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Fußball-WM in Katar

WM-Stimmung und geheime Bars in Doha

Doha (dpa)

Zwei Wochen Fußball-WM sind vorbei. Die Organisation des Turniers verläuft inzwischen ohne Zwischenfälle, Hunderttausende Fans sorgen für Stimmung. Vieles bleibt aber Fassade.

Jan Mies und Nils Bastek, dpa

Fußball-Fans feiern in Doha im Pub «Red Lion». Foto: Nils Bastek/dpa

Am Eingang steht nicht einmal ein Schild, so als würde es diesen Ort hier gar nicht geben. Es geht über Treppen zwei Etagen nach oben, ein kurzer Schlenker nach links - und plötzlich sieht es aus wie in London. Oder Dublin. Oder Berlin. Nur, dass es eben immer noch Doha ist.

Die Wände sind holzvertäfelt und das Licht gedämpft vom Rauch der Zigaretten. Eine Liveband spielt «Gimme! Gimme! Gimme!» von ABBA, die meisten Besucher halten einen halben Liter Bier in den Händen, einige tanzen. Eine Szenerie, wie es sie in jeder europäischen Großstadt und während jeder Fußball-WM geben könnte. Deshalb wirkt sie hier zunächst fremd.

Im Red Lion in Katars Hauptstadt befinden sich kaum Einheimische. Es sind Menschen in Trikots von England, Brasilien, Wales oder Spanien, alles Fans, die zur Weltmeisterschaft angereist sind. Das Red Lion scheint für sie eine Art Zufluchtsort, wo sie das ausleben können, was sie aus ihrer Heimat kennen, in Katar aber nicht für möglich gehalten hatten. WM-Stimmung werde bei der insbesondere in Deutschland wegen der Menschenrechtsverletzungen höchst umstrittenen Endrunde nicht aufkommen, das war der Tenor. Ist das so?

Großer Andrang auf Fanfest

«Ich kann immer noch nicht glauben, das Glück zu haben, der millionste Gast beim Fanfest zu sein», zitierte der Weltverband FIFA am Wochenende, nach zwei 14 Tagen WM, jubelnd einen Fan. Der Andrang an der riesigen Leinwand im Al-Bidda Park an der Vorzeigepromenade Corniche soll ungebrochen groß sein. Es ist einer der wenigen Orte, wo im Kontext der WM Alkohol verkauft werden darf. Das viel diskutierte Verbot kurz vor dem WM-Start für den Stadionbereich hat sich zumindest aus Sicht der strikt auf Ordnung bedachten Organisatoren ausgezahlt.

Die An- und Abfahrt zu den acht Stadien verläuft problemlos. Wer zu Spielen insbesondere der lateinamerikanischen und arabischen Mannschaften fährt, erlebt WM-Stimmung und -Gesang erst in den hochmodernen U-Bahnen und dann in den Arenen. Marokko, Tunesien, Saudi-Arabien, Argentinien und Mexiko wurden oder werden bei jedem WM-Spiel in Doha von mehr als 30.000 Fans unterstützt. Das Aus der deutschen Nationalmannschaft, die nur wenige Tausend Fans vor Ort unterstützt hatten, beeinträchtigt die WM-Stimmung dagegen nicht. Deutsche Länderspiele gelten ja nicht mal zu Hause als Ort der Ekstase.

An den U-Bahn-Stationen sorgen Hunderte freiwillige Helfer und die in Schwarz gekleidete, eigens eingesetzte «Tournament Security Force» für geregelte, sich langsam, aber stetig bewegende Menschenströme. Auf abschreckende Ausrüstung verzichten die Ordnungskräfte aus verschiedenen Ländern. Die meisten tragen Basecaps. Und das Sicherheitsgefühl ist höher als in manch deutschen Städten nach alkoholgetränkten Fußballspielen. Allerdings nur, wenn die sehr strikten Regeln befolgt werden, die teils weit weg von dem sind, wie sie sein sollten.

Konzept funktioniert innerhalb der Turnierblase

Die Berichte der ersten Wochen über Zwischenfälle wegen Regenbogenfarben auf Armbändern, Shirts und Fahnen haben in der zweiten Vorrunden-Hälfte abgenommen. Homosexualität ist in Katar verboten und wird mit bis zu sieben Jahren Gefängnis bestraft. Daran, dass überall um die Stadien und Versammlungsorte genaue Wege vorgegeben sind, die von den Volunteers mit großen Zeigehänden vorgegeben werden, gewöhnten sich die Fans. Das Konzept funktioniert, zumindest innerhalb der großen Turnierblase, in der die Welt scheinbar völlig in Ordnung ist und die massive Kritik am Gastgeber verblasst.

Mit stimmungsvollen Spielen war auch die Endrunde 2018 in Russland abgelaufen. Der Funktionärsmythos der gesellschaftspolitischen Veränderung durch den Sport wurde allerspätestens mit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine ad absurdum geführt.

Katars WM-Organisationschef Hassan al-Thawadi sprach in einem viel beachteten Interview von «etwa 400, zwischen 400 und 500» ausländischen Arbeitern, die in der Vorbereitung der WM gestorben seien. In einer Stellungnahme fingen die Organisatoren die Aussagen schnell wieder ein, sie bezögen sich auf nationale Statistiken für alle arbeitsbedingten Todesfälle landesweit in Katar, für alle Branchen und Nationalitäten im Zeitraum von 2014 bis 2020 beziehe. Diese Zahl liege bei 414.

«Es kann keine Entschuldigung mehr dafür geben, den Familien die Wahrheit, Gerechtigkeit und Entschädigung zu verweigern», sagte Steve Cockburn, der Leiter der Abteilung für wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte bei der Menschenrechtsorganisation Amnesty International als Reaktion auf die Aussagen von al-Thawadi. «Bis alle Misshandlungen, denen die Gastarbeiter in Katar ausgesetzt sind, behoben sind, wird das Vermächtnis dieser WM stark getrübt», äußerte Cockburn.

Ein aufsehenerregender Bericht des britischen «Guardian» von Anfang 2021 hatte von mehr als 6500 toten ausländischen Arbeitern aus fünf asiatischen Ländern im Emirat in den zehn Jahren seit der WM-Vergabe im Jahr 2010 gesprochen. Katar hatte die folgende Kritik zurückgewiesen und von einer normalen Todesrate gesprochen.

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