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Auszeichnungen

Nobelpreis für Entdeckung von Rezeptoren an zwei US-Forscher

Stockholm (dpa)

Wärme, Kälte, Berührungen - wie unser Körper solche Reize wahrnimmt, war lange unklar. Für ihre Entdeckungen zu den biologischen Grundlagen erhalten zwei US-Forscher nun den Medizin-Nobelpreis.

Von dpa

Thomas Perlmann, Sekretär der Nobelversammlung und des Nobelkomitees, verkündet die Gewinner des Nobelpreises für Physiologie oder Medizin 2021. Foto: Jessica Gow/Tt/TT NEWS AGENCY via AP/dpa

Für ihre grundlegende Erforschung der Temperatur- und Berührungswahrnehmung erhalten zwei US-Forscher den diesjährigen Nobelpreis für Physiologie oder Medizin.

David Julius und der im Libanon geborene Forscher Ardem Patapoutian hätten kritische Lücken im Verständnis des komplexen Zusammenspiels zwischen unseren Sinnen und der Umwelt identifiziert, teilte das Karolinska-Institut am Montag in Stockholm mit. Das Wissen werde genutzt, um neue Behandlungsmöglichkeiten für chronische Schmerzen und zahlreiche andere Krankheiten zu entwickeln.

Die Anrufe aus Schweden erreichten die beiden Wissenschaftler in den USA zu nächtlicher Stunde. Es sei schwierig gewesen, mit den beiden Preisträgern in Kontakt zu kommen, hieß es vom Nobelkomitee. Als er sie dann doch telefonisch erreicht habe, hätten sie überrascht und sehr, sehr froh reagiert, erzählte der Sekretär der Nobelversammlung des Stockholmer Karolinska-Instituts, Thomas Perlmann.

Das Komitee postete später ein Foto von Ardem Patapoutian auf Twitter. Darauf schaut sich der frischgebackene Preisträger die offizielle Verkündung strahlend lächelnd mit seinem Sohn im Bett sitzend an. Auch Julius wurde zu früher Stunde vom Karolinska-Institut informiert, wie seine Frau Holly Ingraham bei Twitter schrieb. Dazu stellte sie ein Bild, wie er - offenbar noch im Morgenmantel - auf ein elektronisches Gerät blickt.

Vor den Entdeckungen der Forscher sei unklar gewesen, wie Temperatur und mechanische Reize vom Nervensystem in elektrische Impulse umgewandelt werden, schreibt das Nobelkomitee zur Begründung für die Preisvergabe. Der 1955 in New York geborene David Julius hatte in den späten 1990er Jahren an der University of California in San Francisco seine Arbeiten mit Capsaicin begonnen, dem feurigen Inhaltsstoff von Chili-Schoten. Zu diesem Zeitpunkt sei bereits bekannt gewesen, dass Capsaicin schmerzwahrnehmende Nerven aktiviert - aber wie genau, war unklar. Julius identifizierte ein Gen, das dafür zuständig ist, später TRPV1 genannt. «Seine Entdeckung hat eine riesige Welle in der Schmerzmittelforschung gestartet, die noch läuft», sagte Gary Lewin, Arbeitsgruppenleiter vom Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) in Berlin.

Patapoutian beschäftigte sich vorrangig mit der Frage, wie Druck und Berührungen vom Körper wahrgenommen werden. Der 1967 in Beirut geborene Wissenschaftler war als Jugendlicher in die USA gekommen und hatte am California Institute of Technology in Pasadena promoviert. Seit 2000 arbeitet er bei Scripps Research, einer führenden biomedizinischen Forschungseinrichtung im kalifornischen La Jolla. Patapoutian hatte ein Gen identifiziert, dass die Reaktion auf Druckberührungen vermittelt. Es bekam den Namen Piezo1, nach dem griechischen Wort für Druck.

«In der Wissenschaft ist es häufig so, dass die Dinge, die wir für selbstverständlich halten, von hohem Interesse sind», sagte Patapoutian in einem Interview mit dem Nobelkomitee. «Für uns in der Erforschung von Berührungen und Schmerzen war das so was wie der große Elefant im Zimmer.»

«Ardem Patapoutian ist ein sehr zielstrebiger, charismatischer Mensch, aber er hat auch riesiges Glück gehabt, den Ionenkanal Piezo1 zu entdecken», sagte Lewin, der ebenfalls an dem Thema gearbeitet hat. Die Entdeckungen der beiden Wissenschaftler führten zu zahlreichen Fortschritten in diesem Forschungsbereich. Die entdeckten Rezeptoren spielen nicht nur eine Rolle bei der Wahrnehmung äußerer Reize wie Temperatur oder Berührung, sondern auch bei der Regulierung von wichtigen inneren Körperfunktionen, etwa dem Blutdruck, der Atmung und der Kontrolle der Harnblase.

Julius und Patapoutian teilen sich den Nobelpreis, der in diesem Jahr mit zehn Millionen schwedischen Kronen (rund 980 000 Euro) dotiert ist und als der wohl renommierteste Wissenschaftspreis der Welt gilt. Die beiden haben aber bereits zuvor zahlreiche Auszeichnungen bekommen - erst 2020 etwa den hoch angesehenen Kavli-Preis für Neurowissenschaften.

Seit 1901 haben mehr als 220 Menschen den Medizin-Nobelpreis erhalten, darunter nur 12 Frauen. Der erste ging an den deutschen Bakteriologen Emil Adolf von Behring für die Entdeckung einer Therapie gegen Diphtherie. 1995 erhielt als erste und bislang einzige deutsche Frau Christiane Nüsslein-Volhard diese Auszeichnung.

Mit dem Medizin-Preis startete der Nobelpreis-Reigen. Am Dienstag und Mittwoch werden die Träger des Physik- und des Chemie-Preises benannt. Am Donnerstag und Freitag folgen die Bekanntgaben für den Literatur- und den Friedensnobelpreis. Die Reihe endet am folgenden Montag, 11. Oktober, mit dem von der schwedischen Reichsbank gestifteten sogenannten Wirtschafts-Nobelpreis.

Die feierliche Vergabe aller Auszeichnungen findet traditionsgemäß am 10. Dezember statt, dem Todestag des Preisstifters Alfred Nobel.

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