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Deutsche Wirtschaft

Rezessionsangst und Rekordgewinne - wie geht das zusammen?

Frankfurt/Main (dpa)

In der Krise verdienen Konzerne Milliarden, es gibt positive Wirtschaftsdaten und zuversichtliche Töne in Umfragen. Ist die Lage der deutschen Wirtschaft doch nicht so hoffnungslos? Fragen und Antworten.

Von Jörn Bender, dpa

Gestapelte Container auf einem Gelände im Hafen von Hamburg. Foto: Daniel Bockwoldt/dpa

Ukraine-Krieg, Energiekrise, Rekordinflation, drohende Rezession - das Umfeld ist alles andere als günstig. Doch noch wächst die deutsche Wirtschaft und nicht wenige Konzerne fahren Milliardengewinne ein. Klingt paradox, doch es gibt Erklärungen.

Wie die «Wirtschaftsweisen» die Lage bewerten, wird das Beratungsgremium der Bundesregierung an diesem Mittwoch (9.11.) bei der Vorlage des Jahresgutachtens 2022/2023 erörtern.

Wirtschaftswachstum in der Krise - wie geht das?

Im dritten Quartal überraschte die deutsche Wirtschaft positiv: Statt des von vielen Ökonomen erwarteten Rückgangs der Wirtschaftsleistung legte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 0,3 Prozent zum Vorquartal zu. Getragen wurde das Wachstum einer ersten Schätzung des Statistischen Bundesamtes zufolge vor allem vom privaten Konsum. Der Wegfall von Corona-Einschränkungen kurbelte das Geschäft von Hotels und Gaststätten an, die Veranstaltungsbranche kam wieder in Schwung.

Wie ist die Stimmung in den Unternehmen?

«Es wird regelmäßig der Untergang des Industriestandorts Deutschland verkündet», schrieb der Bonner Wirtschaftsprofessor Moritz Kuhn, jüngst auf Twitter. «Nur geben es die Daten nicht her.» Er halte die Trivialisierung zum Beispiel auf Twitter und in Talkshows «für äußerst gefährlich», sagt Kuhn auf Nachfrage: «Da werden oft Zahlenreihen ohne Kontext und Referenzpunkt nebeneinander gelegt.»

Eine Umfrage des Münchner Ifo-Instituts zum Beispiel ergab, dass sich Unternehmen in Summe derzeit deutlich weniger Sorgen um ihre Existenz machen als während der Corona-Krise. Den Ende Oktober veröffentlichten Daten zufolge sehen 7,5 Prozent der Betriebe ihre Existenz bedroht. Im Juni 2020 waren es 21,8 Prozent. «Angesichts der kräftigen konjunkturellen Abkühlung zeigen sich die Unternehmen sehr robust», bilanzierte Ifo-Experte Klaus Wohlrabe.

Für Deutschlands Maschinenbauer werden rasant gestiegene Preise etwa für Erdgas und die Schwierigkeiten bei der Energieversorgung zwar zunehmend zur Belastung. Einer im September veröffentlichten Umfrage des Branchenverbandes VDMA zufolge gibt es jedoch bis dato bei rund 90 Prozent der Unternehmen keine Einschränkungen in der Produktion.

Der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) erwartet angesichts voller Auftragsbücher ein Produktionsplus von einem Prozent im laufenden Jahr. Der VDMA-Umfrage zufolge rechnen drei von vier Unternehmen 2022 mit einem nominalen Umsatzwachstum.

Wieso verdienen manche Konzerne mitten in der Krise Milliarden?

«BP im Ölrausch», «Krise? Nicht bei der Deutschen Bank», «Lufthansa rechnet mit Milliardengewinn» - für viele Unternehmen läuft es gerade richtig gut. Der britische Energieriese BP partizipiert an hohen Ölpreisen infolge des russischen Angriffs auf die Ukraine. Die Deutsche Bank hat mit einem Konzernumbau schon vor Jahren die Weichen auf Wachstum gestellt und profitiert aktuell zusätzlich von steigenden Zinsen. Bei der zwischenzeitlich mit staatlichen Milliarden gestützten Lufthansa wächst dank kräftiger Ticketnachfrage und einem überaus profitablen Frachtgeschäft die Zuversicht.

Dass viele Unternehmen auf Rekordkurs sind, erstaunt EY-Partner Mathieu Meyer nicht: Die Auftragsbücher seien voll, die Kaufkraft der Verbraucher nach den Corona-Beschränkungen sei groß. «Und damit gelingt es Unternehmen erstmal, Preissteigerungen durchzusetzen. Die Nachfrageseite ist noch recht robust», sagt der Unternehmensberater.

