Serie: Sport in der Corona-Falle

Münsters Stadtsportbund gibt die Devise aus: „Bleibt uns treu“

Münster

Kontaktminimierung ist das Gebot der Stunde. Deshalb trifft die neue, seit dem 11. Januar gültige „Corona-Schutzverordnung“ auch den den organisierten Sport. Wie und ob münsterische Vereine in der Pandemie einigermaßen zurechtkommen, wird in einer neuen Serie dargestellt. Teil eins – der SSB

Jürgen Beckgerd

SSB-Chef Michael Schmitz (l.) und Münsters OB Markus Lewe appellieren an die Mitglieder, ihren Sportvereinen treu zu bleiben. Foto: SSB

Was tun, wenn es im Fuß juckt, aber mit Schließung der Sportplätze auch der Strafraum gesperrt ist? Was geht, wenn der Dienstagabend-Kurs „Bauch-Beine-Po“ im Sportverein ausfällt? Und wohin, wenn die Lust auf die „dritte Halbzeit“ nach dem abgesagten Handball-Training in der Clubgaststätte seit Wochen durch das Getränkemarkt-Sonderangebot allein bewerkstelligt werden müsste?

Ohne Sport ist alles Mist in diesen Zeiten. Kann man so sehen und in Lethargie verfallen. Man kann aber auch einen Blick auf die „Trotzdem-Aktivitäten“ seines Vereins werfen, kann sich beim Stadtsportbund (SSB) Münster informieren, was alles noch geht, vor allem gehen muss. „Mit meinem Verein durch die Corona-Krise“ heißt es in einer aktuellen Initiative in Kooperation mit Oberbürgermeister Markus Lewe, die just in diesen Tagen anlaufen soll. In dem gemeinsamen Appell richten sich Lewe und der SSB-Vorsitzende Michael Schmitz an die gut 95 000 Mitglieder in den rund 200 Sportvereinen. „Jetzt gilt es zusammenzustehen“, so die Devise.

SSB-Geschäftsführer Robin Schneegaß verweist angesichts der Mahnungen aus den Dachverbänden, wonach der Vereinssport eine seiner größten finanziellen, organisatorischen und partizipativen Krisen befürchtet, auf die Inhalte der Initiative. Überschrift: „Bleibt uns treu!“ Er erwarte „keine Hiobsbotschaften, aber wir haben schon mitbekommen, dass die Zahl der Neuzugänge die der obligatorischen Abgänge nicht kompensieren kann“. Immerhin: In fast allen Clubs seien die Zahlen 2020 stabil geblieben, mitunter sogar leicht gewachsen, wie eine aktuelle Erhebung zeige.

Lewe und Schmitz einmütig

Der SSB geht trotzdem in die Offensive: mit Plakaten, auf seinen Social-Media-Kanälen und der Homepage werden verstärkt Fotos, Storys und (virtuelle) Alternativprogramme aus den einzelnen Vereinen publiziert. „Dort sind fast 8000 Trainer und Übungsleiter aktiv. Auch die weiteren Nebenkosten in den Vereinen und Sportstätten laufen weiter“, so Schmitz. „Im Januar und Februar wird sich entscheiden, ob unsere Sportlandschaft weiter vielfältig und wohnortnah für die Münsteraner erlebbar bleibt.“ Lewe fügt hinzu: „Auf unsere Vereine, ihre Vorstände und viele Ehrenamtliche können wir uns verlassen. Sie haben mit Entschlossenheit und großer Verantwortung die einschneidenden Maßnahmen umgesetzt.“ Das habe dem Sport viel abverlangt und verdiene Respekt und Anerkennung.

