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Radsport: Ultrabike vom Gardasee bis zum Polarkreis

Teilweise bis zur Erschöpfung

Steinfurt

Die einen wandern den Jakobsweg, die anderen radeln durch Amerika oder erklimmen Berge. Es gibt genügend Herausforderungen, die einen Menschen körperlich an seine Grenzen bringen, ganz zu schweigen von den psychischen Belastungen und der irgendwann aufkommenden Frage: „Warum mache ich das überhaupt?“ Einer vom Rolinck-Team hat jetzt diese Erfahrung gemacht.

Von Günter Saborowskiund

Björn Holzapfel vom Rolinck Racing Team hat vom Gardasee bis ans Nordkap in Norwegen zwölf Tage im Sattel seines FAhrrads verbracht und dabei 4459 Kilometer abgerissen. Endlich am Ziel, gemeinsam mit seinem Kumpel Martin Temmen, der ihn in Norwegen zuletzt begleitet hat.So sieht jemand aus, der richtig fertig ist. Foto: Matteo Dunchi

Die einen wandern den Jakobsweg, die anderen radeln durch ganz Amerika oder erklimmen Berge gewaltigen Ausmaßes – es gibt genügend Herausforderungen, die einen Menschen körperlich an seine Grenzen bringen, ganz zu schweigen von den psychischen Belastungen und der irgendwann aufkommenden Frage: „Warum mache ich das überhaupt?“

Björn Holzapfel vom Rolinck Racing Team aus Stemmert hat sich – nicht zum ersten Mal – seit dem 24. Juli einer dieser Herausforderungen gestellt und ist den North Cape 4000 gefahren, ein Wettbewerb, der die Teilnehmer, völlig auf sich allein gestellt, vom Gardasee bis zum Nordkap führt. Am Mittwoch ist er nach 4459 Kilometern, die er in 289,1 Stunden gefahren ist, am Polarkreis in Norwegen angekommen – und hat dabei einiges erlebt.

Holzapfel, 38 Jahre alt und zu Hause in Unna, hat auf dem Rad schon viel unternommen und gesehen. Das Rennen Paris - Brest mit seinen 1200 Kilometern ist er bereits zwei Mal gefahren. Jetzt wollte er etwas anderes entdecken: „Die Ecke dort kannte ich noch nicht, vor allem das Baltikum und Finnland.“ Gepäck hatte er nicht viel auf seinem Rad, einer Mischung aus Renn- und Tourenrad. Nur 14 Liter. Dafür eine ganze Menge Material, um sein Rad bei einem Defekt reparieren zu können. Das war auch nötig, denn „im Baltikum war es schon grenzwertig. Da rasen die Lkw an einem mit 120 km/h vorbei und halten kaum Abstand. Ich bin von den Rennen, die ich fahre, einiges gewohnt, aber das war nicht ungefährlich. Außerdem sind die Straßen dort extrem schlecht“, berichtet Holzapfel.

Doch trotz guter Ausrüstung und Vorbereitung ereilt jeden ab und zu das Schicksal. „Zu Anfang war ich sehr schnell und bin gut vorwärts gekommen. Da war ich unter den Ersten, auch wenn die Veranstaltung offiziell kein Rennen ist. Als ich am sechsten Tag die Fähre von Tallinn nach Helsinki erreichen wollte, hat‘s mich gleich doppelt erwischt“, durfte sich der 38-Jährige mit Regen, einem Platten und einem weiteren Defekt auseinandersetzen. „Dadurch hatte ich die Fähre verpasst. Das hat mich auch psychisch sehr belastet. Ich war echt fertig“, erzählt er. 989 Kilometer saß er in fast 36 Stunden im Sattel, ist die Nacht durchgefahren – und hat sein Ziel, die Fähre, dennoch nicht erreicht.

Am nächsten Tag hat sich Holzapfel eine richtige Pause gegönnt, gegammelt quasi und ist erst mittags nach einer ausgiebigen Hotelübernachtung nur 107 Kilometer gefahren. „Danach war das Rennen irgendwie für mich gelaufen, ich habe es ruhig angehen lassen.“ Wahrscheinlich nur aus seiner Sicht, denn 297 am achten, 482 am neunten, 222 am zehnten und 483 an den letzten beiden Tagen sind für Otto-Normalradfahrer immer noch mehr als eine Herausforderung. „Man kann mehr leisten, als man glaubt. Der Körper kann auch mit Mangel auskommen, das sieht man ja beim Fasten. Ich war zwar noch nicht auf der Waage, aber ich habe bestimmt fünf, sechs Kilo an Gewicht verloren“, schätzt der Rolinck-Fahrer.

Drei Mal ist er nächtens durchgefahren, „obwohl es schlauer gewesen wäre zu schlafen. Aber ich lag nach dem ersten Tag weit vorne. Dadurch hatte ich mich irgendwie verpflichtet gefühlt, weiter Gas zu geben“, berichtet er vom Auftakt. Hütten auf einem Campingplatz oder Hotels habe es gegeben, „ich hatte auch ein Notbiwak, das war eine bessere Mülltüte. Da habe ich drei Stunden im Regen drin gelegen und kaum geschlafen“, hat ihm diese Erfahrung gelangt. Außerdem sei es nicht ungefährlich unter freiem Himmel zu schlafen. „In der Slowakei kann dir schon mal ein Bär begegnen“, sagt er.

Bei allen Strapazen hat Björn Holzapfel auch diese Tour überstanden und „erstaunlich gut verkraftet“, wie er selbst sagt – und ist erst gestern von Norwegen aus zurück – per Flieger.

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