Zwar dürften 2023 sinkende Kaufkraft und steigende Kreditzinsen für Eintrübung sorgen. «Aber aus Gesprächen mit Unternehmen nehme ich mit, dass keine komplette Krise zu erwarten ist», sagt Meyer.

Welche Rolle spielt der Staat?

Deutschland nimmt - wie schon in der Corona-Pandemie - Milliarden in die Hand, um Belastungen für Unternehmen und Verbraucher zu mindern. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) brachte es bei der Vorstellung des neuen sogenannten Abwehrschirms gegen hohe Energiepreise Ende September salopp auf den Punkt: «Man kann sagen, das ist hier ein Doppelwumms.» Zwar kann auch ein wohlhabender Staat wie Deutschland nicht alles abfedern, dennoch ist dies ein stabilisierender Faktor.

Gut durch die Krise dank «Doppelwumms»? Experten sehen in den Gegenmaßnahmen der Scholz-Regierung zumindest einen stabilisierenden Faktor. Foto: Christophe Gateau/dpa

Wie ist die Lage auf dem deutschen Arbeitsmarkt?

«Insgesamt ist der Arbeitsmarkt weiter robust, insbesondere die Beschäftigung wächst weiter», sagte die Chefin der Bundesagentur für Arbeit (BA), Andrea Nahles, jüngst. Von September auf Oktober sank die Zahl der Arbeitslosen um 43.000 auf 2,442 Millionen. Die Arbeitslosenquote verbesserte sich um 0,1 Punkte auf 5,3 Prozent.

Die Bundesbank schreibt in ihrem Monatsbericht Oktober, in vielen Bereichen sei die Arbeitsnachfrage weiterhin hoch: «Über die Breite der Wirtschaft ist im Laufe des Winterhalbjahres also nicht von einer signifikanten Verschlechterung am Arbeitsmarkt auszugehen.» Mit Kurzarbeitergeld könnte der Staat die Lage zusätzlich stabilisieren.

Ist die aktuelle Lage nur so etwas wie die Ruhe vor dem Sturm?

So zumindest schätzt es Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer ein: Die rekordhohe Inflation lasse «die Kaufkraft der Konsumenten kollabieren». Für ein Schrumpfen des BIP im vierten Quartal spreche zudem, dass Unternehmen sich wegen steigender Unsicherheit mit Investitionen zurückhalten dürften.

Im Bundesbank-Monatsbericht Oktober heißt es: «Im gerade begonnenen Winterhalbjahr werden die Abwärtskräfte voraussichtlich deutlich zunehmen.» Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) brachte eine Umfrage unter über 24.000 Betrieben auf den Nenner: «Das Schlimmste kommt noch».

Uwe Siegmund, Chefvolkswirt des Versicherers R+V, stimmt auf schwierige Monate ein: «Alle Warnzeichen stehen auf Rot. Alle Frühindikatoren zeigen an, dass da was kommt. Wir gehen von einer größeren Rezession aus.» Allerdings erwarte er derzeit nicht, dass der Abschwung bis ins Jahr 2024 dauern werde.

«Das erste Halbjahr 2023 wird wehtun. Vielleicht haben wir unterstützende Faktoren, dass es nicht so kommt, zum Beispiel ein milder Winter und moderate Lohnabschlüsse», sagt Siegmund. «Einer meiner größten Hoffnungswerte ist der Euro. Wenn der Euro gegenüber dem Dollar wieder etwas mehr steigen würde, würde das zwar Exporte verteuern, aber es würde die Inflation deutlich beruhigen.»

Birgt die Krise auch Chancen?

Krisen seien letztlich Transformationsbeschleuniger, meint der Bonner Ökonom Kuhn: «Natürlich erhöht das die Kosten, wenn wir als Volkswirtschaft jetzt zügiger von fossilen Brennstoffen wegwollen. Aber das ist in etwa so, wie wenn ich mit dem Auto schneller auf 100 Stundenkilometer beschleunige: Das ist teurer, weil ich mehr Benzin verbrauche, aber es rollt dann auch schneller.»

EY-Partner Meyer sieht es ähnlich: «Wenn man zurückblickt, hat jede Krise die deutsche Wirtschaft eher gestärkt. Wenn man drin ist, ist es unangenehm. Aber wenn man die Krise sinnvoll nutzt, kann man durchaus gestärkt daraus hervorgehen.»

Auch der Chef der Förderbank KfW, Stefan Wintels, sieht Potenzial für Europas größte Volkswirtschaft in dem nun notwendigen Umbau etwa der Energieversorgung: Viele hiesige Unternehmen hätten Technologien, um andere Länder bei der grünen Transformation zu unterstützen. Wintels' Fazit: «Das ist eine Riesenchance für viele deutsche Unternehmen.»

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