Gesamtgesellschaftliches Defizit

Dass die sportimmanente Gemeinschaft während des Lockdowns im Verein leidet, verhehlt Schneegaß nicht. „Sie findet zumindest nicht in gewohnten Bahnen statt. Es gibt alternative Initiativen, die im Outdoor- und Online-Bereich angeboten werden, um zumindest etwas Normalität zu schaffen“, sagt er. Erfüllend seien diese aber eben nur selten. „Das ist das Problem für die Sportler, aber eben auch und besonders für die Clubs.“ Schneegaß spricht von einem gesamtgesellschaftlichen Defizit, das sich gerade im Sport widerspiegele. „In Zeiten, in denen Social Distancing das Gebot der Stunde ist, leidet der Sport. Lösungen sind ganz schwer zu finden.“

Trotzdem gibt es diese Alternativen, zu finden auch auf der SSB-Homepage, in Kooperation etwa mit dem Bildungswerk NRW. „Wir wollen unterstützen, bieten Hilfen an, indem wir Ideen bündeln und eine Plattform für Expertisen aufrufen. Das funktioniert schon ganz gut, aber mehr ist besser.“ Kleinere Vereine, die nach virtuellen Angeboten für ihre Mitglieder suchen, „müssen das Rad für sich selbst ja nicht neu erfinden. Sie können sich ja einklinken und an den bestehenden Ideen und Angeboten recht einfach partizipieren.“

Robin Schneegaß

Dass die münsterischen Vereine an finanzielle Grenzen stoßen, könne er in Einzelfällen nachvollziehen. SOS habe bislang aber noch keiner der Funktionäre gefunkt. Unlängst wurde Aufmerksamkeit durch eine Erhebung der Deutschen Sporthochschule (siehe Kasten) erwirkt, allerdings flossen auch Angaben (semi-)professionell geführter Clubs ein. „Die dort geschilderte Angst vor existenzbedrohlichen Lagen überrascht mich ein wenig“, so Schneegaß. In Münster habe der SSB derartige Rückmeldungen (noch) nicht erhalten.

Und ja, es gebe Förderprogramme des Landessportbundes und der Staatskanzlei in Düsseldorf. „Da ist ordentlich Geld im Topf“, betont der Geschäftsführer. „Aber um diese zu erhalten, muss ein Verein ja auch Verluste erwirtschaften.“ Angesichts von Satzungen und der Gemeinnützigkeit sei das mitunter problematisch. Stütze sich die Finanzierung des Vereins beispielsweise größtenteils auf (kommerzielle) Kursangebote, „dann greift das System, dann greift der Rettungsschirm.“

Gleichwohl weiß Schneegaß auch um die Problematik der Umsetzung: „Welcher kleine Verein ohne Hauptamtlichkeit tut sich diesen Aufwand, dieses komplizierte Verfahren, an?“

Schwierige Lage

„Für Sportvereine wird die Lage immer schwieriger.“ Unter diesem Titel veröffentlichte die Deutsche Sporthochschule Köln am 13. Januar Befunde aus dem Sportentwicklungsbericht, an dem sich 20 179 Clubs in Deutschland beteiligt hatten. Demnach mache ihnen die zweite Schließung aller Stätten für den Brei­tensport deutlich mehr zu schaffen als die Situation im ersten Lockdown. Zunächst war der Anteil an Vereinen ausgeglichen, die Mitgliedschaftsrückgänge oder -zuwächse zu verzeichnen hatten (36,6 Prozent Neu-Anmeldungen gegenüber 35,0 Prozent Abmeldungen). Nun habe sich das Verhältnis der Vereine, die für 2020 Rückgänge melden, mit 40 Prozent gegenüber 29 Prozent mit Zuwächsen erhöht. Jeder zweite Verein (52,4 Prozent) erwarte in den kommenden zwölf Monaten eine existenzbedrohliche Lage. Ursache hierfür sei für 41,3 Prozent aller Vereine der Mitgliederrückgang aufgrund der Pandemie. Als weitere Ursache wird von 34,9 Prozent der pandemiebedingte Rückgang an Ehrenamt­lichen genannt. Jeder fünfte Club (22,1 Prozent) rechne mit einer existenziellen Bedrohung aufgrund pandemiebeding­ter finanzieller Engpässe.

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