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Studie

Wenn Küssen krank macht 

Cambridge (dpa)

Kuss als neuer Brauch in Europa vor etwa 1500 Jahren. Das Küssen könnte die Ausbreitung von Herpesviren begünstigt haben. Das geht aus einer Studie der der britischen University of Cambridge hervor.

Von dpa

Für die Studie analysierte das internationale Forscherteam etwa 3000 DNA-Proben von archäologischen Funden. Foto: Dr Barbara Veselka/EurekAlert/dpa

Nach Ansicht von Wissenschaftlerinnen könnte das Aufkommen des Kusses als neuer Brauch die Verbreitung des oralen Herpesvirus begünstigt haben. Dieses wird über den Mund übertragen.

«Vor etwa fünftausend Jahren geschah etwas, das es einem Herpesstamm ermöglichte, alle anderen zu überholen, möglicherweise eine Zunahme der Übertragungen, die mit dem Küssen in Verbindung stehen könnte», sagte Christiana Scheib von der britischen University of Cambridge. Sie ist Ko-Autorin der Studie, die im Fachblatt «Science Advances» erschien.

Für die Studie analysierte das internationale Forscherteam etwa 3000 DNA-Proben von archäologischen Funden. Die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen fanden nur in vier Fällen das Herpesvirus. Die älteste Probe komme von einem Mann, der in der russischen Uralregion lebte und aus der späten Eisenzeit vor etwa 1500 Jahren stammte. Bisher stammten die ältesten genetischen Daten für Herpes nach Angaben der Autorinnen und Autoren von einer Probe aus dem Jahr 1925.

Durch eine Sequenzierung der Genome und einem Vergleich zu Proben aus dem 20. Jahrhundert habe man eine Mutationsrate und die Evolution des Virus abschätzen können.

Kam der Kuss mit einer Wanderungsbewegung aus Eurasien nach Europa?

«Gesichtsherpes versteckt sich lebenslang in seinem Wirt und wird nur durch oralen Kontakt übertragen, so dass Mutationen langsam über Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg auftreten», sagte Ko-Autorin Charlotte Houldcroft (ebenfalls Uni Cambridge). Jede Primatenart habe eine Form von Herpes, sagte Scheib. Deshalb gehe man davon aus, dass auch Menschen das Virus in sich trugen, seit sie Afrika verlassen haben. Das Küssen könnte später aber zu einer Verbreitung des oralen Herpes beigetragen haben.

Die früheste bekannte Überlieferung des Küssens ist nach Angaben des Forscherteams ein Manuskript aus der Bronzezeit in Südasien. Der Brauch sei in der menschlichen Kultur bei weitem nicht universell.

Die Wissenschaftlerinnen vermuten, dass der Kuss mit einer Wanderungsbewegung aus Eurasien nach Europa gekommen sein könnte. Der Aufschwung des oralen Herpes könne mit dem Aufkommen der kulturellen Praxis des sexuellen und romantischen Küssens zusammengefallen sein.

Auch heutzutage ist der romantische Kuss übrigens nicht in allen Teilen der Welt verbreitet. Eine Studie des Kinsey Instituts an der Indiana University kam 2015 zu dem Ergebnis, dass es nur in 46 Prozent der 168 untersuchten Kulturen erfolgt. Insbesondere im Mittleren Osten, in Nordamerika und Europa werden demnach viele Küsse verteilt. Bei afrikanischen Kulturen südlich der Sahara, auf Neuguinea oder in Zentralamerika spiele der mit Liebe und Sexualität verbundene Kuss eher keine Rolle.

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation werden Herpeserkrankungen hauptsächlich durch zwei Virentypen verursacht: Das Lippenherpes-Virus (HSV-1) und das Genitalherpes-Virus (HSV-2). Der Typ HSV-1, um den es auch in der Studie geht, wird über Mund-zu-Mund-Kontakt übertragen. Das Virus bleibt lebenslang im Körper, Symptome können immer wieder auftreten. Laut WHO sind etwa 3,7 Milliarden Menschen unter 50 Jahren mit diesem Herpesvirus infiziert.

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