1. www.muensterschezeitung.de
  2. >
  3. Nachrichten
  4. >
  5. Wissenschaft
  6. >
  7. Weltklimakonferenz: Hoffnung in Afrika - Enttäuschung droht

  8. >

Klima

Weltklimakonferenz: Hoffnung in Afrika - Enttäuschung droht

Nairobi (dpa)

Die Weltklimakonferenz findet nach sechs Jahren erneut in Afrika statt. Die Erwartungen der afrikanischen Staaten sind groß. Doch den Forderungen steht die aktuelle Weltlage entgegen.

Von David Renke, dpa

Eine Frau watet durch das Hochwasser zwischen verlassenen Unterkünften im Dorf Majak Awar im Südsudan. Dort sind ganze Bundesstaaten überflutet. Sieben der zehn Klimakrisenherde, die die Nichtregierungsorganisation Oxfam in einer aktuellen Studie identifiziert hat, liegen in Afrika. Foto: Adrienne Surprenant/AP/dpa

Sechs Jahre ist es her, dass mit Marokko ein afrikanisches Land Gastgeber der UN-Klimakonferenz war. Nachdem Europa seit 2017 mit Konferenzen in Deutschland, Polen, Spanien und Schottland das Zentrum der internationalen Klimadiplomatie bildete, wollen die Staaten des afrikanischen Kontinents die 27. Weltklimakonferenz (COP27) ab 6. November in Ägypten nun nutzen und den Fokus erneut auf Afrika richten. Der Kontinent ist längst wie kein anderer von den Folgen des Klimawandels betroffen, die Erwartungen vor der Konferenz sind enorm.

Die Verhandlungsziele der afrikanischen Staaten haben sich dabei seit der Weltklimakonferenz im vergangenen Jahr in Glasgow kaum verändert. Ephraim Mwepya Shitima, der sambische Chefverhandler der afrikanischen Gruppe bei der COP, kündigte bereits an, dass Afrika die Industriestaaten erneut an ihre finanziellen Verpflichtungen erinnern werde. Die Ausgangslage hat sich jedoch verändert. Nun könnten die afrikanischen Staaten auch durch den Krieg in der Ukraine ein weiteres Mal mit ihren Forderungen scheitern.

Lösungen wichtiger denn je

«Das Vertrauen in das multilaterale System ist aktuell auf einem Tiefpunkt», sagt Faten Aggat, Expertin für Klimadiplomatie beim Think Tank African Climate Foundation. Dabei wäre es jetzt dringender denn je nötig, gemeinsame Lösungen zu finden. Wenige Tage vor der Weltklimakonferenz sind Millionen Menschen in den Staaten der Sahelzone von Nigeria bis zum Tschad von massiven Überschwemmungen betroffen. Im Südsudan sind quasi ganze Bundesstaaten überflutet. Am Horn von Afrika herrscht die schlimmste Dürre seit 40 Jahren. Hunderttausenden droht der Hungertod. Sieben der zehn Klimakrisenherde, die die Nichtregierungsorganisation Oxfam in einer aktuellen Studie identifiziert hat, liegen in Afrika.

Für diese schon jetzt spürbaren Folgen des Klimawandels fordern die afrikanischen Staaten Schadenersatz von den Industriestaaten, die massiv zur Erderwärmung beigetragen haben. Afrika, so das Argument, habe statistisch betrachtet nicht einmal vier Prozent zur Erderwärmung beigetragen und zahle den höchsten Preis. Im Konferenzchargon ist dafür der Begriff Loss and Damage geläufig.

«Schon jetzt verlieren die afrikanischen Länder laut der Afrikanischen Entwicklungsbank aufgrund des Klimawandels 15 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts. Die Auswirkungen sind da und messbar», sagt Aggad. Bislang erkennen die Industriestaaten solche Ansprüche jedoch nicht an. Noch steht die Wissenschaft am Anfang bei der Frage, wie stark der Einfluss des Klimawandels auf ein singuläres Wetterereignis ist.

Was sind Folgen des Klimawandels?

Wie schwer diese Zuordnung ist, zeigt etwa die seit Jahren massive Dürre in Madagaskar. Vielen Beobachtern galt diese eindeutig vom Klimawandel verursacht. Wissenschaftler der World Weather Attribution widersprachen in einer Studie im vergangenen Jahr. Fraglich ist zudem, wer Zugriff auf den möglichen Finanztopf für Klimaschadenersatz haben dürfte. «Wie geht man mit Klimaschäden in Industriestaaten um? Wenn man etwa an die Überschwemmungen im Ahrtal denkt, müssten diese Menschen auch aus einem Loss-and-Damage-Fund bezahlt werden», meint Anja Berretta, Leiterin des Regionalprogramms Energiesicherheit und Klimawandel Subsahara-Afrika der Konrad-Adenauer-Stiftung.

Daneben müssen die Industriestaaten ohnehin erst einmal ihre bereits gegebenen Versprechen einhalten - etwa bei der Finanzierung von Klimaprojekten im globalen Süden. Seit 2020 haben sich Staaten verpflichtet, hierfür jährlich 100 Milliarden US-Dollar aufzubringen. Dabei sollen Emissionen eingespart und Projekte zur Anpassung an den Klimawandel finanziert werden. Dass die Industriestaaten dieses Ziel nicht eingehalten haben, ist längst bekannt. Laut einer OECD-Rechnung hatten die Industrieländer insgesamt nur rund 83 Milliarden US-Dollar bereitgestellt.

Geschönte Bilanzen?

Nach einer Mitte Oktober von Oxfam veröffentlichten Studie sollen die Industriestaaten ihre Bilanz geschönt haben. Statt 83 Milliarden seien nicht einmal 25 Milliarden Dollar geflossen. Grund für die Diskrepanz: Die Industriestaaten rechneten großzügig auch Programme bei ihrer Unterstützung ein, die tatsächlich gar keinen Fokus auf den Klimawandel haben. Zu ähnlichen Erkenntnissen war auch der Europäische Rechnungshof gekommen, der die offiziellen Angaben der EU über seine Klimahilfen als übertrieben bezeichnete.

Seit dem Angriffskrieg in der Ukraine haben die Nato-Staaten viel Geld für die Aufrüstung in die Hand genommen. Allein Deutschland plant für die Sanierung der Bundeswehr ein Sondervermögen von 100 Milliarden Euro ein. «Global sind die Finanztöpfe für den Kampf gegen den Klimawandel so knapp wie schon lange nicht mehr», sagt auch Berretta. Das deutsche Projekt Energiewende hat Risse bekommen, seit die deutsche Abhängigkeit von russischem Gas der Weltöffentlichkeit vorgeführt wurde. Das weckt vor allem in den gasreichen afrikanischen Staaten in Nordafrika, aber auch in Nigeria Begehrlichkeiten, an dem aktuellen Gasengpass mitzuverdienen. Dabei wäre es gerade jetzt umso wichtiger, dass die afrikanischen Staaten geschlossen auftreten.

Startseite
ANZEIGE