Interview

Alexander Heflik erzählt die Geschichte des deutschen Fußballers Erwin Kostedde

Münster

Er schrieb Geschichte als erster schwarzer Spieler der deutschen Nationalmannschaft: der ehemalige Fußballstar Erwin Kostedde. Der Sportjournalist Alexander Heflik hat ein Buch über ihn geschrieben, das zugleich ein Stück deutscher Zeitgeschichte erzählt.

Harald Suerland

Erwin Kostedde spielte im Jahr 1975 bei Hertha BSC Berlin. Foto: imago sportfotodienst via www.imago-images.de

Das Buch über Erwin Kostedde ist ungewollt aktuell geworden: Ex-Nationaltorwart Jens Lehmann hat sich mit einer rassistischen Bemerkung gegenüber einem schwarzen Spieler ins Abseits gebracht. Waren solche Vorkommnisse aus der Vergangenheit Anlass für Ihr Buchprojekt?

Alexander Heflik: Für mich gab es zunächst einen anderen Aufhänger: Vor acht oder neun Jahren hat mich Erwin Kostedde angerufen und gefragt, ob ich ihm Karten für ein Spiel von Preußen Münster besorgen könne. Wir blieben in Kontakt – und 2016 habe ich einen Text zu seinem 70. Geburtstag geschrieben. Irgendwann, nach mehreren Gesprächen, sagte er zu mir: Wenn ich Ihnen alles erzähle, kommt ein Buch dabei raus. So entstand der Plan. Das Thema Rassismus war nicht mein Leitgedanke, sondern: Dieser Typ war auf einmal da. Ich habe mir dann Zeit gelassen, um einen Rhythmus für die Gespräche zu finden. Wir haben uns alle drei bis vier Wochen im Café ge­troffen. Der Rassismus ist ein Oberthema, aber mein Gedanke war nicht: Ich muss jetzt noch über Rassismus berichten.

Um Rassismus im deutschen Fußball geht es ja gerade in der Fernsehdokumentation „Schwarze Adler“, die bei Amazon zu sehen ist und am 18. Juni im ZDF gezeigt wird. Wie hängen Film und Buch zusammen?

Heflik: Im vergangenen Jahr gab es einen rassistischen Vorfall im Stadion von Preußen Münster, damals reagierten die Fans geschlossen gegen die Provokation. Im Zusammenhang mit bekannten Spielern wie Jimmy Hartwig oder Steffi Jones, die in der Dokumentation zu Wort kommen, und auf der Suche nach früheren Nationalspielern ist man auch wieder auf den fast vergessenen Kostedde aufmerksam geworden. Und mein Geburtstagsartikel war dafür eine Quelle. Durch das Thema Rassismus bekommt das Buch nun ungeahnte Aufmerksamkeit. Eine Bekannte von mir aus Senegal, die den Film gesehen hat, sagte, sie habe am Ende geweint.

Kommt Rassismus eher an die Oberfläche, wenn es um Misserfolg und Häme geht? Im Buch werden ja auch Begriffe wie „schwarze Perle“ oder „brauner Bomber“ zitiert – bis hin zu Kosteddes Sehnsucht, „einer wie Muhammad Ali“ zu sein.

Heflik: Dass er als der „deutsche Pelé“ bezeichnet wurde, hat Erwin Kostedde eben hingenommen. Man hört ja immer noch Ausdrücke wie „schwarze Gazelle“; rassistische Ausfälle sind dem Fußball immanent: Ein schlimmes Beispiel kam vom lang­jährigen Aufsichtsratsvorsitzenden des FC Schalke 04, Clemens Tönnies, der dann seinen Posten räumen musste. Kostedde sagt, er musste immer besser sein als andere, um anerkannt zu werden. Muhammad Ali war ein Leitbild für ihn, durch seine Leistung, aber auch weil er deutlich seine Meinung gesagt hat. Man muss sich so etwas vergegenwärtigen wie das Spiel der Nationalmannschaft in Wembley 1975: Die ganze englische und fast die komplette deutsche Mannschaft bestand aus Weißen, bis auf einen – Erwin Kostedde. Kurz vor dem Spiel wurde er durch den ­gehässigen Spruch eines Fans mit dem N-Wort konfrontiert: Das nahm er natürlich mit ins Spiel – und spielte schlecht.

Ihr Buch hat eine ungewöhnliche Dramaturgie: Vom Gipfelpunkt des Jahres 1974, als Erwin Kostedde das „Tor des Jahres“ schoss, schreitet es abwechselnd vor und zurück, um bei Kosteddes schwieriger Jugend und der jüngeren Vergangenheit und Gegenwart anzukommen. Wie kam es zu dieser Anlage?

Heflik: Ich hatte angefangen, es chronologisch zu schreiben, und habe diesen Plan dann 2018 verworfen. Das Buch gipfelt ja im Kapitel mit dem Überfall auf eine Spielothek im Jahr 1990, für den er verdächtigt und angeklagt wurde, in Untersuchungshaft kam und dann freigesprochen wurde. Wenn ich dieses Leben sehe, dann fällt mir ein reißender Strom mit all seinen dramatischen Wendungen ein, da kommt mir mein eigenes Leben doch eher vor wie die Aa oder vergleichbar ruhige Flüsse.

