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Raumfahrt

Studie simuliert mit Bettruhe das All

Köln (dpa)

Um herauszufinden, was man gegen die Tücken der Schwerelosigkeit tun kann, läuft aktuell eine neue Studie in Köln. Die Aufgabe: Lange im Bett liegen bleiben und immer alles aufessen.

Von Jonas-Erik Schmidt, dpa

Ein Teilnehmer der Bettruhestudie arbeitet am Computer, während er im Bett liegt. Foto: DLR/dpa

Es ist sehr ruhig im «Envihab», einer futuristisch anmutenden Forschungseinrichtung des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Köln.

Nur ab und zu hört man ein sonores Brummen, mal geht jemand über den Flur. Die Ruhe ist insofern nicht überraschend, als dass an diesem Ort gerade eine Studie läuft, die im Kern darauf basiert, dass Menschen ruhen. Im Bett. 30 Tage lang.

Was zunächst wie ein Traum für passionierte Faulenzer klingt, ist ein nicht zu unterschätzendes Experiment mit strengen Regeln. Das DLR erforscht im Auftrag der US-Raumfahrtbehörde Nasa, wie sich Schwerelosigkeit auf den Körper auswirkt - und was man gegen die unschönen Nebenwirkungen tun kann. Im All bauen Muskeln und Knochen ab, selbst die Sehkraft lässt nach. Und diesem Zustand kommt man nahe, wenn man einfach nicht mehr aus dem Bett aufsteht.

Bettruhe-Phase

«Es wäre natürlich einfacher, wenn wir direkt Astronauten im All untersuchen könnten. Dafür gibt es aber zu wenige Astronauten und zu wenig Zeit auf den Missionen», sagt Edwin Mulder, Leiter der Bettruhestudien. Also brauche es Modelle, mit denen die Bedingungen im All simulierbar seien. «Und das beste Modell, das wir körperlich und physikalisch gefunden haben, ist: Bettruhe.» Astronauten seien «mechanisch inaktiv». Sie schweben und müssen daher nicht viel Kraft für Bewegung aufwenden.

Besuchen darf man als Unbeteiligter die zwölf Probandinnen und Probanden nicht - sie befinden sich in einem abgeschirmten Bereich im Inneren der Forschungseinrichtung. Man hätte sie schon gerne gefragt, wie sie die Lage empfunden haben - die Bettruhe-Phase ist mittlerweile beendet, es laufen aber noch wichtige Untersuchungen. Sonderlich gemütlich klingt sie jedenfalls nicht. Die Betten sind in der Studie um sechs Grad geneigt: Die Beine liegen höher als der Kopf. Der Grund: Im All verschieben sich im Flüssigkeiten im Körper nach oben.

«Astronauten schweben zwar, aber für den Körper fühlt es sich an, als ob sie mit dem Kopf nach unten hängen», sagt Mulder. Das werde mit Neigung simuliert. Damit sie Position durchgehend gehalten wird, sind sogar Kopfkissen tabu. Nur wer auf der Seite liegt, darf eine kleine Polsterung benutzen.

Weitere Studien

Es gab schon andere Bettruhestudien. Das Besondere an dieser ist die Methode, mit der versucht wird, die Flüssigkeitsverlagerung umzukehren. Sie wird für die Verschlechterung der Sehfähigkeit verantwortlich gemacht, da der Druck im Gehirn steigt. In Köln legen sich die Probanden zweimal täglich drei Stunden lang von der Hüfte abwärts unter eine Plexiglas-Haube, in der ein Unterdruck erzeugt wird. «Wir legen Unterdruck an den Beinen an und saugen sozusagen das Blut vom Kopf in die Beine», erklärt Stefan Möstl, der die sogenannte Gegenmaßnahme leitet. Denkbar ist etwa, dass Astronauten im All zum gleichen Zweck eine Unterdruck-Hose tragen.

Um all das herauszufinden, unterwerfen sich die Probanden, die 11 000 Euro für die Studie bekommen, einem strengen Regelwerk. Ergebnisoffenes Rumlümmeln ist nicht angesagt. Die äußeren Bedingungen müssen möglichst konstant eingehalten werden, sonst sind die Ergebnisse nicht vergleichbar. Es gibt etwa einen ganz klaren Tag-Nacht-Rhythmus. Um 22.30 Uhr beginnt die Nachtruhe, keine Diskussionen. Dann geht zentral das Licht und auch das W-LAN aus.

Auch das Essen ist genau auf den Bedarf des jeweiligen Probanden abgestimmt. «Bei uns muss der Teller immer leer gegessen werden. Wenn noch Reste auf dem Teller liegen, geht er zurück zum Probanden», sagt Alexandra Noppe, die die Betreuung leitet. «Teller ablecken gehört hier zum guten Ton.» Ansonsten könne man auch einen Schaber nutzen, um die letzten Essensreste abzukratzen und zu verzehren.

Geduscht wird ebenfalls im Liegen. Die Probanden werden dafür in einen Raum gerollt und bekommen eine Brause in die Hand, mit der sie sich waschen können - aber ebenfalls nach unten geneigt.

Das eigentlich Ungewohnte in einem freien Land sind allerdings weniger das dauerhafte Liegen oder die Zeit unter einer Plexiglas-Haube - es ist die Abgabe von Selbstbestimmung. Die Studienteilnehmer bekommen haarklein gesagt, wann sie was zu tun haben. Für manchen mag es in komplizierten Zeiten eine Erleichterung sein.

Fest steht, dass es die Forscher nach 30 Tagen mit recht aufgekratzten Menschen zu tun haben. «Das Ende der Bettruhe, die wieder aufrechte Haltung und die damit verbundene Freiheit machen sie euphorisch», sagt Edwin Mulder. Man müsse sie da eigentlich bremsen. «Sie würden einen Muskelkater kriegen, der kaum auszuhalten ist.»

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