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Reus überragend, Sancho und Haaland eiskalt, Terzic geerdet – BVB schlägt Leipzig 4:1

Schwarz-Gelb aus dem Häuschen

Berlin

Was für ein DFB-Pokalfinale! Nach zwei völlig unterschiedlichen Halbzeiten hat Borussia Dortmund das Endspiel gegen RB Leipzig gewonnen. Am Ende hieß es 4:1 für den BVB.

Thomas Rellmann

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In seiner langen Karriere sah sich Marco Reus oft mit zwei zentralen Vorwürfen konfrontiert. Er sei zu verletzungsanfällig, und er tauche in großen Spielen doch meist ab. Beides nicht von der Hand zu weisen. Teil zwei der Thesen widerlegte er im zarten Alter von bald 32 Jahren im Pokal-Endspiel allerdings eindrucksvoller als je zuvor. An allen Toren von Borussia Dortmund war er beim 4:1 (3:0) gegen RB Leipzig beteiligt: Ballgewinn gegen Kevin Kampl vor dem 1:0, schneller Steilpass auf Erling Haaland vor dem 2:0, selbstloses Abspiel auf Jadon Sancho vor dem 3:0 und ein öffnender Diagonalball vor dem 4:1 – der Kapitän stellte selbst die beiden Doppel-Torschützen in den Schatten. Ein grandioser Auftritt.

Als er die Trophäe später in den Berliner Himmel reckte, war das der vielleicht emotionalste Moment seiner Laufbahn. Reus und seine Kollegen ließen die wenigen Zuschauer und Millionen auf dem Sofa für einen Moment vergessen, dass gerade ein Geisterfinale zu Ende gegangen war. „Wir haben den Pott, das ist für die Fans“, so der Routinier, der sich in dieser Form auch für eine EM-Teilnahme empfahl.

Die Dortmunder waren mit dem Abpfiff schier aus dem Häuschen. Sie zele­brierten diesen Titel, wie es wohl kein anderer Club in dieser schwierigen Zeit getan hätte. Der BVB hat die Gunst der Stunde genutzt, nachdem Rekord-Champion Bayern München im Januar gescheitert war. Die Bierdusche für Coach Edin Terzic musste auch während der digitalen Pressekonferenz sein, das für Schwarz-Gelb fast obligatorische Bild vor dem Marathontor ebenfalls. Reus hatte es sich erst recht mit seiner Leistung verdient, als Letzter aufs Siegerpodest zu schreiten und den Pokal entgegenzunehmen. Weil das übliche Händeschütteln mit DFB-Offiziellen und die Medaillenübergabe flachfielen, ging die Prozedur schneller als sonst über die Bühne, was dem Überschwang keinen Abbruch tat. Es lag eine prickelnde Freude in der Luft, Borussias Stadionsprecher und Berlin-Legende Norbert Dickel begleitete die Ekstase auf Tribüne mit Freudenschreien fürs Netradio.

Im Zentrum der Party-Nacht standen aber weder Reus noch die jungen Goalgetter Sancho und Haaland. Nein, hochleben lassen wollten die Profis den Ältesten unter ihnen. Lukas Piszczek, der ein sagenhaftes Jahrzehnt für den BVB hinter sich hat. Der Pole, sein Trikot nun falsch herum übergestreift, unterdrückte keine einzige Träne, seine Kollegen betonten, wie sehr sie sich für ihn freuten. „Ich habe immer gesagt, dass ich den Vertrag verlängert habe, weil ich meine Karriere mit einer Meisterschaft oder einem Pokal beenden möchte“, sagte der 35-Jährige.

Seit er wieder hinten rechts verteidigt, sind die Dortmunder auf Erfolgskurs. 17 der 18 Spiele mit Piszczek gewann das Team. Die komplizierte Saison ist aber erst dann doch noch vollkommen, wenn der BVB das Königsklassenticket zieht. Terzic hat das Ensemble trotz zwischendurch sieben Zählern Rückstand auf Platz vier geführt. Clubchef Hans-Joachim Watzke, der viele warme Worte für den einstigen Co-Trainer fand, gab in der Stunde des Triumphs die Anweisung, die Champions League abzusichern. Jeder weiß, dass das wirtschaftlich weitaus höhere Bedeutung als der Pokal hat.

Individuelle Klasse, Effektivität und ein sehenswertes Umschaltverhalten waren die Bausteine des Erfolgs. Die Borussen waren nicht als Favorit in die Hauptstadt gereist und sahen sich auch langen Druckphasen gerade nach der Pause ausgesetzt. Neben der Angriffsreihe, deren Klasse nie in Abrede stand, stachen auch die Innenverteidiger Mats Hummels und vor allem Manuel Akanji heraus. Die Frühjahrsstabilität einer zu Recht häufig gescholtenen Truppe ist zweifellos ein Verdienst des Vereinssoldaten Terzic.

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