Das spiegelt sich im ­Wechsel der Kapitel, der einzelnen Geschichten wider. Bei Netflix gibt es eine Dokumentation über den Basketball­spieler Michael Jordan mit dem Titel „The Last Dance“, die mich dazu angeregt hat. Man muss natürlich den passenden Stoff haben, um so zu erzählen. Und wenn man sich fragt: Wie war denn das Leben von Erwin Kostedde, der von seinem Geld nichts übrig hielt, der um seine verstorbene Frau trauert, dann kann man sagen: Der kämpft bis heute.

Erwin Kostedde war einst Nationalspieler und Sportheld, später U-Häftling, verarmter Mitbürger. Ist es diese Geschichte vom gefallenen Helden, die Sie reizte? Oder was ist so speziell an ihm?

Heflik: Er war oft am besten, wenn er Freigeist sein durfte. Als er im Jahr 1979 in Laval in Frankreich spielte, war er Torschützenkönig, noch vor dem WM-Star von 1974 Johnny Rep und dem großen Michel Platini. Man hat ihm alle ­Freiheiten gelassen. Vier Jahre zuvor war er aus dem Dortmunder Stadion gepfiffen worden! Er hat mich mal gefragt: „Es gibt doch bestimmt auch Leute, die mich gut fanden?“ Mich beeindruckt, dass er das auch so rausgelassen hat.

Sind derartige Lebenswege eigentlich im modernen Sport- und Fußball-Business noch möglich oder sind sie eher typisch für eine vergangene Zeit?

Heflik: Das würde heute nicht mehr gehen. Dieser Erwin Kostedde war gut, hatte eine Begabung, aber er war kein Supertalent. Er war drei Mal in Jugendanstalten – einer wie er würde heute durchs Raster fallen. Die heutigen Spieler laufen doppelt so viel wie damals, die haben Körper wie ­Maschinen, einen Plan schon in der B-Jugend. In den ­Leistungszentren werden sie zu Fußballakademikern aus­gebildet. Kostedde war ein guter Stürmer. Sein Pech: An Gerd Müller ist er nicht vorbeigekommen, dazu fehlte ihm der letzte Biss.

Es gibt drei Stars des deutschen Fußballs im Buch, deren Name auch Fußball-Laien sofort ins Augespringt: Berti Vogts, Rudi Assauer, Otto Rehhagel. Hatten sie den größten Einfluss auf Kostedde?

Heflik: Mit Anfang 30 schien Kosteddes Zeit schon vorbei. Trainer Ernst Happel hatte ihn Anfang der 70er Jahre nach Rotterdam holen wollen, neben Amsterdam die beste Adresse im europäischen Fußball, aber er wollte lieber in Deutschland spielen. Später holte ihn Laval, er hatte wieder Erfolg. Und dann erinnerte sich Rudi Assauer an ihn, der die abgestiegenen Bremer erneuern wollte, und Kostedde hatte zwei Superjahre dort – da war er schon Mitte 30. Der Aufstieg unter Trainer Otto Rehhagel hing mit Kostedde zusammen: Als der Bremer Trainer Kuno Klötzer verunglückte, riet Kostedde dem Manager zu Rehhagel: „Den kannste holen.“

Umso enttäuschter war er während des ­Prozesses, als er zum Vorwurf des Überfalls immer wieder sagte: „Ich war das nicht!“ und Rehhagel in einem Interview nur den Spruch brachte: „Jeder ist seines Glückes Schmied“. Das lasse ich Kostedde im Buch selbst erzählen, er sagt: „Den gucke ich mit dem Arsch nicht mehr an“. Bei Berti Vogts ist es die Episode, die ich am Anfang schildere: Weil Kostedde die einzige Schwäche des bissigsten aller Verteidiger sah, konnte er ihm im Bundesligaspiel 1974 zuvorkommen und ein Tor schießen, wie es Jahre später Mario Götze bei der WM 2014 auf ähnliche Weise gelang: ein Artefakt des Fußballs.

Ein wichtiger Einfluss für Kostedde war Fiffi Gerritzen, der ihm in Münster zwei Dinge beigebracht hat: den Übersteiger, mit dem man den Gegenspieler narrt, und das Doppelpass-Spiel. Die Dreieck-Situationen, die heute ein Trainer wie Pep Guardiola einstudiert und die auf permanenten Ballbesitz zielen, sind eine Weiterentwicklung davon. Das beherrschte Erwin Kostedde: Er war schon ein ­geiler Spielertyp! Der konnte alles gut – nur nicht nach hinten arbeiten.

Zielt das Buch auch auf Leser ab, die weder Fans von ­Preußen Münster sind noch sich als heimliche Trainer der Nationalmannschaft fühlen?

Heflik: Das Buch hat mit Preußen Münster nicht so viel zu tun. Nach fünf Jahren Arbeit daran kann ich nur sagen: Es ist eine Geschichte, die erzählt werden musste, ein emotionaler Ritt auf der Rasierklinge. Keine weiche Geschichte. Man muss sich vor Augen führen: Erwin Kostedde kommt 1946 zur Welt, im Jahr eins nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Mir ging es nicht darum, ein Fußballbuch zu schreiben – es hätte auch heißen können: „Ein deutsches Leben“.

Das Buch

Alexander Heflik: „Erwin Kostedde – Deutschlands erster schwarzer Nationalspieler“. Verlag Die Werkstatt, Bielefeld. 208 S., 19,90 Euro

Foto: Die Werkstatt
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