1. www.muensterschezeitung.de
  2. >
  3. Sport
  4. >
  5. Fussball
  6. >
  7. Ex-BVB-Profi Subotic: „Ich bin kein Heiliger und habe meine Macken“

  8. >

Fußball: Interview

Ex-BVB-Profi Subotic: „Ich bin kein Heiliger und habe meine Macken“

Münster

Neven Subotic, Deutscher Meister mit Borussia Dortmund 2011 und 2012, hat mit dem Fußball abgeschlossen. Aber keine Langeweile. Seit fast zehn Jahren kümmert er sich mit seiner Stiftung um benachteiligte Menschen. Nun hat er seine Autobiografie vorgelegt. Titel: „Alles geben“.

Von Wilfried Sprenger

Neven Subotic stellt sich in seiner Autobiografie „Alles geben“ selbst an den Pranger und wirkt für mehr Gerechtigkeit im System Profifußball und der globalisierten Welt. Foto: Imago/Hoffmann

Häufig in den vergangenen Jahren ist Neven Subotic als „der andere Fußballer“ beschrieben worden. Seine Gedanken kreisten nicht nur um Dreierkette, Doppel-Sechs und falsche Neun. Der heute 33-Jährige lenkte schon sehr früh seinen Blick über die Flutlichtscheinwerfer hinaus.

Sein Buch „Alles geben“, in dem er auch die eigene Fehlbarkeit schonungslos einräumt, soll ein Appell für mehr Gerechtigkeit im abgehobenen System Profifußball und in einer globalisierten Welt sein. Unser Redaktionsmitglied Wilfried Sprenger sprach mit dem Ex-Fußballer.

Herr Subotic, Sind Sie ein Heiliger?

Subotic: Ah, ich weiß, worauf sie hinauswollen.

Auf Jürgen Klopp, Ihren ehemaligen Trainer, der im Vorwort zu Ihrem Buch „Alles geben“ die Verwandlung des Fußballprofis zum Heiligen beschrieben hat ...

Subotic: Natürlich bin ich das nicht, ich habe auch meine Macken. Aber ich weiß ja, wie Jürgen das gemeint hat.

Klopp war in Mainz und später in Dortmund über viele Jahre so etwas wie Ihr Ziehvater. Sein Beitrag ist außergewöhnlich warmherzig. Sie sollen das Stück erst viele Tage nach der Zusendung gelesen haben ...

Subotic: Dieses Vorwort war mir wichtig. Und ich wollte es auf keinen Fall digital lesen, da bin ich vielleicht ein bisschen altmodisch. Da ich zu der Zeit viel unterwegs war – auch in Afrika – hat es halt gedauert. Und dann habe ich mich über die besondere Wertschätzung sehr gefreut.

Kein Heiliger – ist Minimalist passender?

Subotic: Früher hatte ich keine wirkliche Orientierung und habe gedacht, ich brauche dies und das. Heute weiß ich wirklich, was ich brauche. Und das ist nicht sehr viel. Ich vermisse nichts, ich habe mich ja nur vom Überfluss befreit.

Es gab eine Zeit, da haben Sie zügellos gelebt und alles mitgenommen: Alkohol, Autos, Frauen. Was denken Sie im Rückblick?

Subotic: Es war eine komplett verlorene Zeit, einfach beschämend. Ich dachte, ich sei cool und männlich und am richtigen Ort. Aber das fühlte sich nur so an. Alles Luft, keine Inhalte. Sinnlos und oberflächlich. Und so falsch.

In Ihrem Buch fällt einmal das Wort Arschloch. Waren Sie eins?

Subotic: Ja, an manchen Tagen und in manchen Situationen schon.

Feierbiest: Neven Subotic verabreicht Mitspieler Kevin Großkreuz bei der Meisterfeier 2012 eine Bierdusche. Heute blickt er auch auf diese Jahre geläutert zurück. Foto: Imago/Ulmer

War diese exzessive Lebensphase vielleicht eine Reaktion auf die schwierige Zeit davor? Als Kind wurde Ihnen die Schokolade genommen, die Sie gern gehabt hätten. Mit 15 haben Sie ihre Mutter regelmäßig auf einer Putzstelle unterstützt. Wegen des Krieges mussten Sie Ihre Heimat Jugoslawien verlassen. In Deutschland wurden Sie abgeschoben ...

Subotic: Wahrscheinlich hatte auch die Vergangenheit Anteil an meinem Verhalten. Niemand verdient es, von der Gesellschaft missachtet oder abgeschoben zu werden. Das ist nicht fair und nicht gerecht. Wahrscheinlich habe ich für einige Zeit so aufs Gas gedrückt, um anderen zu zeigen, dass ich mir das jetzt auch leisten kann. Vielleicht war das die Botschaft: Seht her, ich habe alles, und es bedeutet mir eigentlich nichts.

Wann haben Sie sich nicht mehr wohlgefühlt in der Parallelwelt Fußball mit ihrem Protz und den Auswüchsen. Gab es ein Schlüsselerlebnis?

Subotic: Nein, das war ein schleichender Prozess. Irgendwann habe ich gemerkt, dass Dinge nicht richtig sind oder besser werden, weil sie alle machen. Ich wollte nicht mehr in dieser Welt leben, in der ich einmal im Jahr eine Charity-Veranstaltung besuche, kurz vor Weihnachten für ein Foto ins Kinderkrankenhaus fahre und dann sage: Check! Ich wollte etwas verändern und mir Raum schaffen für persönliches Wachstum und gesellschaftlich relevante Themen. Ich wollte nicht mehr im Überfluss leben.

Sie haben alles verkauft: Haus, Autos, Motorrad ...

Subotic: Was gar nicht so einfach war. Wenn man Geld hat, ist es keine große Sache, etwas zu kaufen. Es wieder loszuwerden zu einem halbwegs vernünftigen Preis, ist viel schwieriger. Der Verkauf des Hauses war super anstrengend. Ich hatte es über Wert erworben und habe dann noch viel unnützes Zeug reingestellt. Es hat drei Jahre gedauert, ehe es verkauft war.

Die Gründung Ihrer Stiftung jährt sich im November zum zehnten Mal. Um die Verwaltungskosten zu decken, bringen sie selbst jährlich mehrere hunderttausend Euro ein. Haben Sie nicht Sorge, irgendwann mittellos zu sein?

Subotic: Wir sind dabei, die Last auf mehrere Schultern zu verteilen, ich wünsche mir da weniger Abhängigkeit. Ich habe keine Sorge und brauche ja auch nicht viel.

Sind Sie ein glücklicher Mensch?

Subotic: Fragen sie meine Freundin. Ich vermute, sie wird nein sagen.

Die Frage ist aber an Sie gerichtet ...

Subotic: Vielleicht war ich glücklich, als ich mit drei Promille intus herumgegrölt habe. Aber das ist natürlich das falsche Kriterium. Mir ist es wichtig, sinnvoll zu leben und einen kleinen Beitrag zu einer gerechteren Gesellschaft zu leisten. Ich möchte mich dabei nicht am Minimum orientieren, sondern wirklich alles geben.

Mit 23 eine eigene Stiftung gegründet

Startseite
ANZEIGE