar soll die Straße wiederhergestellt werden, wenn die Abbruchkante erst einmal gesichert ist. Doch Maria Dunkel will nicht mehr zurück in ihr Haus. «Bei jedem Regentropfen hätte ich wieder diese Angst, dass das Wasser zurückkommt. Das würde ich nicht mehr überstehen, da kriege ich einen Herzinfarkt.»

Noch darf sie das Haus auch gar nicht betreten. Solange ein paar Meter weiter die Abbrucharbeiten im Gange sind, halten die Behörden das für zu gefährlich. Nur eine Stunde durfte sie bislang mal hinein, in Begleitung eines Mannes vom Ordnungsamt. Der Schaden ist groß, die Renovierungsarbeiten dürften Monate dauern. Mittlerweile lebt sie mit ihrem Mann in einer Übergangswohnung.

Die Straße ist eine einzige Baustelle. Transporter mit Schuttladungen versperren den Weg, riesige Baggerschaufeln greifen in Trümmerberge. In der direkten Umgebung blickt man überall in leer geräumte Erdgeschosse, die aussehen wie in einem Rohbau. Auf einer Fensterbank steht noch eine Vase mit Blumen, überzogen mit Flutschlamm. An einer anderen Stelle sitzen zwei vom Wasser gezeichnete Teddybären. Es sieht aus, als würde der große den kleinen im Arm halten.

Wer bezahlt die Schäden? «Viele sind für solche Fälle nicht versichert und stehen jetzt praktisch vor dem Nichts», sagt die Erftstädter Bürgermeisterin Carolin Weitzel (CDU). 4,4 Millionen Euro Soforthilfe sind schon ausgezahlt worden, an rund 2000 Antragsteller. 5,5 Millionen Euro Spenden sollen demnächst verteilt werden. «Natürlich ist uns klar, dass das bei weitem nicht ausreichen wird, um die Schäden der Betroffenen zu decken», sagt Weitzel.

Viele Anwohner vermuten, dass der Erdrutsch mit einer unmittelbar angrenzenden Kiesgrube in Zusammenhang steht. Der Starkregen und die Erft hatten die Grube geflutet. «Unser alter Ortsbürgermeister hat immer gesagt: "Die Kiesgrube ist zu groß und zu nah an Blessem"», sagt Maria Dunkel. «Jeder hat ihn damals ausgelacht - und es hat sich bewahrheitet.» Bürgermeisterin Weitzel sagt, dass unabhängige Gutachter des Geologischen Dienstes Nordrhein-Westfalen die Ursache der Erosion untersuchen. Die Staatsanwaltschaft Köln ermittelt wegen des Verdachts der Baugefährdung.

Maria Dunkel geht mit ihrem Sohn Thomas zum Auto. Einmal um die Straßenecke, wird sie von einer Nachbarin gegrüßt. Erst im zweiten Moment scheint der Frau klar zu werden, wer da vor ihr steht. «Maria!», ruft sie. Und dann läuft sie auf sie zu und umarmt sie.

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